Inhaftierte Pilotin in Russland Ukrainische Märtyrerin

Ein Teilnehmer des Gedenkmarsches für den ermordeten Boris Nemzow in Moskau fordert die Freilassung von Nadija (Nadeschda) Sawtschenko.

(Foto: AP)
  • Die in Russland inhaftierte Kampfpilotin Nadija Sawtschenko ist seit 80 Tagen im Hungerstreik.
  • Die russischen Behörden werfen ihr vor, sie sei für den Tod von zwei russischen Journalisten bei einem Mörserangriff bei Luhansk verantwortlich. Sawtschenko sagt, sie sei von Separatisten gefangen genommen und verschleppt worden.
  • Das Parlament in Kiew bittet die Pilotin eindringlich, wieder zu essen. Doch diese lehnte bislang ab.
  • Unterstützung erhält Sawtschenko auch aus Moskau: Jelena Masjuk, Mitglied des Menschenrechtrats beim russischen Präsidenten, rief die Behörden auf, Sawtschenko freizulassen.
Von Frank Nienhuysen

Sonntag ist der 8. März, es ist ein Tag, an dem alles schon zu spät sein könnte. Schon am Sonntag, so sagt ihr Anwalt Nikolaj Polosow, könnte Nadija Sawtschenko sterben, oder so geschwächt sein, dass sie nicht mehr vollständig gesund wird. Ihre Schwester Wera Sawtschenko ging am Dienstag nicht ans Telefon, aber dem Sender Espresso-TV hatte sie am Montag erzählt, dass es Probleme mit den Organen gebe. Sie befürchtet, dass Nadija Sawtschenko ein Gewicht von nur noch 40 Kilogramm nicht lange durchstehen könne.

Seit dem 13. Dezember, seit 80 Tagen, ist die ukrainische Kampfpilotin Sawtschenko in einem russischen Gefängnis im Hungerstreik, offenbar entschlossen, eine ukrainische Märtyrerin zu werden. Doch das Parlament in Kiew, die Werchowna Rada, hätte es lieber anders. Es wandte sich am Montag eindringlich an Sawtschenko, ihren Hungerstreik zu beenden. "Wir brauchen dich hier im Parlament, wir brauchen dich im Europäischen Parlament", rief der Fraktionschef des Blocks Petro Poroschenko, Jurij Luzenko, der 33 Jahre alten Frau zu, die für die Vaterlandspartei ein Abgeordnetenmandat hat. Aber Sawtschenko lehnte ab.

Am Dienstagabend meldete sich dann Mark Fejgin, ein anderer Anwalt zu Wort, und sagte, Sawtschenko werde vielleicht doch den Streik beenden, sollte ihr Zustand "ganz schrecklich" werden. Aber lässt sich das alles so einfach steuern? Die russischen Behörden werfen ihr vor, sie sei für den Tod von zwei russischen Journalisten verantwortlich, die im vorigen Sommer bei einem Mörserangriff bei Luhansk starben. Sie habe deren Aufenthaltsort der ukrainischen Armee übermittelt, so der Vorwurf. Außerdem habe sie illegal die russische Grenze überschritten.

Die Bundesregierung setzt sich für Sawtschenkos Freilassung ein

Sawtschenko wies dies zurück und sagte, sie sei von Separatisten gefangen genommen und nach Russland verschleppt worden. Dort soll ihr der Prozess gemacht werden. Immerhin, an diesem Dienstag prüft ein Moskauer Gericht eine Haftbeschwerde ihrer Anwälte. Sie argumentieren, dass Sawtschenko Immunität zustehe, weil sie für die Ukraine Vertreterin der Parlamentarischen Versammlung des Europarats sei. Der Westen, insbesondere die Bundesregierung, setzt sich seit Langem für Sawtschenkos Freilassung ein. Deutsche Ärzte untersuchten neulich die inhaftierte Luftwaffenpilotin, vereinbarten aber Stillschweigen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeichnete am Montag mit einem Ukas die Pilotin als "Heldin der Ukraine" aus. Der Staatschef, der militärisch schwere Niederlagen hinnehmen musste und zugleich ein wirtschaftliches Desaster abzuwenden hat, versucht die Popularität Sawtschenkos zu nutzen. Er verlangt von Russland, die Frau freizulassen und beruft sich auf Abmachungen bei den Gesprächen in Minsk. Dort wurde ein Austausch von Gefangenen vereinbart. Russland wiederum meint, sie falle nicht unter diese Vereinbarung, weil sie keine Gefangene sei.

Unterstützung erhält Sawtschenko nun aber doch aus Moskau, wenngleich noch nicht von entscheidender Stelle. Jelena Masjuk, Mitglied des Menschenrechtrats beim Präsidenten, rief die Behörden auf, Sawtschenko freizulassen. Kiew würde im Fall ihres Todes einen Platz mit ihrem Namen erhalten, Russland aber die nächste Sanktionsliste.