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Rory Stewart:Mit Vernunft gegen die Brexit-Radikalität

Großbritannien Premierminister Kandidat Stewart

Die Downing Street No 10 kennt Stewart schon als Minister. Nun will er dauerhaft einziehen.

(Foto: Getty Images)

Mays Entwicklungshilfeminister will nun ihr Nachfolger werden. Dabei versucht er, seinen prominenten und lauten Gegnern mit etwas zu begegnen, was die Wähler bislang selten hören: Optimismus.

Die Speakers Corner im Hyde Park liegt oft verlassen da; vorbei die Zeiten, als hier im Halbstundenrhythmus Genies und Faktoten Reden ans Volk hielten. Wer heute Menschen erreichen will, nutzt im Zweifel Facebook als Medium und nicht eine Apfelsinenkiste als Podest. Aber Rory Stewart hat sich angesagt, und prompt stehen zweihundert Londoner an der Speakers Corner und warten auf den Mann, der gern Tory-Chef und Premierminister werden will.

Seine Chancen sind bislang nicht gut, andere Kandidaten sind prominenter und radikaler, alle sind für den Brexit - und das kommt beim Wahlvolk derzeit gut an. Stewart, Entwicklungshilfeminister seit Mai, davor auf zahlreichen Staatssekretärsposten eingesetzt, Parlamentsmitglied seit 2010, muss also mit anderem punkten. Der 47-Jährige durchreist und durchwandert seit Wochen Großbritannien, stellt sich auf Marktplätze, hockt sich in Cafés, wartet in Parks - und schickt über soziale Medien die Nachricht herum: Ich bin da, wenn Sie mit mir diskutieren wollen, kommen Sie. Ich freue mich.

Großbritannien

Diese Tories wollen May beerben

Und die Menschen kommen, täglich werden es mehr. An der Speakers Corner wollen sie über Trump diskutieren und über die Sozialhilfereform, über den Brexit, natürlich, und über Außenpolitik, die Stewarts Leidenschaft ist. Nach dem Studium in Oxford hatte er als Diplomat eine steile Karriere gemacht und war unter anderem in zwei irakischen Provinzen als Vizegouverneur eingesetzt, bevor er sich in Afghanistan Entwicklungshilfeprojekten widmete und ein Buch über Wanderungen in Afghanistan schrieb. Heute ist er längst, reich dekoriert und ausgezeichnet, zurück in den Niederungen der britischen Politik, und nun will er es wissen, will Regierungschef werden. Um im Hyde Park gehört und gesehen zu werden, setzt er sich auf einen Jägerzaun, was höchst unbequem sein muss - aber Stewart tut so, als merke er das nicht. Auch das ist Teil seiner Selbstinszenierung: Er will zeigen, dass er nicht nur hervorragend ausgebildet und aus privilegierter Familie ist, sondern auch belastbar und geerdet.

In den Umfragen ist der in Hongkong geborene Diplomatensohn rasant nach oben katapultiert worden. Aber diese Umfragen sind wenig verlässliche Stimmungsbilder eines Wahlkampfes, der gerade erst begonnen hat. Und Stewart, der offiziell Roderick James Nugent Stewart heißt, ist unter den derzeit zehn Bewerbern um die Nachfolge von Theresa May der Exot: Schriftsteller, Forscher, Experte für die arabische Welt, ein bisschen Lord Byron, ein bisschen James Bryce.

Während die Konkurrenz sich in Steuersparplänen und No-Deal-Szenarien für den Brexit überbietet, warnt der ehemalige Tutor der Prinzensöhne William und Harry vor "billiger Wählerbestechung" und unhaltbaren Versprechen, die kein vernünftiger Politiker in die Welt setzen dürfe. Sollte der Brexit tatsächlich Geld freisetzen für Investitionen, wolle er sie für Bildung und Infrastruktur einsetzen, und nicht für Steuersenkungen, die vor allem der wohlhabenden Tory-Klientel zugute kämen.

Was das Thema angeht, das Großbritannien mehr als jedes andere spaltet, ist Stewart bekennender Realist. Es sei ein Fehler, zu glauben, dass Brüssel einknicke und London einen Traum-Vertrag auf dem Silbertablett servieren werde, sagt er, und solange die Tories keine Mehrheit im Unterhaus hätten, könne auch kein harter Brexit übers Knie gebrochen werden.

Ein falscher, radikaler Brexit, schrieb er unlängst im Guardian, könne einen "zerstörerischen Effekt" auf Nordirland und die britische Union haben, WTO-Tarife würden Arbeitsplätze vernichten. Stewart schlägt vor, das zu tun, was er selbst derzeit tut: zu reden. Er will eine "citizens assembly", eine Art Volksversammlung, die fern der Parteipolitik ein praktikables Konzept für einen EU-Austritt erarbeitet. Ob das funktioniert? "Ich bin Optimist", sagt Stewart.

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