Israels Position zum syrischen Bürgerkrieg:Angst liegt in der Luft

Lesezeit: 3 min

Prime Minister Benjamin Netanyahu Convenes Weekly Cabinet Meeting

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu (Mitte) beim wöchentlichen Kabinettstreffen

(Foto: Getty Images)

Israels Premier Netanjahu fordert eine internationale Reaktion auf den mutmaßlichen Chemiewaffen-Einsatz in Syrien und macht deutlich, dass sich sein Land im Ernstfall verteidigen wird. Die Sorge, dass Israel in den chaotischen Konflikt hineingezogen wird, wächst, auch die Bevölkerung ist zunehmend alarmiert.

Von Matthias Kolb

Benjamin Netanjahu kam schnell zur Sache. Zu Beginn der sonntäglichen Kabinettssitzung sprach Israels Premierminister den Opfern des mutmaßlichen Giftgasangriffs in Syrien sein Mitgefühl aus: "Unsere Gedanken sind bei den Frauen, Kindern, Babys und Zivilisten, die auf so grausame Art durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen Schaden erlitten haben."

Dann nennt Netanjahu die drei Konsequenzen, die Israel aus der "furchtbaren Tragödie" im Nachbarland zieht. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass die Situation so bleibe und dass die gefährlichsten Regimes der Welt über die gefährlichsten Waffen der Welt verfügen könnten. Sollten die "Vorgänge" nicht aufhören, dann sei Israel bereit, seine Bürger zu verteidigen, so der Premier.

Auch wenn Justizministerin Zipi Livni in einem Rundfunkinterview erklärte, die Regierung verfolge weiter eine Politik der Nichteinmischung, sagte Netanjahu beim Treffen mit seinen Ministern: "Notfalls ist unser Finger am Abzug." Am Sonntag meldete sich auch Präsident Schimon Peres zu Wort: "Die Zeit ist reif für einen internationalen Versuch, sämtliche Chemiewaffen aus Syrien zu beseitigen." Diese Aktion sei zwar schwierig und kostspielig, aber es werde "noch teurer und gefährlicher, nicht zu handeln", so der 90-Jährige.

Es ist klar, an wen sich Peres mit dem Begriff "internationaler Versuch" wendet: Er fordert indirekt ein Eingreifen der USA, wodurch der Druck auf das Weiße Haus weiter wächst. Und alle Aussagen zeigen: Der mutmaßliche Chemiewaffen-Einsatz der vergangenen Woche in Syrien, bei dem Hunderte getötet und Tausende Menschen verletzt wurden, hat Israel aufgeschreckt.

Bisherige Haltung der Israelis: Abwarten und beobachten

Auch wenn die Regierung Ende Mai eine von Sirenengeheul begleitete Zivilschutzübung abhielt, deren Szenario sich an einem syrischen Giftgasangriff orientierte, hatte die israelische Bevölkerung den Bürgerkrieg im Nachbarland lange Zeit ähnlich abwartend verfolgt wie der Rest der Welt. Dabei ist Damaskus nur 220 Kilometer von Jerusalem entfernt. Auch Warnungen wie jene des Luftwaffengenerals Amir Eschel ("Wenn Syrien morgen zusammenbricht, dann können wir sehr schnell und sehr tief hineingezogen werden") beunruhigten die krisenerprobten Israelis damals nicht.

Zwar hatte Israel mindestens drei Mal Waffenlieferungen des Assad-Regimes an die libanesische Hisbollah-Miliz durch Bombardements der Luftwaffe unterbunden und so eine kraftvolle Botschaft an beide Akteure geschickt: Wir werden so etwas nicht zulassen. Die Lage schien halbwegs unter Kontrolle. Auch als Damaskus einige Granaten auf die von Israel besetzten Golanhöhen abfeuerte, gab es keine Verletzte oder gar Tote. Im Gegenzug zerstörte Israel den entsprechenden Außenposten der syrischen Armee.

Doch nun wächst in Israel die Sorge, dass die Lage im Nahen Osten weiter außer Kontrolle geraten und das in Syrien und Ägypten herrschende Chaos das Land bedrohen könnte. Dieser Wunsch nach Stabilität erklärt Israels "Realpolitik mit Angstschweiß" - als solche bezeichnet SZ-Korrespondent Peter Münch die Unterstützung Netanjahus für Ägyptens Putsch-Generäle.

Viele Israelis haben keine Gasmasken

Dass sich Israel so lange aus dem Syrien-Bürgerkrieg herausgehalten und für keine Seite Position bezogen hat, liegt auch an der Unübersichtlichkeit des Konflikts. Dass Präsident Baschar al-Assad wie sein Vater Hafis am Bündnis mit Iran festhält und die Hisbollah im Libanon unterstützt, macht ihn zum Feind Israels. Syriens Militärstrategie sowie das riesige Arsenal an Chemiewaffen ist gegen Israel gerichtet. Doch für viele israelische Politiker und Militärs muss die Vorstellung, dass dieses Material ebenso wie schweres Gerät in die Hände von radikalen, dem Terror-Netzwerk al-Qaida nahestehenden Milizen geraten könnte, noch furchteinflößender erscheinen.

Für Amos Harel, der in der Tageszeitung Haaretz über Verteidigungspolitik schreibt, illustriert eine Zahl die abwartende, womöglich leichtsinnige Haltung seiner Landsleute: 40 Prozent von ihnen besitzen noch immer keine Gasmaske. Einige Politiker fordern die Regierung bereits auf, mehr Geld für die Beschaffung von Schutzmasken bereitzustellen.

Der Journalist Harel warnt die Regierung von Premier Netanjahu davor, die Amerikaner von der Seitenlinie aus zu einem Militärschlag anzufeuern, ohne das Land auf entsprechende Szenarien vorzubereiten. Es ist gut möglich, dass Israel nach einem möglichen US-Militäreinsatz in den Syrien-Konflikt hineingezogen wird. Schließlich ist das Land für Damaskus nicht nur der Todfeind, sondern auch der engste Verbündete der USA. Zudem steigt die Gefahr, dass Terroristen vom Libanon oder der ägyptischen Sinai-Halbinsel aus Israel mit Raketen beschießen, um ein Eingreifen und eine weitere Eskalation zu erzwingen.

Eine kleine Meldung deutet an, dass sich immer mehr Israelis auf die neue Gefährdungslage einstellen: Allein am gestrigen Sonntag wurden vier Mal so viele Gasmasken bestellt als an einem normalen Tag.

Mit Material von AFP und dpa.

Linktipp: Im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt Schimon Stein, der frühere Botschafter Israels in Deutschland, die Position seines Landes.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema