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Islam-Aktionstag in Wuppertal:Tee, Pizza und klare Antworten

Muslims Protest IS Violence

Bundesweiter Aktionstag gegen Hass und Gwalt: Auch in Berlin setzten zahlreiche Muslime ein Zeichen gegen die islamische Terrormiliz IS.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Ganz in der Nähe der Atib-Moschee in Wuppertal patroullierten vor ein paar Tagen die Salafisten von der Scharia-Polizei. Wie positioniert sich die Gemeinde beim bundesweiten Aktionstag der Muslime gegen Gewalt und Intoleranz? Ein Besuch.

Von Bernd Dörries, Wuppertal

Man kann die Gäste recht leicht erkennen, wie sie hin- und herrutschen auf dem Boden, versuchen, eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Nicht, weil es den Gästen unwohl wäre, aber sehr viele Nicht-Muslime haben es verlernt, längere Zeit im Schneidersitz zu verbringen oder auf den Knien, was in einer Moschee eben so üblich ist.

Es hat dann den Charakter eines Tages der offenen Tür, Freitagnachmittag in Wuppertal, in der Atib-Moschee. Etwa zwei Dutzend Besucher sind in die Moschee im ersten Stock einer alten Fabrik gekommen und ungefähr 150 Muslime. Man sitzt in verschiedenen Ecken des schön gekachelten Raumes, lächelt sich vielleicht ein wenig zu, aber bleibt dann doch eher unter sich. Zusammengebracht hat die Menschen vor allem der Wunsch, ein Zeichen zu setzen.

Die Atib-Moschee ist eine von 16 in Wuppertal, die mitmachen beim Aktionstag gegen Gewalt und Intoleranz. In Wuppertal hat der natürlich eine besondere Bedeutung: Ein paar Meter von der Moschee entfernt liefen die Salafisten der Scharia-Polizei herum und wollten den Menschen ihre Regeln aufdrängen. Diese Leute um ihren Anführer Sven Lau stehen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Und nicht wenige Wuppertaler Muslime fühlen sich nun beobachtet, von der Mehrheitsgesellschaft, die alle Bärtigen in einen Topf wirft, vereinfacht ausgedrückt.

Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die meisten Wuppertaler Salafisten Konvertiten sind mit deutschen Namen - ihr Tun aber zu Vorurteilen gegen Muslime und Menschen mit Migrationshintergrund führt. "Diese Idioten missbrauchen den Islam", sagt Samir Bouaissa, der Vorsitzende der Moscheengemeinde. Er hat Tee bereitgestellt für die Gäste und türkische Pizza. Und erzählt noch einmal, wie gut das Zusammenleben in Wuppertal klappt. Eigentlich.

Ignorieren oder bekämpfen?

Als es vor einigen Wochen einen Brandanschlag auf die Synagoge gab, da standen Vertreter aller Religionen innerhalb weniger Stunden vor dem Gebäude, um gegen Intoleranz zu demonstrieren. In Wuppertal wird es den ersten selbst verwalteten muslimischen Friedhof geben, direkt neben einem jüdischen. "Bei uns alles kein Problem", sagt Bouaissa . Wie geht man also um, mit diesen Leuten, die hier Scharia-Polizei spielen? Die sich einen Spaß daraus machen, wie das ganze Land kocht vor Aufregung, aus deren Umkreis aber tatsächlich Kämpfer nach Syrien gezogen sind? Ignorieren oder bekämpfen?

"Wir lassen sie die Härte des Rechtsstaates spüren", sagt Andreas Bialas, der örtliche SPD-Landtagsabgeordnete. "Denn die Opfer dieser Aktionen sind die muslimischen Mitbürger, die in Misskredit geraten." Das waren sie bisher nicht. Vor dem Rathaus findet hier jedes Jahr das Fastenbrechen mit dem Oberbürgermeister statt, an diesem Samstag wird in Solingen das Fest der Kulturen gefeiert.

Der Name der Nachbarstadt ist bis heute ein Symbol für ein grausames Verbrechen, für den Brandanschlag von 1993. Neonazis und Scharia-Polizei, das ist schwer zu vergleichen. Aber der Landtagsabgeordnete Josef Neumann, der am Freitag auch in die Moschee gekommen ist, erinnert dann doch an eine Parallele: wie beide Städte reagierten, mit diesem Entsetzen, das einen befällt, wenn man etwas nicht für möglich gehalten hat.

Es passiert eben doch. Aber es gibt auch die Gegenreaktion. Auch in den Moscheen, denen man in Deutschland ja manchmal vorgeworfen hat, zu passiv zu sein, sich zu wenig abzugrenzen, von dem, was im Namen des Islam so alles passiert. Man kann über die Rechtmäßigkeit dieser Kritik streiten - aber der Imam in Wuppertal gibt eine klare Antwort in seinem Freitagsgebet. Gewalt und Intoleranz seien verabscheuungswürdig. "Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn das Boot Schaden nimmt, nehmen wir alle Schaden." Eine Fernsehreporterin im Saal kommentiert in die Kamera: "Es wirkt glaubwürdig." Es klingt ein bisschen so, als könne man sich ja nie so sicher sein, bei diesen Leuten.

© SZ vom 20.09.2014/sks
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