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Islamischer Staat:Jugendämter prüfen, ob IS-Rückkehrern Sorgerecht entzogen werden kann

Kinder blicken von dem Tor ins al-Hul-Lager

Symbolbild: Kinder blicken von dem Tor ins al-Hul-Lager im syrischen Al-Hasaka

(Foto: dpa)
  • Viele Dschihadisten aus Deutschland waren mit ihren Kindern im IS-Herrschaftsgebiet.
  • Experten aus Jugendämtern, Sozial- und Sicherheitsbehörden überprüfen nun, ob die Kinder in Gefahr gebracht worden sind, wodurch die Eltern das Sorgerecht verlieren könnten.
  • Inzwischen beschäftigen sich auch Staatsanwaltschaften mit den Fällen, sie ermitteln wegen Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht.
  • Der Deutsche Kinderschutzbund warnt aber vor Pauschallösungen. Gerade Kleinstkindern könne eine Trennung von den Eltern massiv schaden.

Deutsche Jugendämter überprüfen nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR, ob IS-Anhängern, die aus Syrien und dem Irak nach Deutschland zurückkehren, das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen werden kann. Gemeinsam mit Polizei, Verfassungsschutz und Sozialbehörden betrachten die Jugendämter mehrere Fälle von IS-Rückkehrern unter dem Gesichtspunkt der Kindeswohlgefährdung. Es handelt sich dabei um radikalisierte Eltern, die ihre Kinder bei der Ausreise in das Kriegsgebiet mitgenommen haben.

Die Experten aus Jugendämtern, Sozial- und Sicherheitsbehörden überprüfen, ob die Dschihadisten ihre Kinder bewusst in Gefahr gebracht und damit ihre Fürsorgepflicht verletzt haben. Die Eltern könnten somit das Sorgerecht verlieren und die Kinder nach der Rückkehr aus Syrien und dem Irak in die Obhut von Verwandten oder Pflegefamilien kommen. Bislang ist dies noch in keinem Fall von einem Familiengericht entschieden worden.

Inzwischen beschäftigen sich jedoch auch Staatsanwaltschaften mit diesen Aspekten. Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung wird bereits gegen einige deutsche IS-Anhänger nicht nur wegen Terrormitgliedschaft und Unterstützung, sondern auch wegen der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht ermittelt. "Die Kinder, die mit in das Herrschaftsgebiet des sogenannten Islamischen Staates mitgenommen wurden, waren dort rund um die Uhr der menschenverachtenden Ideologie dieser Terrororganisation ausgesetzt", meint der Leiter des Landeskriminalamtes Bremen, Daniel Heinke. Den Sicherheitsbehörden lägen Informationen vor, dass auch "schwerste Gewalttaten und Mord in Gegenwart von Kindern" begangen wurden.

Zudem hätten die Kinder an der "aufgezwungenen Lebensführung" der islamistischen Eltern teilgenommen, die vom "Hass auf vermeintlich Ungläubige, eine aggressive Ablehnung einer demokratischen und freien Gesellschaft und der Unterdrückung der Frau" geprägt gewesen sei. "Es liegt daher in diesen Fällen nahe, dass diese Kinder aufgrund der Handlungen ihrer Eltern in ihrer psychischen Entwicklung erheblich beeinträchtigt wurden", so Heinke.

"Radikalisierte Eltern erziehen ihre Kinder häufig in einer bestimmten politischen oder religiösen Ideologie. Dabei können die Kinder durchaus Schaden nehmen, etwa indem ihr Sozialleben massiv eingeschränkt wird", sagt Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle Radikalisierung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Der Deutsche Kinderschutzbund warnt aber vor Pauschallösungen. "Das Recht des Kindes auf seine Eltern auf der einen Seite und eine mögliche Beeinträchtigung des Kindeswohls durch extremistisches Gedankengut auf der anderen Seite müssen sorgsam gegeneinander abgewogen werden", so die stellvertretende Geschäftsführerin Martina Huxoll-von Ahn. Gerade Kleinstkindern könne eine Trennung von den Eltern massiv schaden.

Mehr als 1000 Islamisten aus Deutschland sind nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren in das Kriegsgebiet nach Syrien und in den Irak ausgereist. Etwa ein Drittel von ihnen ist inzwischen zurück in der Bundesrepublik. Etwa 70 deutsche IS-Anhänger befinden sich in kurdischer Haft in Nordsyrien und in Gefängnissen im Irak. Hinzu kommen mehr als 50 Kinder, die größtenteils im ehemaligen IS-Herrschaftsbereich geboren wurden.

© SZ vom 27.04.2019/jsa
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