Habsburger-Herrscherin:5. Judenvertreibung aus Prag

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Zu den dunklen Seiten Maria Theresias gehört zweifellos ihr ausgeprägter Antijudaismus, die Vorstufe zum modernen Antisemitismus. Die Herrscherin schrieb an ihren Sohn Ferdinand, der hohe jüdische Bevölkerungsanteil in Böhmen erzeuge in ihr "Angst und Abscheu - horreur et dégout". Dabei stieß ihr Judenhass sogar bei ihren Ministern und Landständen auf Kritik, die versuchten, sie zu "milderen Maßregeln" zu ermutigen.

Nachdem Prag 1744 vorübergehend von preußischen Truppen besetzt war, eskalierte die Situation: Es sprach sich das Gerücht herum, die dortigen Juden hätten mit den Besatzern gemeinsame Sache gemacht. Nach dem Rückzug der Preußen wurden mehrere Juden exekutiert. Später entschied sich Maria Theresia schließlich, alle Juden aus der Stadt zu verbannen.

Der böhmische Kanzler Philipp Joseph Graf von Kinsky versuchte noch, die Kaiserin umzustimmen, da er wirtschaftliche Konsequenzen fürchtete - ohne Erfolg. Maria Theresia, die katholische Hardlinerin, ließ sich nicht erweichen. Ende Januar 1745 wurden auf ihr Geheiß 10 000 Prager Juden innerhalb weniger Tage vertrieben, viele starben noch auf den Straßen. Es war die letzte große Judenvertreibung in Mitteleuropa vor dem Holocaust. Nach Maria Theresias Tod gab ihr Sohn Joseph II. den böhmischen Juden mit seinem Toleranzpatent endlich mehr Rechte - zum Dank heißt das jüdische Viertel noch heute nach ihm "Josefov".

6. Vorreiterin der Pockenimpfung

Dem französischen Philosophen Voltaire zufolge hatten im 18. Jahrhundert "in der ganzen Welt [...] von hundert Personen sechzig die Pocken."

Auch die Mitglieder des Hauses Habsburg waren davon betroffen. Maria Theresias Onkel Joseph I. starb sogar an der Seuche und auch die Regentin erkrankte an den Viren. Als sich Maria Theresia 1767 mit der Krankheit ansteckte, empfing sie schon die Sterbesakramente, konnte aber doch geheilt werden.

Geprägt von dieser Erfahrung, setzte sie sich in den darauffolgenden Jahren für die damals noch umstrittene Pockenimpfung ein. Maria Theresia ließ nicht nur den eigenen Nachwuchs impfen, sondern lud auch mittellose Kinder nach Schönbrunn ein, um sich gegen Pocken immunisieren zu lassen.

7. Die zentralistische Reformerin

Während ihrer Regentschaft verwirklichte Maria Theresia in den Habsburger Territorien einige Reformen, die von Historikern als wichtiger Schritt zum modernen Nationalstaat angesehen werden.

Das Herrschaftsgebiet des Adelsgeschlechts umfasste zu dieser Zeit einen Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern und Grafschaften. Den Ständen kam bei der Verwaltung der jeweiligen Länder bisher eine sehr große Autonomie zu. Maria Theresia zentralisierte Justiz und Verwaltung und trennte diese zwei Sphären zugleich - ein Schritt in Richtung Gewaltenteilung. Durch die Reformen stieß sie die Stände vor den Kopf, die de facto entmachtet wurden.

Maria Theresias Sohn und Thronfolger Joseph II. setzte sich später zum Ziel, den von seiner Mutter eingeschlagenen Weg fortzusetzen und einen modernen Staat zu gründen. Doch erst 1804 bestieg ihr Enkel Franz II./I. den ersten österreichischen Kaiserthron - und verlor die römisch-deutsche Kaiserkrone.

8. Probleme mit der Schwerkraft

Galt Maria Theresia in jüngeren Jahren noch als Schönheit, nahm ihre Körperfülle im Alter extreme Ausmaße an. Das ging so weit, dass sie fast nicht mehr in der Lage war, zu gehen: Mit umständlichen Aufzugmaschinen wurde sie durch Stockwerke und Räume transportiert. Mal wurde ein "Kanapé" an ein Seil gehängt, mal ein Stuhl.

Einer Anekdote zufolge, die Hans Bankl in seinem Buch "Die kranken Habsburger" erwähnt, soll die Herrscherin mit ebenjener Aufzugsmaschine einen Unfall gehabt haben. Als sie in die Kapuzinergruft zum Sarg ihres verstorbenen Mannes hinabgelassen wurde, soll das Seil gerissen sein. "Er will mich behalten", habe Maria Theresia mit Blick auf ihren toten Gemahl gerufen, "er lässt mich nicht fort. Ich komme bald."

9. Respektbekundung vom Alten Fritz

Am 29. November 1780 starb Maria Theresia im Alter von 63 Jahren. Einen bedeutsamen Nachruf widmete der verstorbenen Habsburgerin einer ihrer härtester Gegner, Preußenkönig Friedrich II.: "Sie hat ihrem Thron und ihrem Geschlecht Ehre gemacht, ich habe mit ihr Kriege geführt, aber ich war nie ihr Feind."

Ob Maria Theresia zu ihrem Lebensende eine ähnlich milde Meinung vom Alten Fritz hatte, muss dagegen bezweifelt werden: Die strenge Katholikin hielt den freisinnigen Schöngeist für einen "bösen Menschen", wandte sich seine Eroberungslust doch vor allem gegen habsburgische Länder wie Schlesien.

Dieser Text ist zuerst am 11. Mai 2017 in der SZ erschienen.

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