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Krieg in Syrien:Was auf einen Chemiewaffenangriff der syrischen Armee hindeutet

Ein Arzt behandelt ein von dem Giftgasangriff betroffenes Kind in Khan Scheikhun im nordwestsyrischen Gouvernement Idlib

(Foto: AP)
  • Mehr als 100 Menschen sollen inzwischen ums Leben gekommen sein, mehr als 300 wurden nach Angaben von Ärzten in der Stadt verletzt.
  • Von russischer Seite heißt es, syrische Kampfjets hätten ein Lagerhaus der Aufständischen bombardiert, in dem giftige Substanzen gelagert worden seien, die für den Bau von chemischen Waffen bestimmt gewesen seien.
  • Außer dem syrischen Regime hat bislang aber nur die Terrormiliz Islamischer Staat Chemiewaffen in Syrien und im Irak eingesetzt, allerdings stets Senfgas und nicht Sarin, wie es nun vermutlich zum Einsatz kam.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Eigentlich wollten die Europäische Union und die Vereinten Nationen an diesem Mittwoch über Hilfen für Syrien beraten und über den Wiederaufbau in dem von mehr als sechs Jahren Krieg weithin zerstörten Land. Die Vertreter von 70 Ländern, unter ihnen viele Außenminister, wurden zu dem Treffen erwartet, das auch von Deutschland mit organisiert wird. Das Ziel: Die Umsetzung der Hilfszusagen der Londoner Geberkonferenz aus dem vergangenen Jahr, bei der die internationale Gemeinschaft etwa neun Milliarden Euro für Syrien zugesagt hatte. Zudem soll die Konferenz die Suche nach einer politischen Lösung für den Konflikt unterstützen.

Die Teilnehmer hätten, zumindest was den Wiederaufbau angeht, darüber hinweggesehen, dass auch die letzte Runde der von den UN vermittelten Friedensgespräche in Genf keinerlei Annäherung gebracht hat. Und auch darüber, dass der von Russland und der Türkei zum Jahreswechsel in der kasachischen Hauptstadt Astana ausgehandelte Waffenstillstand de facto zusammengebrochen ist.

Aber nach dem Chemiewaffen-Angriff in Khan Scheikhun, einer Stadt in der von Rebellen und al-Qaida nahestehenden Gruppen kontrollierten Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, ist die internationale Diplomatie im Krisenmodus: Frankreich, Großbritannien und die USA haben eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates beantragt; sie machen das Regime von Baschar al-Assad für den Angriff verantwortlich. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin telefoniert.

Doch auch dieses Mal ist es unwahrscheinlich, dass Konsequenzen auf die Attacke folgen. US-Außenminister Rex Tillerson erklärte zwar, der Angriff zeige, wie Assad vorgehe: "mit brutaler, ungenierter Barbarei". Auch trügen Russland und Iran als "selbsterklärte Garanten des in Astana verhandelten Waffenstillstands eine große moralische Verantwortung für diese Toten". Und der Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, sekundierte, der Angriff sei verwerflich und könne von der "zivilisierten Welt nicht ignoriert werden".

Trumps Sprecher macht Vorgängerregierung für die Attacke verantwortlich

Zugleich ließ aber nicht eines seiner Worte erkennen, dass sein Chef, US-Präsident Donald Trump, einen Millimeter von seiner bisherigen Linie abweichen würde. Die lautet: Es ist nicht praktikabel, Assad von der Macht zu vertreiben und auch keine Priorität mehr, die USA müssten die politischen Realitäten in Syrien anerkennen. Trump interessiert in Syrien nur der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat - das hatte er schon im Wahlkampf deutlich gemacht. Tatsächlich war das im Kern auch schon die Linie seines Vorgängers Barack Obama, auch wenn dessen Rhetorik noch deutlich anders klang.

Dessen ungeachtet machte Trumps Sprecher indirekt die "Unentschlossenheit der Vorgängerregierung" für die Attacke verantwortlich - ein Verweis darauf, dass Obama von seiner roten Linie zurückwich, als Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad am 21. August 2013 in mehreren Vororten von Damaskus mehr als 1000 Menschen mit dem Nervenkampfstoff Sarin umbrachten. Geschenkt, dass Trump damals getwittert hatte, der Präsident solle Abstand nehmen von einem Angriff, weil dieser nur Nachteile bringen würde.

Sarin oder ein anderer Nervenkampfstoff könnte nun den Symptomen der Opfer nach auch in Khan Scheikhun zum Einsatz gekommen sein. Mehr als 100 Menschen sollen inzwischen gestorben sein, mehr als 300 wurden nach Angaben von Ärzten in der Stadt verletzt. Einige Überlebende wurden über die Grenze zur Behandlung in die Türkei gebracht - das wird dazu beitragen, schnell Gewissheit zu erlangen, mit welchem Stoff sie vergiftet worden sind.

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