Islam in Tschetschenien "Die größte Gefahr ist nicht Terrorismus, sondern Sex"

Triebstau im Kaukasus? Das Internet mache Tschetscheniens Männer verrückt, sagt ein Schriftsteller. Nun muss er die Rache von Präsident Kadyrow fürchten.

Von Sonja Zekri, Moskau

An diesem Dienstag beginnt in Wien der Prozess gegen drei Männer, die im Januar 2009 den Tschetschenen Umar Israilow in der österreichischen Hauptstadt erschossen haben sollen. Die Ermittler sehen den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow als Drahtzieher, konnten dies aber bislang nicht beweisen. Nun aber hat Kadyrow möglicherweise die Jagd auf den tschetschenischen Schriftsteller German Sadulajew eröffnet.

Sadulajew, halb Tschetschene, halb Kosake und in Deutschland durch sein Buch Ich bin Tschetschene bekannt, hatte in der Zeitung Komsomolskaja Prawda über den Triebstau der Tschetschenen gesprochen: Internet und Satellitenfernsehen weckten Bedürfnisse, für deren Befriedigung nach dem engen Wertekanon der Kaukasusrepublik einzig die Ehe vorgesehen sei. "Kein Wunder, dass die Männer allmählich verrückt werden. Sobald sie eine Frau sehen, fangen sie an zu zittern", sagte Sadulajew. Außerdem wachse die Neigung zur Homosexualität, kurz: "Die größte Gefahr für Tschetschenien ist nicht der Terrorismus, sondern der Sex."

Kadyrow, der seit Jahren einen puristischen Islam, Kopftuch und Polygamie propagiert, der es duldet, wenn auf den Straßen Grosnys Männer aus Farbgewehren auf Frauen schießen, die sie für unangemessen gekleidet halten, Kadyrow schwieg nicht lange. Im Fernsehen hetzte er, ein Schriftsteller, der sage, was Sadulajew gesagt habe, sei "kein Tschetschene, kein Muslim, ja nicht einmal ein Mensch". Man werde Sadulajews Familie bitten, künftig seine Veröffentlichungen zu "überwachen".

Anschließend fiel der Menschenrechtsbeauftragte der Republik, Nurdi Nuchaschijew, über Sadulajew her: Der Schriftsteller "existiert für mich nicht mehr", ließ er auf seiner Internetseite erklären. Indem Sadulajew "das Volk erniedrige, demütigt er sich nur selbst".

Dies alles wäre eine kulturelle Auseinandersetzung zwischen einem russisch sozialisierten Literaten und einem Politiker, der den Islam als Instrument für die Disziplinierung einer Nachkriegsgesellschaft sieht. Nur überleben Kritiker Kadyrows solche Konflikte manchmal nicht. Die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa, die kein Kopftuch tragen wollte, wurde erschossen.

Sadulajew meidet jede direkte Kritik an Kadyrow, hat aber den Menschenrechtsbeauftragten Nuchaschijew zur Debatte nach Moskau eingeladen. Dieser lehnte ab und lud Sadulajew wiederum nach Schali ein. "Aber welche Öffentlichkeit kann es in einem tschetschenischen Dorf schon geben?", spottet Sadulajew in einem Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung. Was er nicht sagt: Welchen Schutz? Noch sei seine Familie nicht behelligt worden. Der Schriftsteller vermutet, dass dies einer Welle der Solidarität aus dem In- und Ausland zu verdanken sei. "Aber ich fürchte, dass die aggressive Stimmung extremistische Einzelne zur Tat provoziert. Bei so einem gesellschaftlichen Klima ist alles möglich."

War Sadulajew denn nicht klar, dass Sex für Tschetschenien ein, nun, ungewöhnlicher Gesprächsstoff ist? "Sie sollten sich dran gewöhnen", sagt er. "Tschetschenien mag eigene Sitten haben, aber es gehört zur globalen Informationslandschaft."