bedeckt München 13°
vgwortpixel

Labour:Wenn selbst der Pudel wieder bellt

Großbritanniens ehemaliger Premier Tony Blair gilt bei vielen noch als "Pudel von George W. Bush".

(Foto: AFP)
  • Eine Handvoll Labour-Politiker bereitet sich auf den Wettkampf um die Nachfolge von Jeremy Corbyn vor.
  • Tony Blair mischt die Debatte auf und übt scharfe Kritik an Corbyn.
  • Der bald scheidende Parteichef selbst favorisiert Rebecca Long-Bailey als Nachfolgerin. Die 40-Jährige gilt als seine glühende Anhängerin.

Tony Blair ist in großen Teilen der Labour-Partei nicht wohlgelitten. Obwohl er der letzte linke Politiker war, der für Labour Wahlen gewonnen hat, und obwohl ihm das immerhin drei Mal (1997, 2001 und 2005) gelang, ist er vielen Parteimitgliedern vor allem als "Pudel von George W. Bush" in Erinnerung. Er hatte britische Truppen an der Seite der USA in eine auf Lügen begründete und höchst umstrittene Invasion in den Irak geschickt. Blair übernahm dafür später die Verantwortung, verziehen wurde es ihm von den eigenen Leuten nie. Ein "Blairite", ein Fan des Ex-Premiers zu sein, gilt in der Partei von Jeremy Corbyn als Schimpfwort.

Nun aber hat der mittlerweile 66-Jährige Labour in einer Rede in London kräftig aufgemischt. Wenige Tage nach der für die Partei desaströsen Wahlniederlage, inmitten eines intensiver werdenden Machtkampfs um die Nachfolge von Parteichef Jeremy Corbyn sowie um die politische Neuausrichtung der Partei, rechnete Blair mit seinem Nach-Nachfolger ab. Das Ergebnis der Parlamentswahl - die Linke hatte am 12. Dezember 59 Sitze verloren - habe "Schande über uns gebracht", sagte er.

Politik Großbritannien Der Wettstreit um die Corbyn-Nachfolge beginnt
Großbritannien

Der Wettstreit um die Corbyn-Nachfolge beginnt

Vor allem Frauen bringen sich für den Spitzenjob bei Labour in Stellung. Eindeutige Remainer haben nach dem Votum für Johnson und den Brexit wohl ausgedient.   Von Cathrin Kahlweit

Anders als mehrere Kandidaten, die sich derzeit für die Führung der Partei in Stellung bringen und sorgsam darauf achten, die mächtige Lobby der Corbyn-Fans unter den etwa 500 000 Parteimitgliedern nicht zu verschrecken, nahm der Ex-Premier kein Blatt vor den Mund. Schuld an der jüngsten Niederlage sei das Führungsvakuum in der Brexit-Frage gewesen. Corbyn stehe zudem für einen "quasi revolutionären Sozialismus" und verbinde eine "radikal linke Wirtschaftspolitik mit einer tiefen Feindschaft gegenüber den Werten westlicher Außenpolitik". Für viele, so Blair, sei das nicht wählbar gewesen.

Eine Handvoll Kandidaten wird sich um den Parteivorsitz bewerben

So deutlich hat sich noch niemand geäußert in einem Prozess, der in Großbritannien pikanterweise "post-mortem" genannt wird, womit eine brutale Nachwahlanalyse inklusive Suche nach Fehlern und Verantwortlichen gemeint ist. In einer hochemotionalen Sitzung der neuen Unterhaus-Fraktion am Dienstag soll kein einziger Abgeordneter den sofortigen Rücktritt Corbyns gefordert haben. Labour-Politiker, die sich auf die Leadership Challenge vorbereiten, vermeiden vielmehr generell, als "Corbynite" oder als "Blairite" abgestempelt zu werden. Er wolle sich "kein Tattoo mit einem Namen in die Stirn stechen lassen", sagte etwa am Mittwoch der Londoner Abgeordnete, Brexit-Schattenminister und Remain-Anhänger Keir Starmer. Er will seinen Hut im Januar in den Ring werfen.

Außer ihm bereiten sich mittlerweile eine Handvoll Kollegen auf den Wettkampf vor - darunter mehrere Frauen aus Wahlkreisen im Norden, die ihre Chance darin sehen, dass die künftige Labour-Spitze in den Augen vieler Kritiker nun nicht mehr aus der Hauptstadt kommen sollte. Hochoffiziell die Hand gehoben hat allerdings erst Emily Thornberry, die bisherige Schatten-Außenministerin. Sie war im Wahlkampf von der Parteispitze kaum eingesetzt worden, weil sie als Remainerin für ein zweites Brexit-Referendum eintrat, was der offiziellen Parteilinie zuwiderlief.

Die Leadership Challenge soll Anfang Januar beginnen. Bewerber müssen die Rückendeckung von zehn Prozent der Labour-Abgeordneten beibringen. Außerdem benötigen sie die Unterstützung von 33 Parteiverbänden aus den Wahlkreisen oder, was bei Labour eine große Rolle spielt, die Unterstützung von fünf Prozent der Mitglieder von Labour-nahen Organisationen, darunter mindestens zwei Gewerkschaften. Abstimmen dürfen Mitglieder der Partei oder parteinaher Organisationen sowie eingetragene Unterstützer, die einen einmaligen Beitrag zahlen, aber keine Mitglieder sind. Aus diesem Kreis stammten zuletzt viele Corbyn-Fans.

Angeblich sind seit der Wahl 25 000 neue Mitglieder eingetreten

Das Verfahren war schon immer recht kompliziert, ist aber durch einen Beschluss auf dem Parteitag 2017, als Corbyn auf dem Höhepunkt seiner Macht war, noch einmal komplizierter geworden. Damals war der Einfluss der Basis im Verfahren gestärkt, der Einfluss von Parlamentariern geschwächt worden. Gleichwohl ist derzeit ungewiss, ob sich die Corbyn-Anhänger in den kommenden Monaten durchsetzen werden. Stephen Bush, Chefredakteur der Zeitschrift New Statesman, beschreibt das nötige Prozedere entnervt als "langwierig" und den Einfluss der Gewerkschaften als sehr groß. Der Generalsekretär der zweitgrößten britischen Gewerkschaft, Len McCluskey, hatte sich nach der Wahlniederlage überraschend nicht vor Corbyn gestellt. Offenbar wollen sich die Gewerkschaften weder von der Parteiführung noch aus dem Pro-EU-Lager einen Kandidaten aufzwingen lassen.

Zumindest der Parteichef sowie sein Vize präferieren eindeutig eine Person: Rebecca Long-Bailey. Sowohl Jeremy Corbyn als auch der zweite Mann bei Labour, John McDonnell, haben sich für die 40-Jährige ausgesprochen. Ihr Vorteil: Sie stammt aus der Gegend von Manchester und damit aus dem Norden, und sie kommt aus einem Arbeiterhaushalt. Long-Bailey hatte als Verkäuferin und Kellnerin gejobbt, bevor sie Politik und Recht in Manchester studierte und als Anwältin arbeitete. Seit 2015 sitzt sie im Parlament - und gilt als glühende Anhängerin des scheidenden Parteichefs. Wenn sie den Rückhalt des mächtigen Corbyn-Wahlvereins Momentum bekommt, hat sie exzellente Chancen. Aber: Gerüchten zufolge sollen allein in der vergangenen Woche etwa 25 000 neue Mitglieder in die Partei eingetreten sein. Zentristische und sozialliberale Gruppierungen hatten dazu aufgerufen. Gut möglich, dass sich die Gewichte bei Labour wieder verschieben.

© SZ vom 20.12.2019
Politik Großbritannien "Alle sind so schmutzig, wie sie wollen"

Großbritannien

"Alle sind so schmutzig, wie sie wollen"

Warum waren die Tories so erfolgreich? Propaganda-Experte Peter Pomerantsev über die Rolle der sozialen Medien, Boris Johnsons Durchmarsch und den größten Fehler von Labour und den Liberalen.   Interview von Cathrin Kahlweit

Zur SZ-Startseite