Süddeutsche Zeitung

Islamischer Staat:Wie der Anschlag vor der Blauen Moschee in Istanbul geplant wurde

  • Am 12. Januar 2016 hat sich vor der Blauen Moschee in Istanbul der Selbstmordattentäter Nabil Fadli in die Luft gesprengt.
  • Seit Mitte Juli verhandelt ein türkisches Gericht den Anschlag, bei dem zwölf Deutsche und ein Peruaner ums Leben kamen.
  • Die Süddeutsche Zeitung hat Gerichtsunterlagen ausgewertet, mit Zeugen und Ermittlern gesprochen - und so das Geschehen rekonstruiert.
  • Die Unterlagen zeigen, wie die IS-Hintermänner die Attentäter in den Tod schicken.

Als die Anwältin Nazlı Tanburacı Altaç zum ersten Mal die Angeklagten sieht, hat sie gestaunt. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass diese Männer Schwerverbrecher sein sollen. Terroristen, Terrorhelfer. "Sie sind jung, alle zwischen 20 und 35 Jahre alt - gut ausgebildet", sagt Altaç in ihrem Büro, nicht weit entfernt vom Istanbuler Justizzentrum. Dort, vor dem 14. Gericht für schwere Straftaten, wird einer der brutalsten Anschläge auf deutsche Urlauber im Ausland verhandelt.

Am 12. Januar 2016 hatte sich vor der Blauen Moschee der Selbstmordattentäter Nabil Fadli in die Luft gesprengt. Zwölf Deutsche starben. Schon seit Mitte Juli wird verhandelt. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Fall so schnell vor Gericht kommen würde. Journalisten, Opfer und Hinterbliebene waren kaum zum Prozessauftakt gekommen. Die Süddeutsche Zeitung hat Gerichtsunterlagen ausgewertet, mit Zeugen und Ermittlern gesprochen - und so das Geschehen rekonstruiert.

Der 12. Januar 2016

Der Tag in Istanbul beginnt sonnig. Doris Mildner, 60, und ihr Mann Eike haben gerade gefrühstückt. Es ist der erste Tag ihrer Urlaubsreise. "Außergewöhnliche Erlebnisse" verspricht der Reiseveranstalter. Das Programm heute: "die Wahrzeichen Istanbuls". Der Bus steuert die Hagia Sophia und die Blaue Moschee an. Es ist frisch auf dem Sultanahmet-Platz. Die Touristenführerin Sibel Şatiroğlu lotst die Gruppe, etwa 25 Touristen, zum Ägyptischen Obelisken. Doris Mildner lässt sich von ihrem Mann das schwarze Tuch aus dem Rucksack geben. Ihr ist kalt. Außerdem wollen sie gleich in die Moschee. Die Gruppe bekommt nicht mit, wie sich von hinten ein Mann nähert. Kinnbart, "modern angezogen", wie sich Şatiroğlu später erinnert. Ihr fällt aber ein Klickgeräusch auf. Auch Doris Mildner sagt, sie habe etwas auf den Boden fallen gehört. Şatiroğlu ruft noch: "Lauft weg!" Dann knallt es. Doris Mildner liegt auf dem Boden. Als sie die Augen aufmacht, denkt sie: "Was war denn das jetzt?" Sie will aufstehen, aber sie kann nicht. Metallsplitter haben sie überall verletzt. Sie sieht ihren Mann Eike neben sich liegen. "Er bewegte sich nicht mehr."

Ein Dreivierteljahr später: Doris Mildner ist immer noch krank. Sie ist wieder daheim in Bad Kreuznach. Doch sie hat ihr altes Leben verloren. Bis vor vier Wochen saß sie im Rollstuhl. "Ich werde nie wieder richtig laufen können. Aber das Schlimmste ist, dass ich meinen Mann verloren habe." Sie fühlt sich alleingelassen - auch vom deutschen Staat. Sie bekam einen Brief, dass in Istanbul der Prozess gegen die Hintermänner begonnen hat. Mehr nicht. Sie weiß so gut wie nichts über die Hintergründe der Tat. Sie hat keinen Anwalt eingeschaltet, sie hatte nicht die Kraft. Wer ihr das alles angetan hat? Nabil Fadli. Den Namen hat sie schon einmal gehört. "War er das?", fragt sie.

Der Attentäter

Nabil Fadli kommt 1988 in Saudi-Arabien zur Welt. Seine Familie stammt aber aus Syrien. Fadlis Vater hat Arbeit in Saudi-Arabien gefunden. Als Fadli acht Jahre alt ist, kehren sie nach Syrien zurück. Sie ziehen nach Manbidsch, eine Stadt, die später vom IS als Hochburg gehalten wird. Die Familie betreibt vor Ausbruch des Bürgerkrieges einen Möbelladen. Der Sohn besucht das Gymnasium und hilft im Geschäft. An der Uni von Aleppo studiert er Zahnmedizin. Als Decknamen wird Fadli später "Dr. Samir" oder nur "Samir" verwenden.

Als in Syrien die Proteste gegen den Gewaltherrscher Baschar al-Assad beginnen, schließt Fadli sich den radikalsten Kräften an. Nach Informationen der Ermittler erst der Al-Nusra-Front, dem syrischen Al-Qaida-Ableger, später den Fanatikern des Islamischen Staates (IS). Die Familie gilt Bekannten seit Jahren als radikal. Ein Verwandter sagte der regierungsnahen türkischen Zeitung Yeni Şafak, dass er Fadli einen Selbstmordanschlag zugetraut habe. Fadli wird Kämpfer des IS, er ist an mehreren Operationen beteiligt. Seine Familie glaubt, dass er im Dezember bei einem Gefecht ums Leben gekommen ist. Ein IS-Verantwortlicher habe ihnen diese Nachricht überbracht. Die Familie trauert. Aber Nabil Fadli ist nicht tot. Er ist untergetaucht. Er ist in der Türkei.

Die Auftraggeber

Bis heute hat sich niemand des Anschlags bezichtigt. Auch nicht der IS. Für die türkischen Ermittler aber steht fest, dass ein IS-Kommandant mit dem Codenamen Omar Ebu Abid den Anschlag nicht nur in Auftrag gegeben, sondern auch "gesteuert und bis zum Ende verfolgt" hat. So steht es in der Anklageschrift. Die Erkenntnisse über den Kommandanten sind spärlich. Er soll zwischen 35 und 40 Jahre alt sein, als Auslandschef fungieren.

Der Mann ist flüchtig und wird im Irak vermutet. Drei weitere IS-Kader, angeblich zuständig für das Grenzgebiet und auch auf der Flucht, sollen geholfen haben, Fadli und die Bombe in die Türkei zu schmuggeln. Von einem ist nur der Vorname bekannt: Omran. "Alle achteten in höchstem Maße auf Geheimhaltung", heißt es in den Ermittlerakten. Sie wechselten oft ihre Handys, ließen Nummern unter falschen Namen registrieren. Die Kommunikation erfolgte über Verschlüsselungssoftware wie "Telegram" oder "TrueCrypt". Ein Ermittler spricht von einem "hoch professionellen Vorgehen". Die Helfer unterhalb der Kommandoebene kannten sich nicht. Angeklagt sind 26 Männer, fast alle Syrer. Einige kamen als Flüchtlinge in die Türkei. Die Vorwürfe reichen über illegalen Sprengstoffbesitz, über Mitgliedschaft in einer Terrororganisation bis hin zu Beihilfe zum Mord.

So verlief der Weg des Attentäters Fadli

Fadlis Weg

Fadli braucht auf seinem Weg in die Türkei einen Menschen wie Halil Derviş. Der bewegt sich wie ein Schatten zwischen beiden Ländern. 2014 ist Derviş vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Er hat keinen Pass. Im türkischen Gaziantep holt er sich neue Papiere als Flüchtling. Der 24-Jährige hält sich mit einem schlecht laufenden Handy-Geschäft in Pekmezli über Wasser und verdient sich etwas dazu, indem er Tabak und Menschen über die Grenze schmuggelt. Seine Schwager in Raqqa arbeiten für den IS. Jetzt haben sie auch einen Auftrag für ihn: "Es werden Personen kommen. Du sollst ihnen helfen." Derviş muss jetzt auch Verschlüsselungssoftware benutzen. Omran, der geheimnisvolle IS-Kommandeur, meldet sich Anfang Dezember bei ihm. "Kauf für sie alles, was sie brauchen. Ich gebe dir das Geld später."

Dann kommt der 18. Dezember. Derviş steigt auf sein Motorrad. Der Treffpunkt steht jetzt fest: Küçükpekmezli, 50 Kilometer östlich der Grenzstadt Akçakale. Dort trifft er wie verabredet zwei Männer. Der eine stellt sich als Omar vor, der andere als Samir - es ist der Attentäter. "Ihre Kleider waren schmutzig, ich brachte sie zu mir nach Hause, damit sie sich waschen können", sagt Derviş vor Gericht. Er wollte Geld von Fadli. Er hatte Socken eingekauft und Schuhe. Aber Fadli sagte: "Später." Die Männer haben schwarze Rucksäcke dabei. Er habe Fadli gefragt, was da drin sei. "Material für Zahntechniker", habe er geantwortet. Omar überreicht Derviş eine Tasche. Sie ist zugenäht. "Bewahre sie gut auf", habe er ihn aufgefordert. Noch am selben Tag bringt Derviş die Männer ins gut eine Autostunde entfernte Şanlıurfa. Er kauft ihnen noch Telefonkarten fürs Handy. Dann sieht er die Männer nie wieder. Ihm ist nicht ganz wohl bei der Sache.

Er will aussteigen. Aber die Hintermänner setzen ihn unter Druck, drohen ihm sogar, seine Familie zu entführen. Es sind mehr als anderthalb Wochen vergangen, seitdem Fadli und sein Komplize weg sind, da bekommt Derviş wieder eine verschlüsselte Botschaft. Er möge die Tasche einem Mann mit hellbrauner Jacke und Mütze übergeben, den Treffpunkt bekommt er genannt. Er setzt sich auf sein Motorrad. Er kennt den Mann nicht, aber er folgt den Anweisungen. Derviş' Job ist erledigt. Nicht nur Fadli ist jetzt im Land. Auch die Bombe. Sie nimmt einen anderen Weg als Fadli, sie geht durch mehrere Hände, bevor sie am 31. Dezember 2015 in einem zum Versteck umgebauten Handschuhfach in einem Auto mit dem Kennzeichen 79-SAB-368 nach Istanbul gebracht wird.

Einer der Boten, die jetzt vor Gericht stehen, sagte aus, er habe in der Tasche ein Kunstwerk vermutet. Fadli macht einen Zwischenstopp in Ankara. Die Tage vom 19. bis zum 23. Dezember verbringt er in einem Hotel im Zentrum der Hauptstadt. Er sei nicht oft rausgegangen und habe kaum Besuch bekommen, sagt das Personal. Zum Beten sei er in eine Moschee außerhalb des Zentrums gefahren. Viel mehr weiß man nicht. Die Ankara-Tage sind ein weitgehend dunkler Fleck.

Die Tage in Istanbul

Am 24. Dezember kommt Fadli in Istanbul an. Er wird hier schon erwartet. In Aksaray, einem Zentrum für die Rastlosen, für die Kommenden und Gehenden, trifft er sich mit Mohammed Khaled Hawasli. Er ist 20 Jahre alt, ebenfalls Syrer. Laut Anklageschrift hat Fadli bereits am 8. Dezember zu ihm Kontakt aufgenommen. Vor Gericht gibt Hawasli an, Fadli in Istanbul erst kennengelernt zu haben. Hawasli sagt, er vermittle und vermiete Wohnungen. Er bringt Fadli etwa zehn Gehminuten vom Aksaray-Platz entfernt in einem Wohnhaus im dritten Stock unter. Dort lernt Fadli Leute kennen, von denen die Ermittler behaupten, dass sie seine Ideologie teilen: IS-Anhänger. Am 5. Januar lässt Fadli sich in Istanbul mit einer Gruppe von Syrern als Flüchtling registrieren und gibt seine Fingerabdrücke ab. Dadurch erhält er fürs Erste provisorische Papiere, mit denen er sich unauffälliger im Land bewegen kann und sich bei Polizeikontrollen nicht fürchten muss.

Inzwischen hat er begonnen, die Stadt nach Anschlagszielen auszukundschaften. Er nimmt sich tagelang Zeit. Auf seinem Computer finden die Ermittler später Fotos von der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, der Einkaufsstraße Istiklal, dem belebten Taksim-Platz. Er studiert die Orte regelrecht, macht sich Notizen über Ein- und Ausgänge und Sicherheitsvorkehrungen. Zum Sultanahmet-Platz geht er an drei Tagen, zweimal um die Mittagszeit, einmal am Nachmittag. Dies ergab die Auswertung der Überwachungskameras.

Seine Instruktionen bekommt er direkt vom Auftraggeber des Attentats, Omar Ebu Abid. Und ebenfalls Geld. 1500 Dollar soll Fadli über Mittelsmänner erhalten haben. In seinem Handy ist Abid unter dem Decknamen "Abdallah Mah" abgespeichert. Jeder noch so kleine Schritt wird offenbar abgesprochen, das legt die Handy-Kommunikation des Täters nahe:

Mah: "Hallo, wo steckst du? Bist du zurück vom Einkaufen?"

Fadli: "Ich bin zurück. Die Läden sind schon zu."

Mah: "Konntest du keine Jacke finden?"

Fadli: "Morgen, so Gott will."

Mah: "Sie muss passen. Die Textilläden machen früher als die Restaurants und Bars zu. Kaufe morgen eine."

Fadli: "Ja, das werde ich tun."

Mah: "Ruhe dich ein wenig aus."

Am 12. Januar verlässt Nabil Fadli gegen 9.30 Uhr seine Wohnung. Gegen 10 Uhr steht er am Obelisken. Er scheint es nicht eilig zu haben. Fadli sondiert die Lage. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass er es gezielt auf Deutsche abgesehen hat. Aber er wollte - das gilt als sicher - Ausländer mit dem Anschlag treffen. Den Zündmechanismus löst er um 10.18 Uhr aus.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2016/sosa
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