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Gesundheit:Der Kampf gegen Einsamkeit muss früh anfangen

Einsam

Vor allem im Alter sind viele Menschen mit Einsamkeit konfrontiert.

(Foto: picture alliance / Victoria Bonn)

In Großbritannien gibt es seit Kurzem eine "Ministerin für Einsamkeit". Das ist gut und richtig: Viele Menschen sind ungewollt allein - das kann verheerende Auswirkungen auf Körper und Psyche haben.

Kommentar von Christina Berndt

Großbritannien soll eine "Ministerin für Einsamkeit" bekommen. Das ist eine super Sache, könnte sich der gestresste Großstädter jetzt denken, der mitten im Leben steht und sich zwischen Geldverdienen, Kinderbetreuung und Selbstverwirklichung zerreißt: Ein bisschen mehr Zeit mit sich selber könnte er gut gebrauchen. Vernetzt mit tausenden Freunden über Facebook, ständiger Ansprache über Email, SMS, WhatsApp, Threema und Twitter, kommt Leere selten in ihm auf. Viel zu selten.

Aber tatsächlich wird die neue Ressortchefin, die Premierministerin Theresa May da angekündigt hat, eine Ministerin gegen die Einsamkeit sein. Sie soll der "traurigen Realität des modernen Lebens" entgegenwirken, so hat es May formuliert - aber damit sind nicht die unaufhörlichen pseudosozialen Botschaften auf den sozialen Kanälen gemeint, die längst reißende Flüsse sind. Sondern die Vereinsamung großer Teile der Bevölkerung. Es geht um die Tatsache, dass es bei Millionen Menschen niemals klingelt, dass keiner mit ihnen spricht und ihnen nicht mal jemand ein Zwitschern über Twitter schickt.

Einsamkeit kann genießen, wer sie selbst wählt. Wer sich als stolzer Kurzzeit-Eremit mal eine Auszeit nimmt, hat es gut. Sie tut weh, wenn es keine Chance gibt, ihr zu entkommen. Und sie ist ein massiver Angriff auf die psychische Gesundheit. Wie wichtig Bindungen, Netzwerke und Ansprache als Schutz für die Seele sind, haben etliche Forschungsarbeiten bewiesen. Auch auf Körper und Geist wirkt sich bohrende Einsamkeit sehr negativ aus.

Deshalb ist die Initiative aus Großbritannien eine gute Idee. Eine Regierung, die es ernst meint mit der Gesundheitsvorsorge, sollte auch etwas gegen die Einsamkeit tun. Aber die designierte Ministerin sollte die Aufgabe nicht zu leicht nehmen. Schon "einfache Akte der Gemeinschaft" könnten etwas bewirken, sagte sie britischen Medien. Doch echte Einsamkeit lässt sich mit ein bisschen Ansprache am Tag nur oberflächlich beheben, so wie eine Facebook-Gruppe "Gemeinsam gegen die Einsamkeit" direkten Austausch nicht ersetzt und man auch nicht einfach zwei Einsame zusammenstecken kann, damit sie fortan ihre Zweisamkeit genießen mögen.

Einsamkeit steht meist am Ende eines über Jahre dauernden Prozesses. Etliche Menschen haben sich schon lange nicht um aufrichtige, echte soziale Kontakte bemüht. Wenn dann der Partner nicht mehr da ist, sie arm geworden sind, immobil oder arbeitslos, dann wissen manche nicht mehr, wie das geht: Bindungen zu pflegen und neu zu erschaffen. Umso schwerer fällt es nun. Der Kampf gegen die Einsamkeit muss deshalb früh anfangen. Eigentlich müssten das schon Schüler lernen: Es ist wichtig, sich das ganze Leben im Sozialen zu üben, auch wenn das immer wieder Anpassung, mitunter ätzende Auseinandersetzungen und viel Initiative bedeutet.

© SZ.de/kia/lalse

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