70 Jahre Verfassungskonvent Herrenchiemsee "Erstmals stand die Menschenwürde im Zentrum einer Verfassung"

Im ehemaligen Gästeschlafzimmer im alten Schloss Herrenchiemsee eröffnet der damalige bayerische Staatsminister Anton Pfeiffer die Tagung, die den Grundstein für eine künftige deutsche Verfassung legte.

(Foto: dpa)

Friedrich von Daumiller erlebte als Kind die Geburt des Grundgesetzes mit - und beschreibt im Gespräch, wie sich die Teilnehmer in nur 14 Tagen auf den Entwurf einer Verfassung geeinigt haben.

Interview von Oliver Das Gupta, Herreninsel

Friedrich von Daumiller, Jahrgang 1943, ist einer der besten Kenner der Herreninsel im oberbayerischen Chiemsee. Der langjährige Notar aus Prien hat seine frühe Kindheit dort bei seinen Großeltern verbracht im Alten Schloss, dem früheren Chorherrenstift. Sein Großvater war 1911 zum königlich bayerischen Verwalter der Insel ernannt worden. Dort arbeitete vom 10. bis zum 24. August 1948 ein Verfassungskonvent einen Entwurf aus, der in inhaltlich leicht veränderter Form zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland wurde. Daumiller ist Vorsitzender der "Freunde von Herrenchiemsee", die sich unter anderem um den Erhalt der historischen Anlagen wie den Inseldom kümmern. Zum 70. Jubiläum des Konvents findet am 6. Oktober 2018 auf der Herreninsel ein Verfassungsfest statt.

SZ: Herr von Daumiller, als Kind haben Sie im Alten Schloss auf Herrenchiemsee ein paar Meter entfernt von dem Zimmer gewohnt, in dem der Verfassungskonvent tagte. Welche Erinnerungen haben Sie an den August vor 70 Jahren?

Friedrich von Daumiller: Es sind nur verschwommene Bilder, die ich von damals im Kopf habe, ich war ja erst knapp fünf Jahre alt. Es war einiges los hier auf der Herreninsel, aber es hat mich als kleiner Bub nicht vom Hocker gerissen. Hinterher dafür umso mehr.

Sie sind später Jurist geworden und gelten inzwischen als einer der besten Kenner des Verfassungskonvents. Können Sie erklären, wie es die knapp drei Dutzend Teilnehmer geschafft haben, sich in nur 14 Tagen auf den Entwurf des Grundgesetzes zu einigen?

Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Die Atmosphäre war ausgezeichnet, es ging regelrecht familiär zu. Die Konventsteilnehmer konnten ihre Ehefrauen kostenlos mitnehmen, manche brachten sogar ihre Kinder mit, für die allerdings extra bezahlt werden musste. Außerdem war die Versorgung prima: Es gab täglich mehrere Mahlzeiten, jeder Teilnehmer hatte pro Tag Anrecht auf einen halben Liter Wein oder einen Liter Bier und Zigarren. Drei Jahre nach dem Krieg war das außergewöhnlich.

Die Teilnehmer nutzten das "Verfassungszimmer" im ersten Stock des Alten Schlosses für ihre konstituierende Sitzung. Wurde dort die gesamte Arbeit verrichtet?

Nein, es gab mehrere Orte. Die Verfassungsväter haben sich damals in drei Arbeitsgruppen eingeteilt, die sie Ausschüsse genannt haben. Sie haben dann im Gastgarten des benachbarten Schlosshotels getagt, manche besprachen sich auch bei Spaziergängen auf der Insel und auf einer Bank bei den nahegelegenen Ökonomiegebäuden. Das "Verfassungszimmer" diente übrigens einst König Ludwig II. als Speisezimmer und ist heute Teil eines Museums. Es ist einer der wenigen demokratischen Erinnerungsorte, die wir in Deutschland haben.

Vor 70 Jahren lud die damals alleine von der CSU gestellte bayerische Staatsregierung zum Verfassungskonvent ein. Wie viel kostete die Veranstaltung eigentlich?

Etwa 22 000 D-Mark, dazu kam noch einmal dieselbe Summe an Telefonkosten. Im Vergleich zu heutigen Gipfeltreffen war der Verfassungskonvent also ziemlich preiswert.

Bayern lieferte damals als einziges Land gleich einen Entwurf mit. Wie wirkte sich dieses Papier aus?

Es spielte durchaus eine Rolle, auch weil die bayerischen Vertreter recht geschickt agiert haben: Sie haben den Entwurf nur als eine Art Denkanstoß deklariert. Die anderen Ländervertreter haben dann im Laufe der Beratungen immer mal wieder in der bayerischen Vorlage nachgeschaut und sich inspirieren lassen. Besonders wichtig war den Bayern der Föderalismus, der im Gegensatz zu den zentralistischen Anwandlungen von Parteiführern wie SPD-Chef Kurt Schumacher und CDU-Mitgründer Konrad Adenauer stand.

Die Parteigrößen sahen den Konvent skeptisch und kamen erst etwas später, im September 1948, im Parlamentarischen Rat direkt zum Zug. Wer prägte in Herrenchiemsee die Arbeit am Verfassungsentwurf?

Auf bayerischer Seite war das der CSU-Politiker Anton Pfeiffer, damals Chef der Staatskanzlei, der als Gastgeber den Vorsitz innehatte. Großen Einfluss hatte auch der gebürtige Österreicher Hans Nawiasky, der auch maßgeblich die Bayerische Verfassung mitgeschrieben hat. Wortführer bei der SPD waren der Staatsrechtler Carlo Schmid, der für Württemberg-Hohenzollern am Konvent teilnahm, sowie Hermann Louis Brill für Hessen. Die Sozialdemokraten waren treibende Kraft bei den Grundrechten.

Nawiasky war gebürtiger Österreicher, der wegen seines jüdischen Vaters von den Nazis verfolgt worden war, Brill war Häftling im KZ-Buchenwald gewesen. Andere Delegierte hingegen hatten eine NS-Vergangenheit, der Niedersachse Justus Danckwerts war sogar in den Holocaust verwickelt. Gab es während des Konvents keine Probleme wegen solch unterschiedlicher Lebensläufe?

Nicht, dass ich wüsste. Die persönliche Vergangenheit spielte auf Herrenchiemsee keine Rolle. Vermutlich wollten einfach alle nur nach vorne schauen. Theodor Maunz habe ich als junger Student noch selbst als Jura-Professor erlebt, er wirkte sehr umgänglich. Nach seinem Tod kam heraus, dass er mit dem Chef der rechtsextremen DVU verbandelt war und für die Deutsche National-Zeitung Artikel geschrieben hat. Das hat mich schockiert. Maunz war ja für die CSU später auch noch bayerischer Kultusminister gewesen. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, wie jemand, der 1948 unsere demokratische Verfassung mitgeschrieben hat, insgeheim so ticken konnte.

Am Ende war im Chiemseer Verfassungsentwurf die Rede von einer "Bundesrepublik". Und in Artikel 1 findet sich der Satz: "Die Würde der menschlichen Persönlichkeit ist unantastbar."

Der Satz wurde anschließend vom Parlamentarischen Rat leicht verändert an den Anfang des Grundgesetzes gestellt. Entscheidend ist, dass auf Herrenchiemsee erstmals die Menschenwürde ins Zentrum einer Verfassung gestellt wurde. Das wurde schon während der Französischen Revolution 1789 gefordert, aber nie umgesetzt - bis zum Sommer 1948. Für mich ist das die zentrale Leistung des Konvents. Artikel 1 erlaubt es nicht, die Menschenwürde einzuschränken. Die Menschenwürde kennt auch keine Obergrenze.

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