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Widerstand gegen Hitler:Warum die Verschwörer vom 20. Juli Respekt verdienen

Stauffenberg Assassination Attempt Against Hitler: 75th Anniversary Nears

Aufnahmen von Persönlichkeiten, die sich gegen die Nazi-Diktatur gestellt haben, in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

(Foto: Getty Images)

Eine Diktatur herrscht nicht allein durch Terror. Sie bedarf der Zustimmung vieler. Die Attentäter um Stauffenberg haben diese Zustimmung verweigert. Es ist höchste Zeit, den Widerstand in seiner ganzen Breite zu würdigen.

Johannes Blaskowitz war wohl das, was man einen preußischen Kommisskopf nannte; nationalkonservativ, von alter Schule, antidemokratisch. Im Herbst 1939 wurde er Oberbefehlshaber im besetzten Polen, wo SS und Sicherheitspolizei schon bald Massaker an Juden begingen. Und was tat Blaskowitz? Etwas Erstaunliches: Er protestierte, überschüttete Hitler und die Wehrmachtsführung mit Eingaben gegen den "Blutrausch" der Rassenverfolgung, verbot seinen Soldaten die Teilnahme an den Morden. Hitler hasste ihn und seine "kindlichen Einstellungen". 1940 ließ er Blaskowitz nach Frankreich versetzen.

Blaskowitz war nicht einmal ein Mann des Widerstandes, den Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 lehnte er ab. Aber dennoch nötigt seine Geschichte bei aller Zwiespältigkeit eine gewisse Achtung ab. Dieser Mann war kein Held, dennoch verweist sein Beispiel auf die Spielräume, die dem Einzelnen selbst in der Nazidiktatur blieben. Er hat es, wenigstens, versucht. Kein anderer General der Wehrmacht trat der Vernichtungspolitik so offen entgegen, kein einziger. Sehr viele waren sogar daran beteiligt. Aber nachher haben sie alle behauptet: Wir konnten ja nichts dagegen tun.

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An diesem Samstag wird im Berliner Bendlerblock, wo die zentrale Figur des Anschlagsplans, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hingerichtet wurde, des Widerstandes gegen die Nazis gedacht, Bundeskanzlerin Angela Merkel jene Menschen würdigen, die sich dem Bösen verweigerten. 75 Jahre danach, fast ein Menschenalter, scheint der deutsche Widerstand fest in der Erinnerungskultur verankert zu sein.

Aber, merkwürdig, nach Stauffenberg und den Mitverschwörern aus dem konservativ-militärischen Widerstand und so vielen anderen, die nicht mitmachten, mögen Straßen, Schulen, inzwischen auch Kasernen benannt sein; und doch bleibt ihr Bild diffus.

Von wenigen Ausnahmen wie den Geschwistern Scholl abgesehen, erscheinen sie wie Wesen aus einer anderen Galaxie, deren Denken, Fühlen, Handeln uns unvorstellbar fremd sind. Kein Wunder, dass um Stauffenbergs Platz in der Geschichte heute wieder ein erbitterter Streit geführt wird.

War Stauffenberg, wie Thomas Karlauf in seiner pointierten Biografie schreibt, vor allem ein pragmatischer Offizier, der aus politischen Motiven handelte? Den nicht das Entsetzen über die apokalyptischen Verbrechen der Nazis zum Tyrannenmord trieb, sondern die Entschlossenheit, den verlorenen Krieg "möglichst rasch zu einem für Deutschland möglichst glimpflichen Ende zu bringen" - jenes "heilige Deutschland", das er im Angesicht seiner Mörder beschwor?

An dieser Position gibt es viel Kritik, besonders heftig aus den Familien der Verschwörer von 1944, die Enkel verwahren sich gegen die Arroganz der Nachgeborenen und einen Gestus des Denkmalstürmers. Beide Positionen sind verständlich (wenn auch nicht immer: Die erkennbar auf Karlauf gemünzte Bemerkung des Literaturwissenschaftlers Karl-Heinz Bohrer in der Zeit, die Kritiker ertrügen vermutlich nicht, "dass es zur Zeit ihrer Nazivorfahren mutige Deutsche gegeben hat", enthält all die selbstgefällige und hysterisch überreizte Polemik, an der deutsche Geschichtsdebatten so lustvoll leiden).

So hat die Republik, welche die Männer des 20. Juli anfangs verteufelte und sie später zu Heldenvätern der Bundesrepublik umdeutete, ihren Frieden mit dem Widerstand noch immer nicht wirklich gemacht.

Doch gibt es nur einen Weg, den Menschen gerecht zu werden, die sich dem Terror entgegenstellten: sie unvoreingenommen und ohne weltanschauliche Deutungsgewohnheiten zu betrachten. Nur so versteht man sie und kann sich mit all dem identifizieren, was sie an Positivem verkörpern. Und das ist wichtig: Selbst deutsche Rechtspopulisten versuchen schon, Stauffenberg für ihr Lager zu vereinnahmen.

Es wäre ein großer Fehler, ihnen dies durchgehen zu lassen. Die Frauen und Männer des Widerstands, ob sie Demokraten waren oder nicht, gehören in all ihrer Ambivalenz zur Vorgeschichte dieser Republik.

Sie alle waren Kinder ihrer Zeit, und doch verbindet sie vieles mit der Gegenwart. Und sei es, dass wir unser Leben in Freiheit wieder mehr wertzuschätzen lernen, wenn wir ihre Lebensgeschichten ansehen. Etwa die des Arbeiters Georg Elser, dessen Bombe Hitler im November 1939 nur um Minuten entging.

Diktaturen herrschen nicht allein durch Terror und Furcht. Sie bedürfen der Zustimmung vieler Menschen, gleich ob diese ideologisch, opportunistisch oder schlicht blind ist.

Menschen wie "Goldkörnchen"

Wie Elser verweigerten die Männer um Stauffenberg diese Zustimmung. Sie widersetzten sich in dem Rahmen, der ihnen möglich war oder möglich erschien; das allein verdient Respekt, sogar Bewunderung. Einen kritischen Blick auf die Militäropposition gegen Hitler, die sich spät zum Handeln entschloss, verbietet dieser Respekt keineswegs - wohl aber den Versuch, diese Menschen bequem nach heutigen Maßstäben zu beurteilen.

Ohnehin wäre es an der hohen Zeit, den Widerstand noch mehr in seiner ganzen Breite zu würdigen. Das gilt für die Militäropposition selbst, die ja durchaus in Verbindung mit Kirchen, Bürgertum, sogar der Arbeiterschaft stand.

Erst recht aber für all die anderen, die Sozialdemokraten, Christen, Kommunisten, gewöhnlichen Leute: die Witwe Luise Meier aus Soest, die Juden zur Flucht in die Schweiz verhalf; den Gewerkschafter Ludwig Gehm, der vom Strafbataillon auf die Seite der griechischen Partisanen wechselte; den jungen Feldwebel Reinhold Lofy, der 1942 an der Ostfront bei Woronesch den Befehl verweigerte, Juden zu erschießen.

Als Lofy 2010 starb, würdigte ihn der Militärhistoriker Wolfram Wette als "Goldkörnchen unter dem großen Schutthaufen der deutschen Geschichte während der NS-Zeit". Solche Menschen waren damals einsam und in der Minderheit, und doch gab es mehr von ihnen, als uns bewusst ist. Dieses Land sollte stolz auf sie sein.

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