Hitler-Leibwächter im Interview "Jetzt wird der Chef verbrannt"

Hitler-Leibwächter Rochus Misch im SZ-Interview über die letzten Tage im Führerbunker 1945.

Interview: Oliver Das Gupta, Berlin

sueddeutsche.de: Sie verbrachten fünf Jahre bei Hitler. Am Ende soll er einem Wrack geglichen hatten. Haben Sie etwas von seinem körperlichen Verfall bemerkt?

Rochus Misch während des Interviews

(Foto: Patrick Das Gupta)

Rochus Misch: Ja, das hat man beobachten können. Ein bisschen zusammengefallen war er am Ende schon. Wobei: Ein Fremder hat das besser bemerkt als wir, die mit ihm ständig zusammen waren. (Pause) Arme Kreatur, mein Gott, was hatte der Mensch vom Leben? Überhaupt nichts.

sueddeutsche.de: Vergangenes Jahr lief mit großem Erfolg "Der Untergang" in den Kinos, auch Rochus Misch tauchte als Figur auf. Sie haben den Film auch gesehen. Fanden Sie, dass das Ende authentisch dargestellt war?

Misch: Das ist ja ein Spielfilm und keine Doku. Das ist alles übertrieben. So aufregend und spannend war es nicht. Jeder flüsterte nur noch. Ich war der einzige, der noch laut geredet hat am Telefon, weil die Stimmung wie in einer Totenkammer war. Hitler hat auch nicht so laut gesprochen.

Jetzt will mich jemand besuchen, der will nur die letzte Stunde Hitlers wissen. Dabei geht Hitlers letzte Stunde vom 22. April bis zum Tod. Das ist die letzte Stunde. Denn am 22. April hat er alle entlassen. Alle weg. Er sagte: "Bis auf die, die blieben müssen, weil es nun mal nicht anders geht."

Mein Kommandochef sagte zu mir: "Herr Misch, ich habe für Ihre Frau im letzten Flugzeug einen Platz reservieren können. Holen Sie jetzt Ihre Frau."

Ich bin nach Hause, aber meine Frau sagte, sie wollte die Eltern nicht alleine lassen. Dann bin ich zurück (zur Reichskanzlei) und fragte den Funker: "Gibt es was für den Chef, ich gehe jetzt runter."

Er sagte: Nein, es liegt nichts vor. Nach einer Stunde kam er ganz aufgeregt zu (Heinz) Lorenz. Er hatte einen alliierten Funkspruch abgefangen.

Die Deutschen haben die Möglichkeit, Berlin 14 Tage bis drei Wochen zu verteidigen, hieß es. Ich fragte Lorenz, wie der Chef reagiert hätte. Lorenz erzählte, Hitler hätte gesagt: "Der Krieg ist doch verloren."

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Wir waren nur noch zwei, die immer da (im Führerbunker) waren. Das waren der (Johannes) Hentschel und ich. Er sorgte für Licht und Wasser, und ich für das Telefon und Fernschreiber, Kontakt nach außen.

Das musste ja funktionieren. Die anderen kamen nur zur Besprechung und gingen dann wieder weg. Der Bunker war ja viel zu klein. Ich habe auch unten geschlafen, hinter meinem Arbeitsplatz hatte ich eine Matte.

sueddeutsche.de: Was sind ihre letzten Erinnerungen an den lebenden Hitler?

Misch: Als ich ihn das letzte Mal lebend gesehen habe, stand er im Gang und sprach mit Bormann, Goebbels, (Adjutant) Otto Günsche und (Kammerdiener Heinz) Linge, vielleicht auch (Hitler-Jugend-Führer Artur)Axmann.

Was er alles gesagt hat, weiß ich nicht, nur: Dass er verbrannt werden muss und der Günsche dafür die Verantwortung übernimmt. Dann ging er in seine Zelle.

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sueddeutsche.de: Haben Sie Hitler nach seinem Selbstmord gesehen?

Misch: Ich wartete zusammen mit dem Hannes (Hentschel). Plötzlich rief einer vom Gang her - aber ich weiß nicht, wer es war: "Linge, Linge, ich glaube, es ist soweit." Derjenige muss den Schuss gehört haben. Das Telefon ging, ich habe wieder gearbeitet.

Dann wurde es spannend. Die erste Tür ging auf und die zweite auch. Durch die beiden geöffneten Türen sah ich Eva (Braun) mit angezogenen Knien. Den Anblick werde ich nie vergessen.

Dann wollte ich unserem Kommandochef Meldung machen. Auf dem Weg habe ich, aufgeregt, wie ich war, im Verbindungs-Tunnel kehrt gemacht und bin zurück. Da lag Hitler schon auf dem Boden. Sie hatten ihn eingepackt in graue Pferdedecken. Nur seine schwarzen Halbschuhe guckten noch raus. Das Ganze ging ganz leise und schnell vor sich, ganz schnell.

Die Tür ging auf und wieder zu. Der Bormann war auch da, der Axmann, der Kraftfahrer (Erich) Kempka kam dazu und einer vom Reichssicherheitsdienst, den ich nicht kannte. Die haben den eingewickelten Hitler dann an mir vorbei getragen und sind rauf.

Lob für das Kanonenfutter: Hitler begrüßt im Garten der Reichskanzlei Angehörige der Hitlerjugend nach deren Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz. Ganz links ist Reichsjugendführer Artur Axmann zu sehen. Wenige Tage später war Hitler tot - und der Weltkrieg in Europa zu Ende.

(Foto: SCHERL SZ Photo)

Ich bin zum Kommandanten hin und habe gemeldet: "Der Führer ist tot."

Mein Kamerad Retzbach sagte mir dann: "Jetzt wird der Chef verbrannt, jetzt geh mal schnell rauf. Ich wollte nicht. Wir blieben dann beide unten.