Gewalt im Nachbarland Syriens Bürgerkriegsangst in Libanon wächst

Die libanesische Armee kämpft gegen sunnitische Extremisten, das Land droht abermals auseinanderzubrechen. Heute soll das Parlament erneut versuchen, das vakante Präsidentenamt zu besetzen.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Es war eine erbitterte Schlacht zwischen der Armee und extremistischen sunnitischen Kämpfern. Sie währte mehr als zwei Tage. 42 Menschen verloren dabei ihr Leben, 150 wurden verletzt. Das Militär schickte Panzer und Hubschrauber, die Angreifer kidnappten Soldaten. Die Bewohner mussten aus ihren Häusern fliehen. Schauplatz dieser Kämpfe war nicht etwa ein Ort in Syrien, die Auseinandersetzungen erschütterten das Wochenende über und auch noch am Montag die Stadt Tripoli - im Norden Libanons.

Es sind solche Zwischenfälle, die Premierminister Tammam Salam meint, wenn er auf der Syrien-Konferenz in Berlin auf die "destabilisierenden Effekte" hinweist, die der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nachbarland mit sich bringe. Sie lassen die Spannungen in dem kleinen Staat am Mittelmeer mit seinen vielen Volksgruppen steigen. Und sie befeuern die Angst neu, dass der Bürgerkrieg auch Libanon verzehren könnte.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR berichten zudem, dass die Auseinandersetzungen die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien zunehmend kippen lassen. Die Kämpfe verschärfen die Gegensätze zwischen den verschiedenen Religionsgruppen weiter und haben mehrmals dazu geführt, dass Libanon die Grenzen für Neuankömmlinge aus Syrien schloss.

Das Land leidet unter einem politischen Vakuum

In Tripoli, einst vor allem bekannt für seinen malerischen Suk, haben sich seit Ausbruch des Syrienkonflikts immer wieder verfeindete Anhänger der syrischen Kriegsparteien Straßenkämpfe geliefert; sunnitische Extremisten und Alawiten, die dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad nahe stehen.

Im Sommer vergangenen Jahres explodierten Bomben vor zwei sunnitischen Moscheen und rissen mehr als 40 Menschen in den Tod. Doch die Gefechte zwischen der Armee und den Militanten am Wochenende waren die schlimmsten, seit Anfang August Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat und der vom UN-Sicherheitsrat ebenfalls als terroristisch eingestuften Nusra-Front die libanesische Grenzstadt Arsal angegriffen hatten. Sie waren von Syrien aus über die Grenze vorgerückt, nachdem die libanesische Armee einen Nusra-Kommandeur festgesetzt hatte. Mehr als 150 Menschen starben damals. Die sunnitischen Kämpfer beschuldigen die libanesische Armee, mit der schiitischen Hisbollah-Miliz im Bunde zu stehen, die das Assad-Regime unterstützt.

Um die Lage zu beruhigen, erklärte am Dienstag nun der einflussreichste sunnitische Politiker in Libanon, Ex-Premier Saad al-Hariri, er verurteile alle "Aufrufe, aus der Armee zu desertieren und vor allem die sunnitische Jugend anzustacheln, sich bewaffneten Organisationen anzuschließen", wie ihn der englischsprachige Daily Star zitierte.

Er sieht sich lauter werdenden Rufen nach einer "sunnitischen Revolution" in Libanon ausgesetzt, dem Versuch, eigene Milizen zu bilden und die Macht zu übernehmen. Das würde das Land unweigerlich in einen Bürgerkrieg stürzen, denn die Milizionäre der Hisbollah haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie militärisch die stärkste Kraft sind und nicht nur den Süden des Landes und die Bekaa-Ebene kontrollieren, sondern binnen Stunden alle strategisch wichtigen Punkte in Beirut besetzen können.

Libanon leidet seit Monaten an einem politischen Vakuum: Das gemäß der Verfassung einem maronitischen Christen zustehende Präsidentenamt ist unbesetzt, da sich im Parlament nicht die nötige Mehrheit für einen Kandidaten finden lässt. Für diesen Mittwoch ist eine weiterer Wahlgang angesetzt.