Interview:"Freie Medien sind der türkischen Regierung ein Dorn im Auge"

Cumhuriyet-Journalist wird abgeführt.

"An den Haaren herbeigezogen": Der türkische Journalist Aydın Engin, hier bei seiner Festnahme 2016, wehrt sich gegen den Vorwurf der Regierung, im Auftrag ausländischer Geldgeber zu arbeiten.

(Foto: AFP)

Warum der unabhängige Journalist Aydın Engin trotz aller Repressalien weiter für Nachrichtenportale im Internet schreibt.

Von Tomas Avenarius

Aydın Engin, Journalist, Kolumnist und Theatermann, saß in den Achzigerjahren unter der damaligen Militärregierung im Gefängnis und lebte zwölf Jahre lang im deutschen Exil. Zurück in Istanbul machte er sich mit seinen Zeitungskolumnen auch bei der Regierung unter Recep Tayyip Erdoğan unbeliebt. Nach dem Putschversuch 2016 wurde er wie viele Tausende andere Türken mit durchsichtigen Vorwürfen als "Terror-Unterstützer" angeklagt. Das Verfahren gegen den 80-Jährigen läuft noch.

SZ: Herr Engin, die türkische Regierung betrachtet die letzten unabhängigen Digitalmedien als "fünfte Kolonne" und droht mit drakonischen Maßnahmen. Geht es wirklich darum, angeblichen ausländischen Einfluss zu unterbinden, oder will die Regierung die letzten unabhängigen Medien knebeln?

Aydın Engin: Die Behauptung, dass die USA und die EU türkischen Medien Geld spenden, um sie zu beeinflussen und so als Waffe gegen Erdoğan zu nutzen, ist an den Haaren herbeigezogen. Daran glaubt sicherlich nicht einmal Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun selbst.

Also geht es doch um die Knebelung von Medien, die nicht auf Regierungslinie sind?

Oppositionelle oder auch freie Medien sind der türkischen Regierung ein Dorn im Auge, das gilt vor allem auch für Erdoğan selbst. Zuschauer und Leser nutzen nur diese Medien, um an Informationen zu gelangen. Die Verkaufszahlen der Zeitungen lesen sich wie schlechte Witze. Das regierungsnahe Medienzugpferd Hürriyet hat offiziell 200 000 Leser - in Wahrheit sind es nur 35 000.

Wie informieren sich die Türken?

Oppositionelle Medien sind zum Großteil digital. Webseiten wie die der Deutschen Welle, der BBC oder der Voice of America werden oft besucht. Aber der Schwerpunkt liegt bei türkischen Nachrichtenportalen wie T24, Duvar oder Medyascope. Erdoğan will diese Nachrichtenportale durch drakonische Strafen mundtot machen. Sobald das Parlament aus der Sommerpause zurückkehrt, wird vermutlich ein Gesetz verabschiedet werden, das hohe Haftstrafen vorsieht.

Kommunikationsdirektor Altun argumentiert, auch in den USA werde das Verhältnis von Medienunternehmen zu ausländischen Finanziers überprüft. Lässt sich dieser Vergleich halten?

Da kann ich nur lachen. Die Besitzer von Digitalmedien wie Duvar, Medyascope oder Bianet sind Türken, es sind meist erfahrene Journalisten. Wir kennen sie alle ziemlich gut.

Kann man in der heutigen Türkei überhaupt noch von einer "vierten Gewalt" sprechen, also von Medien, die eine unabhängige Rolle auch wahrnehmen können? 90 Prozent der Medien sind absolut regierungsnah, und die sozialen Medien werden zunehmend reguliert.

Wie überall auf der Welt verliert die gedruckte Presse auch in der Türkei rasant Anteile. Zeitungen und Fernsehsender, die zu Propagandaorganen der Regierung mutiert sind, geben ihren Zuschauern und Lesern ohnehin keinen Mehrwert. Daher geht der Trend zu digitalen Medien, zum Internet. Diese Medien haben die Rolle der "vierten Gewalt" übernommen. T24, wo ich schreibe, hat täglich 1,8 Millionen Leser. Mit hohen Geldstrafen, Werbeembargos und Haftstrafen von fünf bis sieben Jahren versucht die Regierung, die Reichweite dieser Medien zu beschränken.

Bekommt auch T24 Geld aus dem Ausland?

Nein. Seit der Gründung vor zehn Jahren hat T24 die Nutzung von nationalen und internationalen Fonds strikt abgelehnt.

© SZ
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