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Freitagsgebet in der Hagia Sophia:Erdoğans großes Ablenkungsmanöver

Präsident Erdoğan mit seiner Ehefrau in der Hagia Sophia.

Recep Tayyip Erdoğan mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia.

(Foto: dpa)

Mit dem großen Schauspiel an der Hagia Sophia will der türkische Präsident ans Osmanische Reich anknüpfen - und die Türken ablenken von Alltagsproblemen. Aber so einfach geht das nicht.

Kommentar von Tomas Avenarius

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan triumphiert. In brüsker Manier hat er mit der Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee klargestellt, dass er sich nicht sagen lässt, wie die moderne Türkei sich als islamisches Land und Nachfolgerin des Osmanischen Reichs politisch auszurichten hat. Ob christliche Würdenträger wie der Papst und die Patriarchen klagen, ob weltweit von den USA bis Russland Regierung Einwände erheben: Erdoğan spielt die Karte der Souveränität seiner Nation ohne jede Rücksicht aus.

Aber bei dem großen Schauspiel um das osmanische Erbe - in Form der einstmals wichtigsten christlichen Kirche - geht es nicht nur um die internationale Signalwirkung. Es geht vor allem um die Innenpolitik. Erdoğan verliert wegen der schlechten Wirtschaftslage stetig an Rückhalt, er kann sich seines Sieges bei Wahlen nicht sicher sein.

Mit dem Feuerzauber an einem der berühmtesten Bauwerke der Welt lenkt er die Türken ab, suggeriert er das Bild von ihrem Land als neuer islamischer Supermacht und verschafft ihnen zugleich ein Gefühl von Aufgehobenheit in der islamischen Identität.

Gleichzeitig scheint Erdoğan das Ereignis aber auch für größere Ziele zu missbrauchen. Nicht umsonst findet die Zeremonie am 24. Juli statt - es ist der Jahrestag des Vertrages von Lausanne aus dem Jahr 1923. Er korrigierte die für die geschlagenen Osmanen schmählichen Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg, ermöglichte Atatürk die Gründung der modernen türkischen Republik.

Islamisten und andere Atatürk-Gegner sehen in diesem Vertrag das Gründungsdokument des laizistischen Staates. Ein Freitagsgebet an eben diesem Jahrestag suggeriert, dass auch der Präsident zu den Gegnern des Atatürk-Staates zählt und stattdessen an die ruhmreiche Ära der Osmanen anschließen will. Was der Abschaffung des Atatürk-Modells gleichkommen würde und eine andere Türkei bedeuten müsste.

Aber so leicht geht das nicht. Zum einen ist die Türkei seit fast 100 Jahren ein säkularer Staat, bekennen sich viele Menschen auch als Muslime bewusst zum Staat Kemal Atatürks. Und zum anderen macht die Religion die Arbeitslosen nicht satt, sinkt die Inflation nicht wegen einer ergreifenden Freitagspredigt, tragen ein überbordender Islamo-Nationalismus und das Säbelrasseln in Libyen und Syrien nicht zur Modernisierung des Landes bei.

Am Ende entscheiden sich die Wähler für die Regierung, die ihnen nicht nur nationale Größe vorgaukelt, sondern die Teller füllt.

© SZ vom 25.07.2020/mcs

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