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Islamischer Staat:So verlief der Weg des Attentäters Fadli

Fadlis Weg

Fadli braucht auf seinem Weg in die Türkei einen Menschen wie Halil Derviş. Der bewegt sich wie ein Schatten zwischen beiden Ländern. 2014 ist Derviş vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Er hat keinen Pass. Im türkischen Gaziantep holt er sich neue Papiere als Flüchtling. Der 24-Jährige hält sich mit einem schlecht laufenden Handy-Geschäft in Pekmezli über Wasser und verdient sich etwas dazu, indem er Tabak und Menschen über die Grenze schmuggelt. Seine Schwager in Raqqa arbeiten für den IS. Jetzt haben sie auch einen Auftrag für ihn: "Es werden Personen kommen. Du sollst ihnen helfen." Derviş muss jetzt auch Verschlüsselungssoftware benutzen. Omran, der geheimnisvolle IS-Kommandeur, meldet sich Anfang Dezember bei ihm. "Kauf für sie alles, was sie brauchen. Ich gebe dir das Geld später."

Dann kommt der 18. Dezember. Derviş steigt auf sein Motorrad. Der Treffpunkt steht jetzt fest: Küçükpekmezli, 50 Kilometer östlich der Grenzstadt Akçakale. Dort trifft er wie verabredet zwei Männer. Der eine stellt sich als Omar vor, der andere als Samir - es ist der Attentäter. "Ihre Kleider waren schmutzig, ich brachte sie zu mir nach Hause, damit sie sich waschen können", sagt Derviş vor Gericht. Er wollte Geld von Fadli. Er hatte Socken eingekauft und Schuhe. Aber Fadli sagte: "Später." Die Männer haben schwarze Rucksäcke dabei. Er habe Fadli gefragt, was da drin sei. "Material für Zahntechniker", habe er geantwortet. Omar überreicht Derviş eine Tasche. Sie ist zugenäht. "Bewahre sie gut auf", habe er ihn aufgefordert. Noch am selben Tag bringt Derviş die Männer ins gut eine Autostunde entfernte Şanlıurfa. Er kauft ihnen noch Telefonkarten fürs Handy. Dann sieht er die Männer nie wieder. Ihm ist nicht ganz wohl bei der Sache.

Er will aussteigen. Aber die Hintermänner setzen ihn unter Druck, drohen ihm sogar, seine Familie zu entführen. Es sind mehr als anderthalb Wochen vergangen, seitdem Fadli und sein Komplize weg sind, da bekommt Derviş wieder eine verschlüsselte Botschaft. Er möge die Tasche einem Mann mit hellbrauner Jacke und Mütze übergeben, den Treffpunkt bekommt er genannt. Er setzt sich auf sein Motorrad. Er kennt den Mann nicht, aber er folgt den Anweisungen. Derviş' Job ist erledigt. Nicht nur Fadli ist jetzt im Land. Auch die Bombe. Sie nimmt einen anderen Weg als Fadli, sie geht durch mehrere Hände, bevor sie am 31. Dezember 2015 in einem zum Versteck umgebauten Handschuhfach in einem Auto mit dem Kennzeichen 79-SAB-368 nach Istanbul gebracht wird.

Einer der Boten, die jetzt vor Gericht stehen, sagte aus, er habe in der Tasche ein Kunstwerk vermutet. Fadli macht einen Zwischenstopp in Ankara. Die Tage vom 19. bis zum 23. Dezember verbringt er in einem Hotel im Zentrum der Hauptstadt. Er sei nicht oft rausgegangen und habe kaum Besuch bekommen, sagt das Personal. Zum Beten sei er in eine Moschee außerhalb des Zentrums gefahren. Viel mehr weiß man nicht. Die Ankara-Tage sind ein weitgehend dunkler Fleck.

Die Tage in Istanbul

Am 24. Dezember kommt Fadli in Istanbul an. Er wird hier schon erwartet. In Aksaray, einem Zentrum für die Rastlosen, für die Kommenden und Gehenden, trifft er sich mit Mohammed Khaled Hawasli. Er ist 20 Jahre alt, ebenfalls Syrer. Laut Anklageschrift hat Fadli bereits am 8. Dezember zu ihm Kontakt aufgenommen. Vor Gericht gibt Hawasli an, Fadli in Istanbul erst kennengelernt zu haben. Hawasli sagt, er vermittle und vermiete Wohnungen. Er bringt Fadli etwa zehn Gehminuten vom Aksaray-Platz entfernt in einem Wohnhaus im dritten Stock unter. Dort lernt Fadli Leute kennen, von denen die Ermittler behaupten, dass sie seine Ideologie teilen: IS-Anhänger. Am 5. Januar lässt Fadli sich in Istanbul mit einer Gruppe von Syrern als Flüchtling registrieren und gibt seine Fingerabdrücke ab. Dadurch erhält er fürs Erste provisorische Papiere, mit denen er sich unauffälliger im Land bewegen kann und sich bei Polizeikontrollen nicht fürchten muss.

Inzwischen hat er begonnen, die Stadt nach Anschlagszielen auszukundschaften. Er nimmt sich tagelang Zeit. Auf seinem Computer finden die Ermittler später Fotos von der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, der Einkaufsstraße Istiklal, dem belebten Taksim-Platz. Er studiert die Orte regelrecht, macht sich Notizen über Ein- und Ausgänge und Sicherheitsvorkehrungen. Zum Sultanahmet-Platz geht er an drei Tagen, zweimal um die Mittagszeit, einmal am Nachmittag. Dies ergab die Auswertung der Überwachungskameras.

Seine Instruktionen bekommt er direkt vom Auftraggeber des Attentats, Omar Ebu Abid. Und ebenfalls Geld. 1500 Dollar soll Fadli über Mittelsmänner erhalten haben. In seinem Handy ist Abid unter dem Decknamen "Abdallah Mah" abgespeichert. Jeder noch so kleine Schritt wird offenbar abgesprochen, das legt die Handy-Kommunikation des Täters nahe:

Mah: "Hallo, wo steckst du? Bist du zurück vom Einkaufen?"

Fadli: "Ich bin zurück. Die Läden sind schon zu."

Mah: "Konntest du keine Jacke finden?"

Fadli: "Morgen, so Gott will."

Mah: "Sie muss passen. Die Textilläden machen früher als die Restaurants und Bars zu. Kaufe morgen eine."

Fadli: "Ja, das werde ich tun."

Mah: "Ruhe dich ein wenig aus."

Am 12. Januar verlässt Nabil Fadli gegen 9.30 Uhr seine Wohnung. Gegen 10 Uhr steht er am Obelisken. Er scheint es nicht eilig zu haben. Fadli sondiert die Lage. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass er es gezielt auf Deutsche abgesehen hat. Aber er wollte - das gilt als sicher - Ausländer mit dem Anschlag treffen. Den Zündmechanismus löst er um 10.18 Uhr aus.

© SZ vom 17.10.2016/sosa

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