Hessen Der schmerzlich vermisste Ministerpräsident

Ministerpräsident Volker Bouffier im Hessischen Landtag.

(Foto: dpa)
  • Hessens Ministerpräsident Bouffier hat Hautkrebs in einem frühen Stadium.
  • Er bekommt eine Strahlentherapie und gilt als Kämpfer in Sachen Gesundheit.
  • In der Koalition von CDU und Grünen ist seine Abwesenheit schon spürbar.
Von Susanne Höll, Frankfurt

Man wird Volker Bouffier in den nächsten Wochen seltener sehen, sei es im Parlament oder bei öffentlichen Terminen. Der hessische Ministerpräsident muss sich einer Strahlentherapie unterziehen, in seiner Nase wurde ein Hautkrebs entdeckt, offenkundig in frühem Stadium. Die Nachricht löste am Montag nicht nur in Wiesbaden Bestürzung und Bedauern aus. Der 67 Jahre alte Christdemokrat wird allseits respektiert. Schließlich ist seine Bedeutung in der von ihm geführten schwarz-grünen Koalition und der Landes-CDU groß. Er ist der Stabilitätsanker des Regierungsbündnisses und trotz des schlechten Ergebnisses bei der Landtagswahl im Herbst unumstrittener Chef einer inzwischen verunsicherten Partei.

Bouffier fehlte auch am Montagabend bei der wöchentlichen Koalitionsrunde von Christdemokraten und Grünen. Aus diesen Gesprächen, darauf sind die Teilnehmer stolz, dringt so gut wie nie etwas nach außen. Die Abwesenheit des Ministerpräsidenten sorgte, wenn man die Beschreibungen von Teilnehmern richtig versteht, für Verstörung. Nicht dass man ohne den Senior gestritten hätte, keineswegs. Aber den einen oder die andere beschlich die Erkenntnis, dass diesmal eine "unbeschränkte Autorität am Tisch" fehlte.

Bouffier ist in Sachen Gesundheit leidgeprüft

Nun sind Schwarze und Grüne mitsamt den Protagonisten der Opposition erklärtermaßen überzeugt, dass Bouffier bald wieder auf dem Damm sein wird. Der Krebs hat, wenn man das knapp gehaltene Bulletin korrekt interpretiert, noch nicht gestreut, damit erscheinen die Heilungschancen vergleichsweise gut. Und Bouffier ist in Sachen Gesundheit ein leidgeprüfter Kämpfer. Im Alter von 22 Jahren hatte er auf dem Heimweg vom Skiurlaub in Österreich einen schweren Autounfall. Erst zwei Jahre später, nach ebenso viel Schmerz wie Training, konnte er wieder laufen. Der Mann ist ein zäher Kerl, beruhigen sich dieser Tage die Besorgten in der Politik.

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Auf kurze Sicht wird die Krankheit deshalb wohl keine politischen Auswirkungen haben, weder auf die Gegebenheiten in der Landes-CDU noch auf die der Koalition. Letztere hat, daran muss man immer wieder erinnern, im Landtag nur eine Stimme Mehrheit. Doch die Opposition hatte sich schon Anfang des Jahres zu Fairness-Absprachen bereit erklärt. Wenn ein Schwarzer oder Grüner im Parlament wegen Krankheit oder anderer schwerwiegender Gründe nicht im Plenum sitzen kann, wollen entsprechend viele Vertreter der Opposition bei bedeutsamen Abstimmungen fernbleiben. Die denkbar knappste Majorität soll, so das Versprechen insbesondere von SPD und FDP, garantiert werden.

Im Tagesgeschäft, sei es in der Regierung, sei es im Landtag, wird Bouffier auf absehbare Zeit vermisst werden, ins Stocken aber dürften weder die Arbeit noch die Planungen geraten. Christdemokraten und die Grünen haben sich aneinander gewöhnt, unter den Führungsleuten gibt es inzwischen vertrauensvolle Verbindungen. Wäre Bouffier vor fünf Jahren erkrankt, hätte es Verwerfungen gegeben, vermutet ein Protagonist der Koalition. Damals stand Schwarz-Grün ganz am Anfang einer auch für die beiden Parteien sehr gewöhnungsbedürftigen Kooperation. Sie war zustande gekommen, weil Bouffier sie wollte, sie in seiner skeptischen Partei durchsetzte und er überdies das Vertrauen grüner Landeschefs genoss.

Und was ist mit der Hessen-CDU? Die weiß schon seit Längerem, dass Bouffier bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr als Spitzenkandidat antreten wird und sie deshalb früher oder später auch einen neuen Chef bekommen wird. Für beide Posten ist, auch zum Bedauern mancher heimischer Christdemokraten, bislang keine Frau in Sicht. 2020 stehen die nächsten Vorstandswahlen an. Ob Bouffier noch einmal antritt, war auch schon vor seiner Erkrankung eine offene Frage.

Drei Politiker rechnen sich Chancen auf die Nachfolge aus

Für die Nachfolge rechnen sich nach Einschätzung kenntnisreicher Unionspolitiker inzwischen drei Herren Chancen aus. Zwei davon sind schon länger im Gespräch. Der eine ist Finanzminister Thomas Schäfer aus dem mittelhessischen Biedenkopf, 53 Jahre alt, ein schlauer Mann, eng vernetzt in der Landespartei. In seinen jüngeren Jahren war er Büroleiter des einstigen Justizministers Christean Wagner und des früheren Ministerpräsidenten Roland Koch (beide CDU). Beide würde man aus heutiger Sicht zum konservativen Flügel der Landespartei zählen. Dass Schäfer ein Mann der alten und einst durchaus gefürchteten Hessen-CDU-Schule ist, würden aber auch seine Kritiker nicht behaupten. Aber nicht nur Außenstehende, sondern auch CDU-Granden finden, dass Schäfer im kleinen oder großen Kreis allzu oft seine Schläue demonstriert.

Ein ganz anderer Typ ist der Fraktionsvorsitzende Michael Boddenberg, gebürtiger Rheinländer, Jahrgang 1959, und ein Repräsentant der Frankfurter, mithin großstädtischen CDU. Er machte nach dem Abitur eine Metzgerlehre, war dann Geschäftsmann im Fleischgewerbe. Er wirkt auf den ersten Blick kühl, distanziert und in seinen dunklen Anzügen etwas mephistophelisch. Wer je seinen Ausführungen aus dem herausfordernden Alltag eines Schlachters lauschen konnte, hält den hochgewachsenen Mann nicht mehr für den Prinz der Düsternis.

Der Dritte, so der Eindruck von einigen Spitzen-Schwarzen, ist Landesinnenminister Peter Beuth (CDU). Das ist insofern erstaunlich, als der Ex-Landes-Generalsekretär mit seinem Amtsgebaren der Partei und auch der Koalition seit nunmehr gut fünf Jahren mehr Probleme denn Lorbeer einbringt. Beuth neigt zu missverständlichen, oft unglücklichen Äußerungen, machte in der Affäre um mutmaßlich rechtsextreme Polizisten keine gute Figur und bringt die Anhänger der Fußballer von Eintracht Frankfurt mit einer harten Linie in Sachen Pyrotechnik gegen sich auf. Beuth, so sagen CDU-Auguren, habe keine Chancen auf Bouffiers Nachfolge.

Ein Rennen wird es in der vergleichsweise äußerst disziplinierten Hessen-CDU wohl sowieso nicht geben. Wer inmitten der Erkrankung Bouffiers Personalfragen anzettele, verspiele jedwede Chance, sagen die, die von solchen Dingen viel verstehen. In der Hessen-CDU kursiert das Bonmot, dass man hier rieche, wer demnächst für höhere Würden in Frage kommt. Nach was duftet es also? "Derzeit nach Schäfer", sagt einer aus der Partei-Küche.

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