Großbritannien:Johnsons Sommerloch

Großbritannien: Viel Platz, wenig Ware: ein Supermarkt in London am Donnerstag.

Viel Platz, wenig Ware: ein Supermarkt in London am Donnerstag.

(Foto: Justin Tallis/AFP)

Lügen-Vorwürfe, explodierende Infektionszahlen und mehrere Kabinettsmitglieder in Quarantäne: Es läuft momentan nicht ganz rund für den britischen Premier. War es vielleicht doch keine so gute Idee, nahezu alle Corona-Beschränkungen aufzuheben?

Von Michael Neudecker, London

Leere Supermarkt-Regale, junge Menschen mit Rollkoffern und sonstigen Taschen auf dem Weg zu einem Festival, dazu eine Abgeordnete, die aus dem Unterhaus geworfen wird, weil sie Boris Johnson zu scharf kritisierte: soweit die Lage in Großbritannien am Ende dieser Woche.

Das britische Parlament ist seit Freitag in Sommerpause, am Donnerstag, in der letzten Sitzung, die ohne den Premierminister stattfand, zählte die Labour-Abgeordnete Dawn Butler mehrere Behauptungen Boris Johnsons auf und wies darauf hin, dass jeder einzelne dieser Punkte gelogen sei. Die stellvertretender Sprecherin des Unterhauses verwies Butler wegen des Vorwurfs der Lüge schließlich des Saales, wozu Butler nichts blieb als festzustellen, wie bemerkenswert es doch sei, dass man in diesem Parlament dafür bestraft werde, auf Lügen hinzuweisen. Nicht aber dafür, selbst die Unwahrheit zu sagen.

Die Angelegenheit war gewissermaßen der Tiefpunkt am Ende einer intensiven Parlaments-Saison, in den britischen Medien aber kam sie am Freitag nur am Rande vor. Die Folgen des Coronavirus sind weiterhin das große Thema, die in Wortspiele verliebten Boulevardmedien haben dafür einen Begriff erfunden, der nun bereitwillig von vielen einfach übernommen wird: Pingdemic.

Wer in England Kontakt zu einem positiv auf das Coronavirus Getesteten hat, wird, wie das im Englischen heißt, via Smartphone ge-"pinged", es ist das gleiche Prinzip wie in der deutschen Corona-Warn-App. Bis 16. August noch gilt die Regel, dass Kontaktpersonen sich umgehend in Quarantäne begeben müssen, und weil die täglich neuen Fälle trotz zuletzt leicht fallender Zahlen immer noch bei deutlich über 40 000 liegen, trifft es eben auch immer mehr Menschen, die eine Mitteilung bekommen. Allein das Kabinett gibt ein gutes Bild des Ausmaßes ab: Derzeit in Quarantäne befinden sich Premierminister Boris Johnson, Gesundheitsminister Sajid Javid (selbst positiv), Finanzminister Rishi Sunak und Labour-Chef Keir Starmer, dazu noch ein paar Minister und Staatssekretäre.

Die Realität ist meistens nicht so schlimm wie auf Twitter

Besonders hart trifft die wachsende Zahl an Isolierten den öffentlichen Nahverkehr, Restaurants, Pubs oder auch Supermärkte. Vergangenes Wochenende war der U-Bahn-Verkehr in London stark beeinträchtigt, einzelne Linien wurden vorübergehend komplett geschlossen, manche Pubs mussten mangels Personal den Betrieb vorerst einstellen, und es häufen sich Bilder in sozialen Medien aus Supermärkten mit leeren Regalen. Vor allem letztere sorgen für etwas Aufregung, die Realität ist zwar meistens nicht so schlimm wie auf Twitter, auch in diesem Fall ist das so. Allerdings sind Engpässe tatsächlich nicht auszuschließen, wobei man davon ausgehen darf, dass auch der seit dem Brexit erschwerte Handelsverkehr dazu seinen Beitrag leistet.

Dass es vielleicht doch keine gute Idee gewesen könnte, nahezu alle Corona-Beschränkungen aufzuheben und mit hoch bleibenden Fallzahlen eine zunehmende Quarantänisierung der Bevölkerung zu provozieren, davon wollte Boris Johnson bis zuletzt nichts wissen. Er entschuldige sich für die Notwendigkeit der Quarantäne, sagte er in einem Video aus der Isolation auf seinem Landsitz in Chequers, aber dies sei wichtig, denn die Pandemie sei "noch lange nicht vorbei". Gerade junge Leute aber müssten wieder am Leben teilnehmen können, sagte er auch. Das Leben findet zum Beispiel beim Latitude Festival an diesem Wochenende statt, es begann am Donnerstag, 40 000 Besucher werden erwartet.

Allein vergangene Woche wurden mehr als 600 000 Menschen von der App des Gesundheitssystems NHS aufgefordert, sich in Quarantäne zu begeben. Deshalb wurde nun eine Liste mit 16 Branchen bekanntgegeben, die tägliches Testen anstelle der Quarantäne beantragen dürfen. Wie schnell das gewährt wird, war am Freitag noch unklar. Supermarkt-Angestellte sollen zudem von der Quarantäne befreit werden, falls sie zweimal geimpft sind.

Was am Ende dieser Woche also bleibt, ist Konfusion, dazu ein Eindruck: Es gerät bisweilen etwas durcheinander, dass nicht die Quarantäne das eigentliche Problem ist, sondern das sich immer weiter verbreitende Virus.

© SZ/toz
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