Interview mit Hitler-Leibwächter Rochus Misch (II) "Am Ende hätten sie mich als Feigling aufgehängt. Ich blieb unten"

SZ: Wie ging es dann weiter?

Misch: Der Goebbels war dann ja mein Chef. Ich hörte dann, dass die Reichskanzlei in fünf Gruppen verlassen werden sollte. Ich sprach Goebbels darauf an. Er sagte: "Ich sag Ihnen schon Bescheid."

Rochus Misch, Aufnahme von Hitlers Schäferhund "Blondi"

(Foto: Das Gupta)

SZ: Was bekamen Sie vom Mord an den Goebbels-Kindern mit?

Misch: Die Kinder kamen herunter, alle in weißen Kleidchen. Frau Goebbels hatte sie zum Sterben zurecht gemacht. Das konnte sie nicht in dem anderen Luftschutzbunker machen, dort war ja noch Personal. Die hätten das doch nicht zugelassen. Also kam sie mit den Kindern herunter.

Ich wusste: Jetzt ist es soweit. Frau Goebbels hat sich ganz normal mit den Kindern unterhalten: "Dann gehen wir zu Onkel Adolf. Aber ihr müsst jetzt mal schön schlafen."

SZ: Aber "Onkel Adolf" war ja inzwischen tot.

Misch: Ja, aber das wussten die Kinder nicht. Als Dr. (Werner) Naumann (Staatssekretär im Propaganda-Ministerium) aus der Zelle von Goebbels kam, sagte er: Wenn es nach ihm gegangen wäre, wären die nicht mehr hier. Dabei zeigte er auf die Zelle.

(SS-Arzt Ludwig) Stumpfegger war da. Dr. Naumann fragte, ob es schlimm sei mit dem Sterben. Da sagte Stumpfegger: Ich geb` ihnen ein Bonbonwasser. Das hat er so leicht gesagt: "Irgendein Bonbonwasser."

Vorher - schon nach dem Tod von Hitler - saß Goebbels mit den Kindern an einem großen Tisch. Ein Junge spielte Ziehharmonika, und sie haben gesungen: 'Die blauen Dragoner, sie reiten.'

Das war mehr oder weniger der Abschied, da waren auch Zivilisten dabei. Danach sind alle weg, alle getürmt, nach dem Motto: Rette sich wer kann.

SZ: Warum sind Sie dann eigentlich noch im Bunker geblieben?

Misch: Ich wusste ja nicht, wie es draußen aussieht. Am Ende hätten sie mich als Feigling aufgehängt. Ich blieb unten.

Bis Goebbels kam und fragte: "Was haben wir denn noch überhaupt?" Ich sagte: "Herr Minister" - obwohl er ja eigentlich Reichskanzler war - "Telefonate, die Gauleitung, der Oberstleutnant Seiffert." Er sagte: "Da ist ja nicht mehr viel."

Dann kam er noch mal und sagte: "Wir haben verstanden zu leben, wir werden auch verstehen zu sterben. Sie können jetzt Schluss machen." Er hat das ganz ruhig gesagt, ganz leger.

Ich habe dann ganz schnell zusammengepackt. Schon ein paar Tage vorher hatte ich mich vom Bestand bedient, einen Rucksack voll mit Knäckebrot, Schokolade und sowas. Ich bin weg, und dann blieben nur noch Goebbels und Hentschel im Bunker.

Später habe ich mal den Hannes Hentschel besucht und fragte ihn: 'Was passierte danach?' Er sagte: 'Gar nichts. Fünf Minuten später war Goebbels tot'.

Geschichte "Heß war ja eine Nummer null"

Interview mit Hitler-Leibwächter Rochus Misch (I)

"Heß war ja eine Nummer null"

Fünf Jahre war Rochus Misch Bodyguard und Telefonist von Adolf Hitler. Im ersten Teil eines SZ-Interviews von 2005 spricht der ehemalige SS-Mann über seine Jahre mit dem Diktator.   Oliver Das Gupta, Berlin