Island:"Vieles ist gut, aber nicht dank der Politik."

Nun führen die Parteien mal wieder Wahlkampf in Reykjavík. Wichtige Themen sind nicht etwa mehr Transparenz, die Abschaffung veralteter Gesetze oder Vetternwirtschaft. Die Parteien reden stattdessen lieber über greifbarere Probleme wie Häuserknappheit, Straßenbau oder die Finanznot bei Krankenhäusern.

Selbst die Piratenpartei, die einst ein neues Island schaffen wollte, hat sich angepasst. "Die Menschen sind müde, was die politische Instabilität angeht, und wollen sich für eine Weile keine Sorgen darum machen müssen", sagt Smári McCarthy, Mitbegründer der isländischen Piraten.

Er sitzt mit einer Cola zum Frühstück zwischen Abgeordneten-Büros, das Gebäude hinter dem Parlament wird renoviert. Island habe wirtschaftlich Glück gehabt, sagt McCarthy, weil die Touristen in Scharen kamen und die Makrelen auch. "Vieles ist gut, aber nicht dank der Politik." Das Schreibverbot für Stundin nennt er Zensur. Überhaupt habe er Zweifel an der Wahl; alles sei so "verrottet", und offenbar sei niemand in der Lage, das System zu reparieren. Jedenfalls niemand, der willig wäre. Viel Pessimismus für die sonst so energische Partei.

So viele Parteien im Parlament wie nie zuvor

Die Piraten sind durch den Ärger der Menschen über die Führung in Island groß geworden. Die Regierung wurde meistens von zwei Parteien gestellt: der konservativen Unabhängigkeitspartei von Benediktsson, für gewöhnlich die stärkste in Island, und der Fortschrittspartei. Deren Chef hatte 2016 Neuwahlen herbeigeführt. Sigmundur Davíð Gunnlaugsson trat damals mit Gezeter zurück, nachdem sein Name in den Panama Papers aufgetaucht war. Er hat nun eine neue Partei gegründet, nennt sie Zentrumspartei und hat ihr als Logo ein weißes Pferd vor lila-grünem Hintergrund gegeben.

Sigmundur Davíð Gunnlaugsson sagt, er wolle nach der Wahl einige Medien verklagen, die über sein und das Offshore-Vermögen seiner Frau berichtet haben. In Umfragen bekommt seine neue Partei mehr Stimmen als die Piraten. Bereits 2016 zogen sieben Fraktionen ins Parlament ein, so viele wie nie zuvor. Nun könnten es acht werden, und das Althing noch unruhiger als es ohnehin oft ist.

Katrín Jakobsdóttir von der Links-Grünen Bewegung bemüht sich, Ruhe auszustrahlen. Sie führt ihren Wahlkampf dieses Jahr auf altmodische Art, geht von Tür zu Tür. Auch sie konzentriert sich auf die üblichen Themen: Straßen, Häuser, Gesundheit. Auch sie stellt fest, dass die Menschen die Skandale leid sind. Sie wollten an die Zukunft denken, sagt Katrín Jakobsdóttir, "das kann ich ihnen nicht vorwerfen". Noch gehört sie zur Opposition, hat aber gute Chancen, Premierministerin zu werden - falls es nicht wieder Benediktsson wird.

Die Verfassung hatten die Isländer selbst mitentworfen

Es seien eher die ausländischen Journalisten, die immer wieder nach fehlender Transparenz und Klüngel fragten, sagt sie. Klar müsse man die isländische Drehtür zwischen Industrie und Politik stoppen, natürlich müsse man die Medien stärken. Und ja, sie wolle sich weiter für eine neue Verfassung einsetzen. Doch die sei vielleicht nicht mehr "oben auf der Agenda".

Die Grundlagen für diese Verfassung hatten die Isländer selbst mitentworfen und 2012 darüber abgestimmt. Sie sollten das politische System stabiler und durchsichtiger machen. Die Mehrheit der Isländer war damals dafür, mit der Verfassung auch das Wahlsystem zu ändern. Es ging vor allem darum, Wählerstimmen gerechter zu gewichten. Thorvaldur Gylfason saß im Verfassungsrat. Er nennt die Wahl am Samstag illegitim, schimpft über fehlende politische Kultur. "Das ist das neue Island", sagt er verbittert und wirft die geschwärzte Stundin-Ausgabe auf den Tisch.

Redakteur Jón Trausti Reynisson sagt, er habe viel Unterstützung erfahren seit der Verfügung gegen das Blatt. Doch längst nicht alle isländischen Medien sind auf seiner Seite. Die Tageszeitung Morgunblaðið etwa hat eine Karikatur veröffentlicht, die den Premier gefesselt in einem Topf zeigt, er kocht über dem Feuer. Drumherum tanzt ein Wilder, der Ähnlichkeit mit Jón Trausti Reynisson hat. Der Chefredakteur von Morgunblaðið heißt Davíð Oddsson und war früher einmal selbst Premierminister.

© SZ vom 27.10.2017/jsa
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB