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Grundsatzkonvent der Grünen:Sitzkreise unter Motivationssprüchen

'Grundsatzkonvent' der Grünen

Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, klatscht neben der Spitzenkandidatin für Europa, Ska Keller, beim Grundsatzkonvent der Grünen. Im Herbst 2020 wollen die Grünen sich 40 Jahre nach Gründung der Partei ein neues Grundsatzprogramm geben. Auf dem Konvent sollen 800 bis 1000 Teilnehmer über den Zwischenstand diskutieren.

(Foto: dpa)
  • Am Samstag steht beim Grundsatzkonvent der Grünen in Berlin ein Open Space auf dem Programm, eine Veranstaltung in die die Mitglieder sich selbst und ihre Meinung ergebnisoffen einbringen können.
  • In Sitzkreisen diskutieren die Teilnehmer über selbstgewählte Themen, die am Ende Eingang in die Grundsätze der Partei finden könnten.
  • Dem Aufruf der Parteispitze zur Diskussion sind sowohl Neumitglieder als auch Grüne der ersten Stunde gefolgt.

Ein bisschen zu groß wirkt die Arenahalle im Berliner Ortsteil Alt-Treptow am Samstagmorgen noch, fast ein bisschen so, als müssten die Grünen noch in sie hineinwachsen. Nicht alle Plätze sind besetzt, ein paar Hundert Menschen sind gekommen um hier beim Grundsatzkonvent der Partei über das künftige Programm zu diskutieren.

Grünen-Chef Robert Habeck hatte es bei der Auftaktveranstaltung am Freitag schon angekündigt: Der vorgelegte Zwischenbericht soll ein Angebot zur weiteren Diskussion sein. "Wir geben zu, dass unsere Werte auch teilweise im Widerspruch stehen", sagt der Parteichef. Im Herbst 2020 wollen die Grünen sich 40 Jahre nach Gründung der Partei ein neues Grundsatzprogramm geben.

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Nur konsequent ergibt sich daraus auch das Programm für den zweiten Tag des Konvents: Ein Open Space, eine Veranstaltung in die die Mitglieder sich selbst und ihre Meinung ergebnisoffen einbringen können. Der Wunsch der Parteispitze, die sich nicht als Volkspartei, sondern als Bürgerpartei verstanden wissen will: Die Teilnehmer sollen untereinander diskutieren, Vorschläge ausarbeiten und mitbestimmen, was am Ende die neuen Grundsätze der Grünen sein werden. Von unten nach oben statt von oben nach unten, lautet die Devise.

Das Konzept kommt an: Als nach einer kurzen Erklärung dazu aufgefordert wird, Themen für die Diskussionsrunden vorzuschlagen, springen fast alle von ihren Sitzen und schreiben ihre Ideen auf Zettel, die im Anschluss an eine Zeittafel gehängt werden können. Jeder Teilnehmer kann so entscheiden, wann er an welcher Diskussion teilnehmen möchte.

Insgesamt gibt es Stuhlkreise zu 40 verschiedenen Themen. Manchmal sitzen ein Dutzend Teilnehmer zusammen, manchmal nur zwei. Aber jede Gruppe wird am Ende des Tages ihre Ergebnisse schriftlich einreichen - und darauf hoffen, dass sie Eingang in die Grundsätze der Partei finden.

Über die Halle verteilt stehen Sprüche wie "Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte" oder "Die da sind, sind genau die Richtigen". Maximilian Ruta, 25, muss selbst ein bisschen schmunzeln über solche Sprüche. Sitzkreise und Motivationssprüche, so etwas gebe es wohl bei keiner anderen Partei. Ruta ist 2016 zur Landtagswahl in NRW beigetreten. "Ich bin eingetreten, weil ich mit dem Zustand der Welt unzufrieden war", sagt der junge Mann aus Köln. Geliebäugelt habe er zwar auch mit der Piratenpartei, aber die sei ja 2016 de facto schon tot gewesen. Deshalb will er sein Herzensthema, die Freiheit des Internets, heute auf dem Grünenkonvent besprechen.

Andere Themen die auf die vielen gelben Zettel geschrieben werden sind die Drogenpolitik, die Digitalisierung an Schulen, die Teilhabe von allen Gruppen der Gesellschaft, Säkularisierung, aber auch ganz konkrete Dinge wie ein Flugbudget für jeden Bürger oder das bedingungslose Grundeinkommen. Die Menschen, die diese Themen vorbringen, sind so unterschiedlich wie die Themen selbst und sie kommen aus dem ganzen Land: Aus Hamburg, aus Ulm, aus Leverkusen, aus Bielefeld, aus München.

Nicht alle von ihnen sind aber bereits Parteimitglieder. Sara Witt, 45, zum Beispiel. Sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie den Grünen wirklich beitreten will. Sie ist heute hier, um genau das herauszufinden. Am Ende des Wochenendes will sie ihre Entscheidung fällen, sagt sie und lächelt vielsagend. Warum sie überhaupt in eine Partei eintreten will, wo doch der Trend zu themenbezogenem Engagement geht? "Ich glaube in einer immer komplexer werdenden Welt reicht es nicht aus, sich nur auf ein Thema zu konzentrieren", sagt Witt. Für sie ist aber schon klar: wenn Parteipolitik, dann bei den Grünen. "Ich flirte nur mit einer Partei", sagt sie.

"Wir wollen raus in die Breite der Gesellschaft"

Margaux Erdmann, 33, haben die Grünen schon überzeugt. Seit Ende letzten Jahres ist sie Mitglied. Politisch engagiert war sie allerdings schon davor. In Braunschweig hat sie beispielsweise die Hilfsorganisation "Seebrücke" für Flüchtlinge gegründet. Dieser Erfolg hat sie motiviert, sich noch mehr zu engagieren. Ihre Themen: Migration und Flucht, aber auch feministische und queere Politik. Im Kreisverband der Grünen hat sie schnell Gleichgesinnte getroffen, aber die Gleichstellungsbeauftragte einer Hochschule sagt auch: Rassismus und die "weiße, männliche Positionen", das gibt es auch bei den Grünen. Das habe sie zwar anfangs überrascht, aber so sei das nun einmal bei einer pluralistischen Partei. Sie hat deshalb dazu eingeladen, mit ihr über das Thema Diversity zu diskutieren. Die Idee sei unter anderem aufgrund von Ferda Atamanns Kritik am Freitagabend bei der Auftaktveranstaltung entstanden. Die Journalistin hatte gesagt: "Ein bisschen liest sich das Programm wie das einer weißen Partei."

Ein Blick durch den Saal zeigt: Es sind längst nicht alleine die jungen Neumitglieder, die das Diskussionsangebot der Parteispitze wahrnehmen. Auch viele ältere Mitglieder sind gekommen, so wie Richard Bruns, 73. Mit 19 ist er der CDU beigetreten. Für ihn als jungen Mann nur logisch, denn er ist in einem katholischen Elternhaus groß geworden, Vater und Bruder waren schon in der Partei. Innerhalb der Partei hat er mit 23 den Arbeitskreis Entwicklungshilfe gegründet. Ab dann habe er Sprüche zu hören bekommen wie "Du mit deinem sozialen Touch".

1979 habe er erstmals die Grüne Liste Umweltschutz gewählt, aus der später die Partei der Grünen hervorgehen sollte. 1980 trat er der Organisation schließlich bei, und ja, man könne wohl sagen, dass er so etwas wie ein Gründungsmitglied sei. "Ich bin über die Entwicklungspolitik zu den Grünen gekommen", sagt er. Und nach knapp 40 Jahren und dem Wandel, den die Partei durchläuft? "Die Grünen, das ist immer noch meine Partei", sagt Bruns, der heute mit den anderen Anwesenden über Entwicklungspolitik sprechen will.

Allen Anwesenden ist klar, dass es ein Tag nicht reicht, um auf alle Fragen eine Lösung zu finden. Die eine Lösung, die wird es wohl auch nicht geben, dafür sind zu viele Menschen mit zu vielen verschiedenen Meinungen Mitglieder, junge wie alte. Doch gerade das scheint ja das selbsterklärte Ziel von Parteichef Habeck zu sein: "Wir wollen raus in die Breite der Gesellschaft und eine Partei für alle Menschen in diesem Land sein." Der Konvent, es könnte der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Zumindest, wenn sich die Vorschläge der Menschen im Grundsatzprogramm am Ende wiederfinden.

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