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Helmut Kohl:Helmut Kohl wollte hier beerdigt werden

Das Grab von Helmut Kohl kann jetzt besichtigt werden. Es liegt an einem symbolischen Ort.

Sonntagmorgen, der Friedhof des Domkapitels in Speyer. Zwei Polizisten und Hansjörg Eger, der Oberbürgermeister, sind die Grabwächter. Eger geht über die Wiese gegenüber des frischen Grabes, er betrachtet die Kränze, die dort liegen, hier und da richtet er eine Schleife. Außer ihm und den beiden Polizisten darf noch niemand ans Grab, um das eiserne Tor des Friedhofs ist eine Kette gelegt. Eger meint, am Nachmittag, gegen 15 Uhr, wird er das Tor öffnen können. "Es will vorher noch mal jemand kommen", sagt er, und meint damit Maike Kohl-Richter, wie es zuvor schon in Speyer zu hören war. Und die Witwe des früheren Bundeskanzlers legt ganz bestimmt keinen Wert darauf, am Grab begafft zu werden von Spaziergängern mit Regenschirm, Reportern und Rennradfahrern im knallgrünen Dress.

Immerhin, niemand mault und niemand benimmt sich daneben, das ist schon mal ein Unterschied zum Vortag. Speyer ist eine Stadt, in der eine Imbissbude "Currysau" und ein Restaurant "Zum Domnapf" heißt, man kann also möglicherweise verallgemeinern, was man schon von Helmut Kohls Ausdrucksweise ahnte: Pfälzer neigen nicht dazu, allzu umständlich zu reden. Nachdem am Samstagmittag der Sarg von Straßburg in Kohls Heimatstadt Ludwigshafen gebracht worden war, wurde er dort in einem Konvoi durch die Stadt gefahren. Ein Mann regte sich vor der Kamera des SWR auf: "Ich wollte ihm die letzte Ehre erweisen", so begann er, sichtlich entrüstet, "und dann rasen die hier so durch, statt Schritttempo zu fahren."

Abschied von Helmut Kohl

Letzter Gruß

Die Europäische Union, die Katholische Kirche und die Bundesrepublik Deutschland hatten einen großen Rahmen bereitgestellt, so wie sie diesen Abschied organisiert hatten, mit allem, was sie an Pomp und Pathos zu bieten hatten: all die gegenwärtigen und früheren Staats- und Regierungschefs beim Europäischen Trauerakt in Straßburg, ein Schiff für eine letzte Fahrt auf dem Rhein; drei Hubschrauber der Bundespolizei, die den Fluss querten, als das Schiff in Speyer anlegte; Bischöfe, Erzbischof, Kardinäle, Weihrauch, Domchor und Domkantor, schließlich die Bundeswehr auf dem Vorplatz, zum Ehrengeleit. "Wenn der Häuptling stirbt, dann ist es für die Stammeskultur wichtig, dass alle sich um ihn versammeln" - beim Betreten des Doms sagte ein früherer Politiker diesen Satz zu seinem Nebenmann, einer übrigens, der vom Häuptling Kohl garantiert nicht eingeladen worden wäre zu dieser Trauerfeier. Das Bundesinnenministerium hatte festgelegt, wer kommen durfte, vielleicht auch: sollte.

Aber es ist ja nicht nur der Häuptling Kohl, der Staatsmann also, der an diesem Wochenende zu Grabe getragen wurde, sondern auch der Privatmann und Irgendwie-auch-noch-Familienvater. In Straßburg mochte es vor allem um den Staatsmann gegangen sein, die Bestimmung der Kirche aber ist es, den Menschen zu verabschieden. Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann legte erkennbar Wert darauf, diesen Menschen in seinen Stärken zu zeigen, aber bitte auch in seinen Schwächen. Schon seine Begrüßung: Er begann, indem er Maike Kohl-Richter nannte, die Witwe und schloss dann allgemein die "Angehörigen, Freunde und Weggefährten" an. Aber dabei beließ er es nicht. "In meinen Gruß möchte ich herzlich einschließen die Söhne unseres Verstorbenen, Walter und Peter, mit ihren Familien." Kohl hatte seine Nachkommen nicht mehr sehen wollen vor seinem Tod, und dort, wo bei einer Trauerfeier normalerweise die Kinder, Schwiegerkinder und Enkel gehen, hinter dem Sarg, da gingen bei diesem Verstorbenen Kai Diekmann, der langjährige Chefredakteur der Bild-Zeitung, und Stephan Holthoff-Pförtner, Kohls Anwalt. Der Beerdigung wollten die Söhne fernbleiben, hatte Walter Kohl vorher angekündigt. Und sie waren auch nicht in der Kirche.

Ist es diese Konstellation, auf die der Bischof in seiner Predigt anspielte? Wiesemann berichtete von den letzten beiden Besuchen Kohls im Dom, kurz vor Weihnachten 2016 und auch 2015. Sie hätten gemeinsam gebetet und eine Kerze angezündet, bei der Mutter Gottes. Wiesemann sagte: "Ich denke, Helmut Kohl wusste auch um seine Ecken und Kanten. Dass er viele Dinge erreichte, aber manches auch zu kurz gekommen war."

Die Leute blicken in ihre Smartphones, anstatt zu applaudieren

Das war das eine, was diesen Abschied noch etwas trauriger machte, als Beisetzungen ohnehin schon sind. Aber etwas anderes kam hinzu, und dafür kann die Familie Kohl nun wirklich nichts; es sei denn, man wolle ihr auch noch zu viel Geschichtsbewusstsein vorwerfen. Die Schifffahrt des Sarges auf dem Rhein, zehn Kilometer bis Speyer, war gedacht als Bogenschlag zur Trauerfeier für Konrad Adenauer, 1967. Dessen Sarg wurde damals auf einem Schiff von Köln nach Bad Honnef gefahren. Die Bilder von damals, die man sich jetzt bei Youtube anschauen kann, zeigen Zehntausende, mindestens. Sie drängten sich am Ufer und auf den Brücken, es war ein Meer aus Menschen. Im Vergleich dazu war die Anteilnahme in Speyer sehr viel geringer und, um es höflich zu sagen, anders.

Adenauer war, als er starb, erst seit vier Jahren nicht mehr Kanzler und erst seit einem Jahr nicht mehr CDU-Vorsitzender. Kohl schied vor fast zwei Jahrzehnten aus seinen Ämtern. Damals, 1998, hieß es immer, jetzt sei eine Generation herangewachsen, die nur ihn als Kanzler kannte. Heute ist eine Generation da, die fast dasselbe über Merkel sagen kann. Auf die Rheinwiesen jedenfalls, diesseits und jenseits des Ufers, verschlug es am Samstagnachmittag nur ein paar Menschen. Auf die Rheinbrücke, praktisch über der Anlegestelle, drei Dutzend, maximal. Am Ufer immerhin waren es ein paar hundert, aber sie erweckten weniger den Eindruck, Trauergäste als vielmehr Ausflügler zu sein. Es gibt dort am Ufer zwei Gartenlokale, dort saßen die Leute. Ein bisschen Aperol, ein bisschen Kuchen, und dazwischen Warten auf Kohl. Einer am Straßenrand war im Radlerdress gekommen, wie später, am Sonntagmorgen, der Mann in knallgrün am Friedhof. Und wo es sonst, auch bei Helmut Schmidt vor anderthalb Jahren in Hamburg, üblich war, dem vorbeifahrenden Sarg zu applaudieren, da waren in Speyer alle mit ihren Smartphones beschäftigt. Ein schlechtes Foto war den Leuten erkennbar wichtiger als gutes Benehmen. Und selbst im Dom ging es später ähnlich zu: Als Bundeswehroffiziere den Sarg hinaustrugen, hielten alle, die einen Platz am Mittelgang hatten, mit ihren Handys drauf.

Nun also der Friedhof, auf dem der Oberbürgermeister Eger das Grab bewacht, bis er es dann kurz vor 16 Uhr tatsächlich zur Besichtigung freigibt. Einige der Kränze, die er dort richtet, lagen am Vorabend bereits vor dem Dom. Vom Bundespräsidenten, von der Kanzlerin, von Familie Hofmann aus dem Odenwald, vom ZDF, vom 1. FC Kaiserslautern, von Dieter Thomas Heck und Familie. Kohl, so hieß es zumindest am Wochenende in vielen Ansprachen, wollte hier beerdigt werden, an der Rückseite einer Kirche, die deutsche und französische Katholiken nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam gebaut und finanziert hatten, bei deren Grundsteinlegung Adenauer sowie die Außenminister Brentano und Schuman dabei waren. Er wollte demnach nicht ins Elterngrab in Ludwigshafen, wo auch seine erste Frau Hannelore begraben liegt, er wollte sozusagen Staatsmann bleiben, über den Tod hinaus. Der Kranz, der nun als Solitär auf seinem Grab liegt, trägt auf den Schleifen die Aufschrift: "In Liebe, Deine Maike". Er ist fast so groß wie der, der einst bei der Beerdigung von Adenauer zu sehen war. Aber auf dem stand: "Unserem Vater".

Helmut Kohl "Helmut Kohl wusste auch um seine Ecken und Kanten"

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Die Europäische Union hat den Altkanzler als Staatsmann geehrt. Das Requiem im Dom von Speyer würdigt ihn als Mensch. An keinem geeigneteren Ort könnte der geschichtsbewusste Altkanzler begraben werden.   Von Detlef Esslinger, Speyer