Erbe des Kolonialismus:Traumatisiert in die Freiheit

Lesezeit: 4 min

Erbe des Kolonialismus: Ritual der verfeindeten Brüder: Indische und pakistanische Soldaten am Grenzübergang Wagah zur Feier der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien.

Ritual der verfeindeten Brüder: Indische und pakistanische Soldaten am Grenzübergang Wagah zur Feier der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien.

(Foto: AAMIR QURESHI/AFP)

Vor 75 Jahren entließ die Kolonialmacht Großbritannien Britisch-Indien in die Unabhängigkeit und teilte das Gebiet in zwei Staaten. Warum Indien und Pakistan bis heute im Hass vereint sind.

Von David Pfeifer, Bangkok

Der Montag in Delhi begann damit, dass Indiens Außenminister Subrahmanyam Jaishankar auf Twitter ein Bild aus dem Roten Fort postete, wo die Besucher auf die Rede von Premierminister Narendra Modi warteten. "Happy Independence Day" schrieb Jaishankar, und weiter: "Lasst uns auch an das riesige Trauma und die strategischen Folgen der Teilung denken." Damit war der wesentliche Widerspruch dieses Tages benannt.

Der 15. August ist in Indien mit Freiheit und Leid gleichermaßen verbunden. An diesem Montag jährt sich der Tag zum 76. Mal, an dem die Kolonialmacht Großbritannien Indien 1947 in die Freiheit entließ und die Teilung in zwei riesige Staaten erfolgte. In Indien dominierten die Hindus, Pakistan sollte den Muslimen eine eigene Heimat geben. Für manche ein Grund zum Feiern, für andere ein Tag der Trauer.

Mehr als 10 000 Sicherheitskräfte waren am Montag im Roten Fort im Einsatz, um die Rede an die Nation durch Narendra Modi ohne Zwischenfälle über die Bühne zu bringen, sie dauerte 83 Minuten. Modi begann mit der Ehrung der vergessenen Helden, die bei der Unabhängigkeit des Landes eine Rolle gespielt hatten, Indien sei seinen "zahllosen Revolutionären dankbar, die das Fundament der britischen Herrschaft erschüttert haben". Unter ihnen Mahatma Gandhi.

Er forderte die Nation auf, die "Missachtung der Frauen" zu beenden. Er lobte den Beitrag indischer Freiheitskämpferinnen zur Unabhängigkeit. Er ging auf die Bildungspolitik ein und versprach, dass Indien in 25 Jahren eine entwickelte Nation sein würde. Indien müsse nach 75 Jahren "alle Spuren der Knechtschaft beseitigen".

Wer sich hierzulande wundert, wie lang Deutschland an seiner Teilung trägt, sollte sich die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Probleme Indiens ansehen. Zum Beispiel den Kaschmir-Konflikt: die Himalaja-Region ist seit dem Ende der Kolonialherrschaft umstritten. Indien hält das bevölkerungsreiche Kaschmirtal und die von Hindus dominierte Region um die Stadt Jammu, während Pakistan ein keilförmiges Gebiet im Westen der Region kontrolliert. China besetzt als Verbündeter Pakistans ein dünn besiedeltes Hochgebirgsgebiet in der überwiegend buddhistischen nördlichen Region Ladakh - was zu anhaltenden Konflikten mit Indien führt.

Das zähe Ringen um die Teilung

Die Waffenbruderschaft zwischen Indien und Russland gründet wiederum auf dem Bürgerkrieg in Pakistan 1971, bei dem sich ein Teil des Landes mit militärischer Hilfe Indiens, unterstützt wiederum durch die sowjetische Armee, ablöste, und das heutige Bangladesch gründete. Wer 75 Jahre nach der Unabhängigkeit ein Visum für Indien beantragt, muss angeben, ob ein Vorfahre aus Pakistan stammt. Wer wiederum nach Pakistan reisen möchte, sollte kein Visum für Indien im Pass kleben haben.

Der bislang letzte Krieg zwischen Indien und Pakistan, auch als Dritter Kaschmir-Krieg bezeichnet, fand 1999 statt. Erst am vergangenen Donnerstag waren in den frühen Morgenstunden drei Soldaten bei einem Angriff auf einen indischen Armeeposten in Kaschmir getötet worden. Die zwei Angreifer wurden erschossen. Nach 75 Jahren ist der Konflikt also sehr lebendig. Nach Indonesien und Pakistan ist Indien mit seiner riesigen Gesamtbevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen das Land mit der drittgrößten muslimischen Bevölkerung - gefolgt von Bangladesch. Die etwa 180 Millionen Muslime in Indien geraten weiter unter Druck.

Vor mehr als 76 Jahren hatten sich Jawaharlal Nehru und Muhammad Ali Jinnah nach zähem Ringen auf eine Teilung geeinigt, der letzte britische Vize-König Indiens, Lord Mountbatten, forderte einen Wirtschaftsexperten aus England an, der das gigantische Land auf dem Reißbrett in wirtschaftlich etwa gleich starke Teile trennte, in Relation zum Bevölkerungsanteil. Aber nicht in Bezug auf die Lebenswelten. Er war ein Kaufmann, kein Anthropologe.

Erbe des Kolonialismus: Indiens Premier Narendra Modi spricht 83 Minuten.

Indiens Premier Narendra Modi spricht 83 Minuten.

(Foto: MONEY SHARMA/AFP)

Was folgte, war eine absurde Trennung von Familien, Staaten, Armeen, eine grausame Völkerwanderung und ein Bürgerkrieg, der, je nach Zählweise, allein im Jahr nach der Teilung etwa eine Million Menschen das Leben kostete. Und viele Millionen zerstörte Existenzen hinterließ. Der New Indian Express berichtete anlässlich des Jahrestages von einer Wiedervereinigung zweier Brüder, die sich erst als alte Männer wieder umarmen durften.

Sika Khan aus Indien traf seinen pakistanischen Bruder Sadiq in der vergangenen Woche zum ersten Mal seit 75 Jahren. Eine Schwester und der Vater waren bei den Massakern, die in vielen Städten und Kommunen ausbrachen, getötet worden. "Meine Mutter konnte das Trauma nicht ertragen", erzählte Sika Khan, der heute in Bathinda lebt, im Bundesstaat Punjab, "sie sprang in den Fluss und brachte sich um".

Leiden in Punjab

Punjab, mehrheitlich von Sikhs bewohnt, wurde in der Mitte geteilt, Muslime flohen in den pakistanischen, Hindus und Sikhs in den indischen Teil, wer im jeweils anderen blieb, war bald in Gefahr. "Ich war der Gnade von Dorfbewohnern und einigen Verwandten ausgeliefert, die mich großgezogen haben", erinnert sich Sika Khan heute.

Die Zusammenführung wurde durch den pakistanischen Youtuber Nasir Dhillon ermöglicht, einen ehemaligen Polizisten, der sich auf solche Zusammenführungen von Überlebenden der letzten Generation spezialisiert hat. Der New Indian Express und einige Fernsehsender begleiteten die Begegnung der Brüder, die sich am Kartarpur-Korridor trafen, einem 2019 eröffneten, visumfreien Übergang, der indischen Sikh-Pilgern den Besuch eines Tempels in Pakistan ermöglicht. Es ist eine der tröstlicheren Geschichten, die es zur Teilung zu erzählen gibt.

Während der Flucht in die jeweils anderen Teile des Landes war es nach 1947 zu Grausamkeiten gekommen, die bis heute als Narrativ in beiden Ländern am Leben erhalten werden, auch um Wähler zu motivieren. Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt, Züge, die von einer neuen Nation in die andere fuhren, kamen voller Leichen an. Und die Grausamkeit hat überlebt.

Narendra Modi war Chef-Minister im Bundesstaat Gujarat, als im Jahr 2002 bei brutalen Straßenschlachten mehr als 1000 Menschen starben, etwa ein Drittel davon Hindus, zwei Drittel Muslime. Auslöser war der Brand in einem Zug gewesen, bei dem 58 Hindu-Pilger auf der Rückreise von Ayodhya umgekommen waren. In Ayodhya wiederum konnten Muslime bis 1992 die Babri-Moschee besuchen, sie stand an der Stelle, an der bald der größte und modernste Hindu-Tempel stehen soll. Die Moschee war von Zehntausenden Hindus unter Mithilfe der Polizei gewaltsam zerstört worden.

Die Gewalt wird also über Generationen am Leben gehalten, auch von Politikern und Geistlichen. Und Modi ist heute Premierminister.

Zur SZ-Startseite

Indien
:Stolz und Vorurteil

Derzeit wird fast täglich von Morden und Anfeindungen zwischen Hindus und Muslimen berichtet. Warum kochen die Konflikte auf dem Subkontinent gerade wieder hoch?

Lesen Sie mehr zum Thema