Israel Heillose Trümmer im Heiligen Land

Rußgeschwärzt: Statue der Jungfrau Maria am Gemäuer der Brotvermehrungskirche in Tabgha.

(Foto: Atef Safadi/dpa)
  • Ein Feuer hat Teile der Brotvermehrungskirche und des angeschlossenen Klosters in Israel zerstört. Ein 79-jähriger Mönch musste mit Rauchvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden.
  • Es ist von Brandstiftung auszugehen. "Die Götzenanbeter werden vernichtet werden", haben die Täter in hebräischen Buchstaben auf die Klosterwand gesprüht.
  • Seit Jahren verüben jüdische Extremisten in Israel Anschläge auf christliche und muslimische Einrichtungen.
Von Peter Münch, Tabgha

Drei tote Schwalben liegen vor dem Kirchenportal, erstickt im beißenden Rauch, die Flügel angeschwärzt. Ein Feuer hat gewütet an der weltberühmten Brotvermehrungskirche in Tabgha am Ufer des Sees Genezareth. Im Atrium des Gotteshauses hängt der Brandgeruch, vom "Diwan", dem Empfangsraum des angeschlossenen Benediktinerklosters, ist nichts geblieben außer verbranntem Holz, verschmorten Stühlen und verkohlten Büchern, die sich wie auf einem großen Scheiterhaufen türmen. Der Sachschaden ist enorm, ein 79 Jahre alter Mönch liegt mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. "Das ist nicht nur ein Anschlag auf die Religion, es ist ein Anschlag auf die Demokratie in Israel", sagt Pater Nikodemus Schnabel, der Sprecher der überwiegend deutschen Benediktiner von Tabgha.

Von Brandstiftung ist auszugehen in diesem heillosen Trümmerfeld am heiligen Ort. Schließlich haben die Täter eine Art Bekennerschreiben hinterlassen: "Die Götzenanbeter werden vernichtet werden", haben sie in roten hebräischen Lettern auf die Klosterwand gesprüht. Eine erschreckende Botschaft des Hasses - neu ist sie nicht. Seit Jahren schon ziehen jüdische Extremisten eine Spur der Verwüstung durchs Land. Häufiger sind Moscheen im palästinensischen Westjordanland das Ziel ihrer Wut, doch immer wieder trifft es auch christliche Einrichtungen im Heiligen Land.

Zerstochene Autoreifen, verwüstete Friedhöfe, ein gefälltes Kreuz

Die Benediktiner, deren Hauptsitz sich auf dem Jerusalemer Zionsberg befindet, haben schon mehrmals schmerzhafte Erfahrungen damit machen müssen. Pater Nikodemus berichtet von Vandalismus in Tabgha, wo eines Nachts auf dem Klostergrundstück ein Kreuz gefällt wurde, oder von Schmierereien an der Dormitio-Abtei am Zionsberg. "Tod den Christen", stand da und: "Jesus ist ein Hurensohn". Autoreifen wurden zerstochen, Friedhöfe verwüstet, und vor einem Jahr gab es schon einmal einen Brandanschlag auf die Dormitio-Abtei - just an dem Tag, an dem Papst Franziskus den Zionsberg besuchte.

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"Aber das hier ist das Schlimmste bislang", sagt Pater Nikodemus und blickt durch verbrannte Dachbalken hoch in den stahlblauen Himmel. "5000 Besucher haben wir am Tag", sagt er, auf das Jahr gerechnet sind das fast zwei Millionen. "Kein christlicher Pilger, der ins Heilige Land kommt, lässt Tabgha aus." Dies ist ja ein Ort für Wunder, Jesus hat hier dem Evangelium zufolge die Speisung der Fünftausend mit fünf Brotlaiben und zwei Fischen bewerkstelligt, nicht weit entfernt von hier soll er über Wasser gelaufen sein. Doch das größte Wunder derzeit ist wohl, dass nicht noch mehr passiert ist bei diesem Anschlag.

Schließlich war neben den Mönchen und acht jungen Volontären auch noch eine Gruppe israelischer Behinderter im Haus - und das Feuer wurde offenbar an mindestens zwei Stellen gleichzeitig gelegt, mit "krimineller Energie", wie Pater Nikodemus sagt. Einer der deutschen Volontäre berichtet von "meterhohen Flammen", welche die Bewohner nachts um 4.30 Uhr geweckt hätten. Der 79-jährige Pater Zacharias, der nun im Krankenhaus liegt, war aufs Dach geklettert, um mit einem Schlauch von oben zu löschen, bevor dann die Feuerwehr eintraf.

"Anschlag auf die Substanz des Zusammenlebens in Israel"

Es ist ein Schock - und in den Schreck mischen sich die Rufe nach Aufklärung. "Wir erwarten eine ernsthafte Antwort, bislang ist in dieser Richtung nichts passiert", sagt Abt Gregory Collins. Tatsächlich sind bisher alle polizeilichen Nachforschungen im Sand verlaufen. Nicht einmal die Überwachungskameras, die die Mönche schon vor zwei Jahren zu ihrem Schutz erbeten hatten, sind angebracht worden. Doch der Brand in Tabgha könnte ein so weithin sichtbares Fanal sein, dass auch die israelischen Ermittler zu neuer Tatkraft angespornt werden. Schließlich mahnte sogleich Israels Präsident Reuven Rivlin, dass dies ein "Anschlag auf die Substanz des Zusammenlebens in Israel" sei. Die Polizei meldete schon wenige Stunden nach dem Brand die Festnahme von 16 jugendlichen Siedlern in Tatortnähe, doch der Anfangsverdacht gegen die Gruppe ließ sich nicht erhärten.

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Die Aufklärung steht noch bevor, doch Solidarität ist schon sichtbar. Am Morgen nach dem Feuer sind Vertreter aller Religionen zum Ort des Anschlags gekommen. Zwischen Juden und Muslimen, Drusen und Maroniten steht auch der deutsche Botschafter Andreas Michaelis sichtlich bestürzt vor den Brandschäden und sagt: "Vorfälle dieser Art dürfen sich nicht wiederholen." Neben ihm steht der Rabbiner Avichai Apel aus Dortmund. Er ist gerade zusammen mit einer Delegation der deutschen Bischofskonferenz auf Versöhnungstour durchs Land gereist. "Ich bin zutiefst empört", sagt er. "Für uns als Juden, die aus Deutschland kommen, ist es sehr schmerzhaft, so etwas in Israel erleben zu müssen."