Herfried Münkler über Jamaika-Koalition Wieso Trump Deutschland zwingt, erwachsen zu werden

Welche Rolle spielt bei all dem Donald Trump für Deutschland?

Er zwingt uns, erwachsen zu werden. Und das auf eine harte Tour. Insofern ist er eine Chance für die Europäer und die Deutschen, ihre sicherheitspolitische Mündelsituation beschleunigt aufzugeben. Dass die auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten ist, wäre auch bei einer Präsidentin Hillary Clinton der Fall gewesen. Selbst Obama hatte - wenn auch sehr freundlich - schon darauf hingewiesen, dass Amerika sich auf den pazifischen Raum konzentriert. Und also die Europäer sich mehr um ihre Nachbarschaft kümmern sollten.

Müssen wir dem US-Präsidenten am Ende dankbar sein?

Eine unvermeidliche Entwicklung wird durch ihn beschleunigt. Aber sie wird durch ihn auch komplizierter, weil er unberechenbar ist. Die Erwartung, dass die Strategen der Administration irgendwann das Ruder in die Hand nehmen und man sicherheitspolitisch in den üblichen Bahnen agieren kann, ist nicht eingetreten. Das liegt nicht nur an Donald Trump als einer vermutlich schwierigen Persönlichkeit mit narzisstischen Störungen. Sondern es liegt auch an dem, den er Raketenmann nennt, also Kim Jong-un. Damit sind wir mit dem klassischen Problem jeder Nuklearstrategie konfrontiert: dem Problem mit dem mad man.

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Worin besteht diese Herausforderung?

Atomwaffen spielen keine Rolle, wenn beide Seiten sich unterstellen, sie seien hochrationale Akteure. Dann kann man sie auch abrüsten. Aber in dem Augenblick, in dem man sich nicht sicher ist, ob auf der Gegenseite vielleicht nicht doch ein Halbverrückter oder was auch immer ist, bekommt jede Atomwaffe plötzlich ungeheures Gewicht. Hinzukommt, dass das kleine Nordkorea mit seinen paar Raketen einen ungeheuren Zwang zur madness hat, um das Ganze im Spiel zu halten. Und Trump hat sich entschlossen, darauf zu reagieren, in dem er ebenfalls ein gewisses Element von madness reinbringt. Die Schwierigkeit ist: Wir können nicht sagen, ob die in ihm angelegt ist oder gespielt. Und wenn das in diesem Fall exemplarisch so ist, dann hat das Folgen für die Gesamteinschätzung von Trump. Wenn wir zum Ergebnis kommen: Er spielt nur madman, ist aber in Wahrheit ein kühl kalkulierender Stratege, dann heißt das für unser Verhältnis zu den USA was völlig anderes, als wenn wir sagen müssen, wir wissen es nicht so genau.

Wenn Sie sagen: Die Zeit des Mündels ist vorbei, wir können uns nicht mehr verlassen darauf, dass uns die USA in irgendeiner Form schützen werden - was heißt das für Deutschland? Selber als Polizist aufzutreten? Als Friedensstifter? Als Mittler?

Wir sind in gewisser Weise da schon reingerutscht. Und die Bahn heißt Balkan. Da kann man noch sehen, in welcher Weise uns, Europa, die Amerikaner damals noch beigesprungen sind - mit militärischen Maßnahmen, aber auch in Dayton. Sie haben verhindert, dass plötzlich die Spaltungslinien von 1914 wieder da waren, die ja gerade im deutsch-französischen Verhältnis wieder aufgetaucht waren. Und dass in dieser Phase der Neunziger und ersten Nuller-Jahre Russland auf dem Balkan kaum eine Rolle gespielt hat. Das heißt: Ein bisschen geübt haben wir schon.

Aber es geht doch um mehr.

Ja. Jetzt ist das stärkste Land gefordert, das mit dem größten Gewicht in der EU. Aber wir haben in diesen Jahren auf dem Balkan auch etwas gelernt. Administration, Polizei, auch Militär. Wir haben auch gelernt, dort mit Geld zu agieren: um den dortigen Gewaltakteuren die Gewaltoptionen abzukaufen. Oder ein Druckmittel gegen sie zu haben, dass es nicht heißt: Wir kommen mit Panzern über euch. Sondern wir entziehen euch das Geld.

Warum wird das alles bis heute kaum als Leistung gewürdigt?

Der Prozess ist meistens als Anstrengung beschrieben worden. Dabei muss man einer Bevölkerung auch nach innen klarmachen, dass man Aufgaben übernimmt, die man selber zu tragen hat, von denen man aber nicht nur selbst profitiert, sondern - als common goods, als Gemeinschaftsgüter - viele andere auch. Da tritt das Problem ein, das vor allem ein Problem der Klimapolitik ist: Man investiert, aber man kann die Investitionen nicht ausschließlich selbst konsumieren. Es kommt am Ende allen zugute. Das muss man den Menschen wieder und wieder vor Augen führen.