Islamismus In Pakistan bekämpfen radikale Muslime die Vielfalt des Islam

Der Lal-Shahbaz-Schrein ist einer der wichtigsten Pilgerorte der Kalandar-Sufis: Inmitten der Gläubigen hat ein Islamist eine Bombe gezündet.

(Foto: AFP)
  • Bei einem Anschlag im Süden Pakistans sind mehr als 70 Menschen getötet worden.
  • Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat sich zu dem Anschlag auf einen Schrein der Kalandar-Sufis bekannt.
  • Die Kalandar-Sufis sind für ihre Exzentrik bekannt, gelten als "Hippies des Islams".
  • Immer wieder kommt es zu Gewalt gegen die islamischen Mystiker.
Von Julia Ley

Bei einem Selbstmordanschlag auf einen großen Sufi-Schrein im Süden Pakistans sind am Donnerstag mindestens 70 Menschen getötet worden. Das teilte ein hochrangiger Polizeibeamter am Abend mit, bis zu 250 weitere Menschen seien verletzt worden. Zu dem Anschlag bekannte sich die Terrormiliz "Islamischer Staat".

Muslime, die Muslime töten, im Irak, in der Türkei, in Pakistan - diese Schlagzeilen finden im Westen kaum noch Gehör, selbst dann, wenn dabei 30, 50 oder sogar noch mehr Menschen sterben. Dabei sind es gerade Anschläge wie dieser, die Empörung und Anteilnahme wecken sollten. Denn mit der Gewalt gegen "andersdenkende" Muslime - wie die pakistanischen Sufis, gegen die sich dieser Anschlag richtete - versuchen Islamisten gezielt, die Vielfalt der islamischen Tradition zu zerstören und ihre eigene enge Auslegung des Korans allen anderen aufzuzwingen. Am Ende treffen sie damit auch den Westen, der sich zunehmend intoleranten Gesellschaften gegenübersieht.

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Mit dem Lal-Schahbaz-Schrein in der südpakistanischen Provinz Sindh hat sich der IS ein symbolträchtiges Ziel ausgesucht. Der Schrein ist einer der wichtigsten Pilgerorte der sogenannte Kalandar-Sufis und zieht jede Woche Hunderte Gläubige an. Die Tradition der islamischen Mystik, Sufismus genannt, hat in Pakistan bis heute viele Anhänger. 70 bis 80 Prozent der Pakistaner sollen dieser Auslegung angehören, die so weit weg ist von dem buchstabengläubigen Purismus der Fundamentalisten, wie man es innerhalb desselben Glaubens wohl nur sein kann.

Die Kalandar gelten als Hipppies des Islam

Nicht alle Sufis sind notwendigerweise liberal, auch wenn sich dieses Vorurteil vor allem unter westlichen Beobachtern hält. Dennoch: Gerade die Exzentrik der Kalandar-Ordens zeigt, wie viel Vielfalt es in der muslimischen Tradition gibt und wie bedroht diese ist. Wollte man ihnen mit westlichen Begriffen nahekommen, dann müsste man die Kalandar-Sufis als "Hippies des Islams" beschreiben. Sie suchen die Nähe zu Gott, gerade indem sie sich von sozialen Normen freimachen und sich damit dem Spott und der Verachtung ihrer Mitmenschen aussetzen. Sie ignorieren traditionelle religiöse Pflichten wie die Pilgerfahrt nach Mekka, laufen ärmlich gekleidet herum und tanzen sich in ihren religiösen Zeremonie, die mit großen Trommeln begleitet werden, in eine religiöse Ekstase.

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani beschrieb 2012 in einer Reportage für die Süddeutsche Zeitung sehr anschaulich, wie eine solche Sufi-Zeremonie in einem pakistanischen Schrein aussieht:

So sieht es aus, wenn die Kalandar Gott anbeten: Ein Gläubiger tanzt während einer Derwisch-Zeremonie im Lal-Schahbaz-Schrein.

(Foto: dpa)

"Viel zu kompliziert ist dieser Rhythmus, als dass er zum Mitklatschen, Mitgehen, Mitsummen einlüde, und doch wippen die Oberkörper der vielleicht zweihundert, vielleicht dreihundert Zuhörer, die unter den Bäumen dichtgedrängt sitzen oder auf den Stufen der Gräber stehen, viele mit geschlossen Augen, manche mit drehendem Kopf. Es sind größtenteils Menschen aus den unteren Schichten, wie man an den billigen Gewändern, in vielen Fällen auch an der dunklen Haarfarbe erkennt, einige Malangs darunter, wandernde Derwische, die wie altgewordene Hippies aussehen, lange Haare und Bart, Armreifen, Halsketten, Ohrringe und tiefe Furchen im Gesicht, mittendrin einige glattrasierte Herren in schlichten, aber vornehmeren Tüchern, die versonnen lächeln, und auch Jüngere in westlicher Kleidung, wohl Studenten, Ethnologen oder Künstler, die sich mit der Digitalkamera oder dem iPhone in der hochgehaltenen Hand für die Traditionen des eigenen Volks interessieren."

Der Anschlag an diesem Donnerstag nahm genau so eine Versammlung tanzender Derwische ins Ziel. Der Sprengsatz soll während einer Zeremonie im Hof des Schreins explodiert sein. Oft sind es mehrere Hundert, manchmal bis zu Tausend Menschen, die diesen Feiern beiwohnen. Gerade donnerstags ist der Tempel der pakistanischen Presse zufolge besonders gut besucht.

Neue Gewaltwelle in Pakistan

Während die Sufis lange Zeit mehr oder weniger ungestört neben ihren Glaubensbrüdern herleben konnten, sind sie im zwanzigsten Jahrhundert in vielen Ländern in den Fokus der Islamisten geraten. In Saudi-Arabien zerstörten die Wahhabiten konsequent alle ihre Schreine, auch in Iran werden sie massiv verfolgt. Vierlerorts wurden ihre Klöster zerstört, die Anführer mit kurzgeschorenen Haaren durch die Straßen getrieben.

Der Vorwurf, den die orthodoxen Rechtsgelehrten und heute die Fundamentalisten den Sufis machen, ist, dass sie Vielgötterei betreiben. Sufische Heiligen werden oft von Muslimen und Hindus gemeinsam verehrt, Sufis beten auch christliche Heilige an. Hinzu kommt, dass einige Sufi-Orden, es mit den Regeln des Koran nicht ganz so genau nehmen. Der Rausch gilt als kurzer Weg zu Gott, der Umgang von Frauen und Männer ist weniger streng reglementiert. Zu den Zeremonien in den Schreinen der Kalandar darf jeder kommen: Hindus, Prostituierte, Christen, Brustschläger und Kettengeißler, Tanzmädchen und Transvestiten.

In Pakistan kommt die Gewalt gegen Sufis nicht wie vielerorts von Seiten des Staates, doch der Staat versagt regelmäßig darin, die Mystiker vor den Fundamentalisten zu schützen. Immer wieder gibt es Anschläge auf Sufi-Stätten, zuletzt waren im November bei einem Anschlag auf einen Schrein in Baluchistan 52 Menschen getötet worden. Oft reklamiert die pakistanische Gruppe Jamaat ul-Ahrar die Taten für sich, diesmal war es offenbar der Islamische Staat.

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Nach zwei relativ ruhigen Jahren ist diese neue Gewaltwelle ein Schock für Pakistan. Nach massiven Militäroffensiven gegen Taliban und andere Terrorgruppen ab 2014 war die Zahl der Anschläge und ihrer Opfer in Pakistan für eine Weile stark zurückgegangen. Die Sicherheitspolitik der Regierung mag Erfolg gehabt haben, doch am Hass der Fundamentalisten auf die Vielfalt hat sie offenbar wenig geändert.

Im Westen sagen Politiker nach islamistischen Terroranschlägen oft, dass dieser Angriff auf "unsere Art zu leben" abziele. In Pakistan ist das nicht anders. Oder, um noch einmal Kermani zu zitieren, es ist dies ein Krieg, der sich "gegen das Herzstück der eigenen Kultur" richtet.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters.