Aufstände:Protestierende erhalten Hilfe von der iranischen Prominenz

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Das Bild zeigt angeblich Demonstranten, die nach Protesten am 19. September 2022 vor der Polizei fliehen.

Das Bild zeigt angeblich Demonstranten, die nach Protesten am 19. September vor der Polizei fliehen.

(Foto: dpa)

Doch die Gefahr steigt, dass das Regime noch gewaltsamer reagiert, denn es geht bei den Protesten um Freiheit und das politische System.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Während die Unruhen in Iran auch nach elf Tagen weitergehen, finden die Proteste zunehmend Unterstützung bei Prominenten. Faezeh Haschemi, die Tochter des verstorbenen Ex-Präsidenten Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, ist in Teheran festgesetzt worden. Sie hatte zur Unterstützung der Proteste aufgerufen, die nach dem Tod der von der Religionspolizei festgenommenen 22-jährigen Mahsa Jina Amini ausgebrochen waren. Auch der mit zwei Oscars ausgezeichnete, international bekannte iranische Filmemacher Asghar Farhadi, weitere Schauspieler und auch international bekannte Fußballspieler schlossen sich den Solidaritätsbezeugungen an.

Die Regime-Nachrichtenagentur Tasnim schrieb, Faezeh Haschemi sei wegen des "Aufrufs zum Aufruhr verhaftet" worden, da sie die Proteste öffentlich unterstützt habe. Die 59-jährige Haschemi, eine frühere Abgeordnete und Sportfunktionärin, trägt Kopftuch und ist zugleich als harsche Kritikerin des theokratischen Regimes der Islamischen Republik bekannt. Ihr Vater, ein Ex-Präsident, war einer der Mitbegründer der Islamischen Republik; er war über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Politiker und Unternehmer des Landes.

Regisseur Farhadi sagte, er sei stolz auf die protestierenden Frauen. Er erklärte via Instagram, die demonstrierenden Frauen forderten "einfache, aber grundlegende Rechte, die ihnen der Staat seit Jahren verweigert". Auch andere Prominente, darunter bekannte Fernseh- und Seriendarstellerinnen, stellten sich hinter die Protestbewegung, die sich nach dem Tod der kurdischstämmigen Amini geformt hat. "Ich bin eine Iranerin, die jahrelang Schleier getragen hat, wegen des Zwangs und aus Angst", erklärte die Schauspielerin Shiva Ebrahimi. "Das habe ich nie freiwillig getan, und ich werde es auch nie tun."

Mehr als 70 Menschen sollen bei den Protesten ums Leben gekommen sein

Die inzwischen landesweiten Proteste waren ausgebrochen, weil Mahsa Jina Amini wegen eines angeblich falsch sitzenden Kopftuchs von der Religionspolizei in Teheran festgenommen worden und drei Tage später im Krankenhaus gestorben war - offenbar an einer schweren Schädelverletzung infolge von Misshandlungen. Die Polizei und die berüchtigten Basidsch-Milizionäre gehen inzwischen immer rücksichtsloser gegen die Protestierenden vor. Bislang sollen bei den Demonstrationen bereits mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen sein, unter ihnen auch Angehörige der Sicherheitskräfte.

Was aber wirklich vorgeht, lässt sich von Außenstehenden kaum noch beurteilen, weil die Behörden das Internet und den Mobilfunk drosseln und ausländische Journalisten derzeit nicht ins Land kommen. Die Proteste richten sich nach dem, was dennoch über die sozialen Medien nach außen dringt, nicht mehr allein gegen den Kopftuchzwang und die strengen Kleidungsvorschriften für Frauen. Viele Demonstranten fordern immer häufiger umfassende Freiheiten und sogar das Ende der Islamischen Republik.

Ob diese Proteste das theokratische Regime wirklich gefährden, lässt sich nach Meinung von Experten und Landeskennern noch nicht sagen. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird das Regime, dem der 83-jährige Ayatollah Ali Chamenei als Geistlicher Führer vorsteht, wie bei früheren Protesten auch vor zügelloser Gewalt nicht zurückschrecken und seine Hunderttausenden Polizisten, Spezialkommandos und Basidschis einsetzen. So waren schon früher alle Proteste unterdrückt worden. Die jetzigen Demonstrationen schienen zudem noch nicht die Zahl an Teilnehmern zu haben wie etwa die landesweiten Proteste von 2009. Auch diese waren blutig unterdrückt worden.

Iran verwandelt sich zunehmend in ein militarisiertes System

Die Islamische Republik ist ein weltweit einzigartiges Regierungssystem. Gegründet nach der Islamischen Revolution von 1979 und dem damit verbundenen Sturz der Monarchie unter Schah Reza Pahlewi beruft sie sich auf den Koran und die dazu gehörenden islamischen Prinzipien als Grundlage des staatlichen Handelns. Sie geht auf den damaligen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini zurück. Der schiitische Geistliche lebte während der Monarchie als Dissident im irakischen, türkischen und französischen Exil. Er hatte das Modell einer Islamischen Republik im Wesentlichen entwickelt und wurde nach dem Sturz der Monarchie auch der erste Geistliche Führer.

Aufstände: Wahrscheinlich wird sein Regime nicht vor zügelloser Gewalt zurückschrecken: Ayatollah Ali Chamenei, Irans Oberster Führer, vergangene Woche in Teheran.

Wahrscheinlich wird sein Regime nicht vor zügelloser Gewalt zurückschrecken: Ayatollah Ali Chamenei, Irans Oberster Führer, vergangene Woche in Teheran.

(Foto: Büro des obersten Führers Irans/IMAGO/ZUMA Wire)

Echte Gewaltenteilung wie in demokratischen Regierungssystemen kennt die Islamische Republik nicht. Auch wenn es in Iran einen Staatspräsidenten und ein gewähltes Parlament gibt, steht über allem der Geistliche Führer. Er wird als der Vertreter des Mahdi betrachtet, einer schiitischen Erlöserfigur, die am jüngsten Tag erscheinen soll. Gesteuert wird das theokratische System daher nur in Teilen vom gewählten Parlament und dem vom Volk gewählten Präsidenten. In entscheidenden Fragen kommen neben dem "Geistlichen Führer" auch noch mehrere Expertengremien, zusammengesetzt aus Theologen und islamischen Juristen, zum Zuge. Eines der Gremien wählt auch den neuen Geistlichen Führer.

Eine wirkliche "Mullah-Republik" ist Iran aber schon lange nicht mehr - die Republik verwandelt sich zunehmend in ein militarisiertes System. Die von Ayatollah Chomeini geschaffenen Revolutionsgarden bestimmen sowohl in der Außen- als auch der Innenpolitik maßgeblich mit und kontrollieren große Teile der Wirtschaft. Die Protestierenden in den Straßen müssen daher nicht nur den Widerstand der Theologen fürchten. Ebenso gefährlich sind die Uniformierten, die bei einem Regimewechsel oder auch nur bei entschlossenen Reformen um ihre Pfründe fürchten müssten.

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