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100. Geburtstag von Heinrich Harrer:Der den Dalai Lama lehrte

Extrembergsteiger, Forscher und Lehrer des Dalai Lama: Heinrich Harrers Leben verlief alles andere als normal. Der Österreicher bezwang die berüchtigte Eigernordwand und gewann den Dalai Lama als Freund. Obwohl er Mitglied bei NSDAP und SS war - und die Nazis seine Erfolge zu Propaganda-Zwecken genutzt hatten.

Friederike Hunke

10 Bilder

Prof. Heinrich Harrer  | Prof. Heinrich Harrer

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

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Extrembergsteiger, weltbekannter Forscher und Lehrer des Dalai Lama - Superlative prägten das Leben Heinrich Harrers. Der Österreicher bezwang die berüchtigte Eigernordwand und erklärte dem Dalai Lama, wie ein Fotoapparat funktioniert. Am 6. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden. Harrers Beliebtheit hielt bis zum Schluss - trotz brauner Flecken in seiner Vergangenheit.

Heinrich Harrer entwickelte schon früh eine Leidenschaft für die Berge. 1912 kam er als Sohn eines Postbeamten in Hüttenberg in Kärnten auf die Welt. In Graz studierte er Sport und Geografie, arbeitete aber nach seiner Lehramtsprüfung als Bergführer und Skilehrer. Der begeisterte Sportler wurde 1936 in die Ski-Olympiamannschaft berufen, allerdings nahm das Team wegen eines Streits nicht an dem Wettbewerb teil. Ein Jahr später wurde Harrer Trainer der österreichischen Damen-Ski-Nationalmannschaft.

Weg Vom First in Richtung Kleine Scheidegg

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

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1938 heiratete Harrer Lotte Wegener, die Tochter des Geophysikers und Grönlandforschers Alfred Wegener. Im gleichen Jahr machte er sich mit nur 26 Jahren weltweit einen Namen. Gemeinsam mit drei anderen Bergsteigern bezwang Harrer als Erster die berüchtigte Eigernordwand, hier im Hintergrund zu sehen. Die gefährliche, 1650 Meter hohe Felswand wurde durch viele dramatisch gescheiterte Klettertouren bekannt. Mehr als 60 Menschen kamen hier seit 1930 ums Leben.

Adolf Hitler mit deutschen Bergsteigern, 1938 | Adolf Hitler with German mountain climbers, 1938

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

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Adolf Hitler höchstpersönlich empfing Harrer und seine Kollegen nach ihrer Meisterleistung am Eiger. Die Nationalsozialisten nutzten die alpinen Erfolge der jungen Männer zu Propaganda-Zwecken. Harrer wurde deshalb später Naivität vorgeworfen. Jahrzehnte nach der Begegnung mit Hitler wurde bekannt, dass der Bergsteiger bereits 1933 in die damals in Österreich verbotene SA-Untergrundorganisation eintrat. 1938 wurde Harrer außerdem Mitglied in der NSDAP und der SS. Später bezeichnete er seine braunen Sympathien als dummen Fehler und ideologischen Irrtum.

Prof. Heinrich Harrer  | Prof. Heinrich Harrer

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Ein Jahr, nachdem er die Eigernordwand überwunden hatte, schloss sich Harrer der von den Nazis finanzierten Nanga-Parbat-Expedition nach Indien an. Auf dem Rückweg überraschte der Zweite Weltkrieg die Bergsteiger. Britische Soldaten verhafteten sie und brachten sie in indische Internierungslager. Während seiner Zeit in den Lagern ließ sich Harrers Frau trotz der Geburt des gemeinsamen Sohnes 1939 von ihm scheiden. Er lernte in den Jahren der Gefangenschaft Hindustani, Tibetisch und Japanisch und versuchte mehrmals, aus dem Lager auszubrechen.

Heinrich Harrer in Tibet | Heinrich Harrer in Tibet

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Der fünfte Ausbruchsversuch im Jahr 1944 gelang Harrer schließlich. Zusammen mit Peter Aufschnaiter, dem Leiter der Nanga-Parbat-Expedition, wanderte er über 2000 Kilometer zu Fuß durch den Himalaya. Nach fast zwei Jahren erreichten die beiden Männer schließlich die "verbotene Stadt" Lhasa. Die Hauptstadt des damals noch unabhängigen Tibet galt als heilig und gewährte Ausländern normalerweise keinen Zutritt. Dank ihrer technischen Kenntnisse durften Harrer und Aufschnaiter jedoch bleiben und wurden sogar von der tibetischen Regierung angestellt. Das Bild zeigt Harrer (zweiter von rechts) und Aufschnaiter (links) mit zwei Tibetern.

Heinrich Harrer in Tibet | Heinrich Harrer in Tibet

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Ein Fotoapparat verbindet: Kein Einheimischer konnte mit der Kamera umgehen, die der 14. Dalai Lama von Engländern geschenkt bekommen hatte. Hobbyfotograf Harrer brachte dem damals Elfjährigen bei, das Gerät zu benutzen und gewann seine Freundschaft. Harrer wurde Lehrer und Berater des wichtigsten buddhistischen Mönches. Als China im Herbst 1950 begann, Tibet zu besetzen, floh Harrer gemeinsam mit dem Dalai Lama zunächst nach Indien. Von dort kehrte Harrer 1952 nach Europa zurück. Die enge Freundschaft mit dem Dalai Lama hielt sein ganzes Leben.

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Über seine Zeit mit dem Dalai Lama verfasste Harrer das Buch "Sieben Jahre in Tibet". Der Weltbestseller wurde in 48 Sprachen übersetzt und 1997 mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt. Harrer wurde mit dem Erfolg seines Buches finanziell unabhängig und unternahm mehr als 20 schwierige Erstbesteigungen und Forschungsexpeditionen. Seine Reisen führten ihn immer wieder in den Himalaya, aber auch in die Anden, an den Amazonas oder nach Grönland.

Prof. Heinrich Harrer  | Prof. Heinrich Harrer

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Harrer schrieb zahlreiche Bücher über seine Forschungsreisen. Außerdem drehte er mehr als 40 Dokumentarfilme über die Natur und die Menschen - darunter bis dahin unbekannte Naturvölker, die er in entlegenen Regionen der Welt entdeckte. 1964 erhielt er vom österreichischen Bundespräsidenten den Titel eines Professors. Der Forscher baute im Laufe der Jahre eine große Sammlung asiatischer Werke auf, die nun im Völkerkundemuseum in Zürich zu bewundern ist. 1982 verlieh ihm der damalige deutsche Bundespräsident Karl Carstens das Bundesverdienstkreuz.

Prof. Heinrich Harrer  | Prof. Heinrich Harrer

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Auf dem Höhepunkt seines Ruhms holte den Sportler und Forscher seine braune Vergangenheit ein. Der Stern veröffentlichte 1997 Dokumente aus dem Bundesarchiv, die belegten, dass Harrer in den nationalsozialistischen Organisationen SA, SS und NSDAP Mitglied war. Bis zu dem Zeitpunkt hatte Harrer über seine Nazi-Vergangenheit geschwiegen, wofür er nun heftig kritisiert wurde. Noch im Jahr der Enthüllungen sagte Harrer in einem Spiegel-Interview, er sei nur aus Opportunismus und beruflichem Ehrgeiz eingetreten und nie aktives Mitglied gewesen.

Die Öffentlichkeit verzieh ihm schnell: Jean-Jacques Annaud, Regisseur von "Sieben Jahre in Tibet", sagte dem Rheinischen Merkur, Harrer "mag ein Mitläufer gewesen sein, aber kein Täter". Der Stern bescheinigte ihm "Liebe und Verständnis für fremde Völker" und schrieb, Harrer zeige "nirgendwo Nationalismus oder Überreste von Nazi-Ideologie." Harrers Freundschaft mit dem Dalai Lama stellte ihm ein gutes Zeugnis aus. Zuletzt besuchte das geistige Oberhaupt der Tibeter seinen alten Lehrer zu dessen 90. Geburtstag in Kärnten.

HEINRICH HARRER ZUM 90. GEBURTSTAG

Quelle: Sueddeutsche Zeitung Photo

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Der Sport war ihm auch im Alter noch wichtig: Mit 72 Jahren lief Harrer noch einen Ski-Marathon. 2002 erschien seine Autobiografie "Mein Leben". Vier Jahre später verstarb der vielseitige Österreicher mit 93 Jahren in Kärnten. Zu seiner Beisetzung ehrten ihn viele bekannte Persönlichkeiten, der Dalai Lama schickte einen Sondergesandten. Er habe einen engen persönlichen Freund verloren, ließ der Tibeter ausrichten. Einzig Reinhold Messner, selbst Extrembergsteiger, fand einige kritische Worte: Harrer habe "nicht hinterfragt, welche Werte von den Nazis in den dreißiger Jahren hochgehalten wurden". Das Grab des Bergsteigers, der dieses Jahr 100 geworden wäre, ziert eine Erinnerung an seinen größten Triumph: Ein Steinbrocken aus der Eigernordwand.

© Süddeutsche.de/fhu
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