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Interview mit Dieter Moor:"Die Menschen hier suhlen sich nicht in Selbstmitleid."

sueddeutsche.de: Wie lauten die?

Abstimmung im schweizerischen  Appenzell.

Abstimmung im schweizerischen  Appenzell.

(Foto: AP)

Moor: Die Prinzipien von Angebot und Nachfrage, eine Hand wäscht die andere: der Bauer sät und erntet das Korn und das bringt er zum Müller, der bringt das Mehl zum Bäcker. Da kann der Bauer wieder das Brot vom Bäcker kaufen. Das funktioniert hier teilweise noch. Das ist eine echte Chance. Auch neue Tourismuskonzepte: Dass man nicht diese Idylle hat, wie in Bayern oder in der Schweiz - wo man sich jetzt überlegt: Sind uns die Olympischen Spiele wichtiger oder die Wiese? Hier geht das alles langsamer und das ist gut so.

sueddeutsche.de: Woran liegt das, sind die Leute verschlossener?

Moor: Nein, das liegt an anderen Dingen. Hier denkt man oft noch über Generationen und nicht nur für die nächsten zehn Jahre. Hier bleibt viel Geld auch in der Region, weil nicht jeder Euro zu großen internationalen Konzernen getragen wird. Viele Leute denken einfach mit. Wenn sie nur noch nach Polen fahren, weil der Einkauf dort fünf Prozent günstiger ist, oder nur noch bei Aldi Produkte kaufen, die weiß der Geier woher herkommen, brauchen sie sich nicht wundern, wenn ihre Kinder keinen Job kriegen. Wir verlieren, wenn wir mit einer globalisierten Welt konkurrieren. Aber wir gewinnen, wenn wir ein Qualitätsbewusstsein entwickeln, aus dem auch ein Wir-Gefühl resultiert. Das haben die Leute hier kapiert. Und handeln danach.

sueddeutsche.de: Alle denken da nicht mit. Ein massives Problem ist die Landflucht der Jugend: Viele ziehen lieber in die Stadt oder in den Westen und bleiben da - weil es hier kaum Arbeitsplätze gibt. Kann da ihr Modell des Miteinanders etwas ausrichten?

Moor: Die Politik muss natürlich für eine entsprechende Infrastruktur sorgen, die langsam wächst. Wir haben hier ein großes Potential. Ob es genutzt wird, zeigt sich.

sueddeutsche.de: Bitte konkret: Wie soll dieses langsame Wachstum aussehen?

Moor: Zum Beispiel: Dass auch hier auf dem platten Land ein ausreichend schnelles Internet läuft, das ein kleiner oder mittelständischer Betrieb nun mal braucht. Beim Tourismus gibt es die Chance, dass ganz kleine Pensionen und Hotels lernen, was Qualität und Service ist, ohne ein X-Sterne-Grand-Hotel à la Heiligendamm zu werden. In der Landwirtschaft gibt es riesige Chancen: Der Bedarf in Berlin an gesunden und naturnah produzierten Lebensmitteln ist immens und nicht annähernd zu decken. Dann müsste hier aus den Dörfern auch niemand mehr abhauen, weil man im Kleinen Arbeitsplätze geschaffen hat.

sueddeutsche.de: Ist das wirklich so außergewöhnlich? In Ihrer alten Heimat Schweiz gibt es sicherlich solche Netzwerke?

Moor: In der Schweiz habe ich es anders erlebt. Da beackert traditionell jeder seinen eigenen Hof und sagt (fällt ins Schwyzerdeutsche): Da isch der Zaun und da gäht keiner ran und des isch meins." Hier hingegen musste man während der DDR-Zeit zusammenhalten und sich helfen. Wegen der Mangelwirtschaft haben die Leute sich untereinander ausgetauscht. Da hat sensibilisiert für die einfache Frage: Wie können wir einander nützen? Auf den ersten Blick nicht, aber vielleicht auf den zweiten, dritten, vierten Blick. Ich glaube: Der Osten hat eine große Zukunft vor sich.

sueddeutsche.de: Kommen wir zu den Menschen, die hier leben. Sind die Ostdeutschen aus Ihrer Sicht in der Bundesrepublik angekommen?

Moor: Diese Frage stellt sich für mich so nicht. Auch der Westen hat sich ja verändert durch die Vereinigung. Und was frustrierte oder furchtsame Menschen angeht: Gehen Sie mal in eine Stadt gehen wie Saarbrücken oder Opel-City! Da ist permanent Angst - das, was jahrzehntelang wichtig war, könnte bald weg sein. Außerdem suhlen sich die Menschen hier nicht in Selbstmitleid. So sind die hier nicht, es sind keine Jammer-Ossis. Es sind Brandenburger.

sueddeutsche.de: Was charakterisiert diesen Menschenschlag?

Moor: Die so genannten preußischen Qualitäten. Die mögen in Bayern verschrien sein, aber im Rest Deutschlands waren sie hochgeschätzt. Sprich: Zuverlässigkeit, Fleiß und einen Pragmatismus, der zwar wenig Charme hat, aber dafür sehr effizient ist. Ich habe Bekannte, die arbeitslos werden und völlig nüchtern und lösungsorientiert damit umgehen. Die gehen auch nicht erst mal zum Psychologen, sondern erden sofort aktiv. Die versuchen mit aller Kraft, einen neuen Job zu bekommen - mit Hilfe des beschriebenen Netzwerks. Natürlich gibt es Leute, die durch den Rost fallen und in Depression versinken. Die will ich damit auch gar nicht kritisieren.

sueddeutsche.de: Also ist der Begriff "Jammerossi" ein böses Klischee?

Moor: Jaja, die Ossis die ständig maulen und immer nach dem Staat schreien - eine unzulässige Verallgemeinerung. Das ist das, was mich am meisten nervt: Wenn mir westliche Bekannte, die noch nie hier waren, groß erklärt haben, wie das Leben hier ist.

sueddeutsche.de: Viele Westdeutschen ärgern sich, dass sich nach wie vor den Solidaritätszuschlag zahlen. Können Sie das nachvollziehen?

Moor: Da schreien die Westler natürlich zu Recht. Aber sie vergessen oft zweierlei: Die Ostdeutschen zahlen den Soli auch. Und: Der Soli fließt nicht einfach so nach Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Thüringen -sondern in den Bundeshaushalt, der sich in einem katastrophalen Zustand befindet. Es wäre ehrlicher, man schaffte ihn ab und erhöhte die Steuern.