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Islamismus:"Pop-Dschihadisten sind nicht auf der Suche nach Religion"

Sind das im religiösen Sinne Muslime?

Nein. Das, was im Pop-Dschihadismus zu finden ist - diese Jugendlichen sind nicht auf der Suche nach Religion. Es gibt Jugendliche, die sind auf der Suche nach religiösem Wissen, nach Spiritualität. Aber die landen maximal bei der religiösen Salafiyya, die nicht gewalttätig ist. Die Jugendlichen aber, die in diesen Pop-Dschihadismus gehen, also in ein Milieu, ein Lebensgefühl, eine Stimmung eintauchen - bei denen geht es um ganz andere Fragen. Da geht es um Aufmerksamkeit, Überlegenheit, Eindeutigkeit, Anerkennung, weil ihnen das alles fehlt. Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben, sie empfinden Frust, Minderwertigkeit, ganz egal, ob zu Recht oder nicht. Und sie sind nicht in der Lage, eigenständig ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Kommen sie alle aus einer Schicht?

Nein, die kommen buchstäblich aus allen Schichten. Weil selbst bei reichen, gut situierten Familien die gleichen tiefen Frustursachen möglich sind. Man kann ja hochintelligent sein und trotzdem in seinem Leben Negativerlebnisse haben. Allerdings spricht das militante Milieu der Dschihadisten stärker Jugendliche an, die selbst Gewalterfahrungen gemacht haben oder jene, die eine geringe Gewaltfrustrationsgrenze haben. Die es also auch nicht schaffen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Männlichkeitsbilder spielen zusätzlich eine Rolle. Auch an der Stelle gibt es kaum Unterschiede zu den Neonazis.

Wirksame Werbebotschaften: Dschihadisten und IS-Anhänger treffen mit ihrer Propaganda offenbar einen Nerv bei manchen Jugendlichen. Fotos: Internet, AFP; Illustration: Stefan Dimitrov

Denken diese Jugendlichen politisch?

Manchmal kommt ein starkes Gerechtigkeitsempfinden dazu, das einige politisiert. Die haben ein sehr feines Gespür für Doppelmoral und Ungerechtigkeiten.

Wie entscheidet sich, dass sie bei den Salafisten und Dschihadisten landen?

Ich spreche von einem Fenster. Von der Zeit, in der das Fenster offen ist für eine Ansprache von außen. Da spielt oft der Zufall eine große Rolle. Mit wem kommen sie in der Zeit in Kontakt? Das Religiöse ist nicht das Primäre, was sie suchen. Und auch wenn es merkwürdig klingt: In der Phase könnten sie auch bei gewalttätigen Tierschützern, bei Linksextremisten, bei Neonazis oder eben bei den Dschihadisten landen. Nur: Der Pop-Dschihadismus ist derzeit viel hipper, aktueller und viel adäquater für deren Suche nach Bestätigung.

Wo Familien Hilfe finden

Seit Wochen debattieren Politiker und Sicherheitsbehörden über das Phänomen der Dschihadisten in Deutschland. Dabei steht fast immer im Mittelpunkt, wie gefährlich Jugendliche werden können, die sich radikalisieren. Das ist verständlich, weil sich eine Gesellschaft vor Extremismus schützen möchte. Aber es verkürzt die Debatte auf die Gefahren und erklärt noch lange nicht, wie und warum sich Jugendliche radikalisieren. Und es sagt nichts darüber aus, wie man radikalisierte Jugendliche von ihrem Weg abbringen könnte. Claudia Dantschke geht seit Jahren diesen Fragen nach. Sie betreut seit 2011 in der Beratungsstelle Hayat des Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) Familien, in denen Kinder sich schon radikalisiert haben oder gar in den Krieg aufgebrochen sind.

Seit 1. Januar 2012 wird ihre Arbeit koordiniert und finanziert über die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg, das eng mit Dantschke und drei anderen Einrichtungen in Deutschland zusammenarbeitet. Dazu gehören das Ifak in Bochum, der Verein Vaja in Bremen und VPN mit Sitz in Berlin, das als Anlaufstation für Familien in Süddeutschland zuständig ist. Wer dahinter große Organisationen vermutet, täuscht sich: Etwa ein Dutzend Leute engagieren sich deutschlandweit in der De-Radikalisierung. Allein Hayat betreut gut 110 Familien und hat es bisher in gut 15 Fällen geschafft, Familien zu helfen.

Die Hotline des Bundesamts für betroffene Familien: 0911/9434343

Der Verfassungsschutz beklagt, dass sich diese Radikalisierungen im Stillen vollziehen. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Nein. Es vollzieht sich nicht im Stillen, man muss nur die Zeichen lesen können. Erfahrungsgemäß merkt das nähere Umfeld die Veränderungen. Nur die Reaktionsmuster sind sehr unterschiedlich. Jetzt wollen alle - Politiker, Eltern, Gesellschaft, Medien - eine Checkliste, was man zu tun hat. Nur: Die gibt's so nicht. Natürlich kann ich sagen, was die Auffälligkeiten sind . . .

. . . sie verschließen sich. Ziehen sich zurück, sind nicht mehr erreichbar . . .

Oh nein, ganz im Gegenteil. Wenn es losgeht, sind sie sehr mitteilsam. Sie haben doch plötzlich was gefunden, was alle Probleme löst, die sie vorher hatten. Also sind sie nicht verschlossen. Der Punkt ist: Sie lehnen plötzlich alte Freundschaften ab und ändern ihren ganzen Tagesablauf. Das geht in der Familie damit los, dass sie verlangen, dass nur noch halal gegessen wird, also ohne jegliches Schweinefleisch. Sie hängen in ihrem Zimmer alle Bilder ab, wo Menschen zu sehen sind. Weil nach den strengen Regeln nur Gott der Schöpfer des Menschen ist. Und sie feiern keine Geburtstage mehr, weil die Anbetung nur Gott alleine gebühre. Sie stehen nachts auf zum Beten. Sie wollen perfekt sein. Sie wollen von heute auf morgen zu 100 Prozent alle vermeintlichen Vorgaben erfüllen. Sie hören keine Pop-Musik mehr, auch das ist verboten. Und sie treffen sich nicht mehr mit Mädchen - eine Änderung, die den Jungs am schwersten fällt. Manchmal chatten sie dann doch noch mit den Mädchen - und versuchen, sie zu missionieren. Sie diskutieren sehr viel, sie wollen ja die ganze Welt davon überzeugen, dass sie den richtigen Weg gefunden haben.

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