Interview am Morgen "Armut macht einsam"

Essensausgabe bei der Augsburger Tafel.

(Foto: Johannes Simon)

Immer mehr Rentner stehen bei den Tafeln für kostenlose Lebensmittel an. Warum Weihnachten für die Betroffenen die schlimmste Zeit ist und wie man helfen kann, erklärt die Vorsitzende der Münchner Tafel im "Interview am Morgen".

Von Anna Fischhaber

SZ: Die Tafeln in Deutschland klagen, dass sich die Zahl der bedürftigen Senioren binnen zehn Jahren verdoppelt hat. Sie leiten die Münchner Tafel, Frau Kiethe. Wer kommt zu Ihnen?

Hannelore Kiethe: Wir versorgen 20 000 Menschen in der Woche mit 120 000 Kilogramm Lebensmitteln. Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, sind auch in München die Gruppe, die am schnellsten wächst. Etwa 40 Prozent unserer Gäste sind Senioren. Immer mehr von ihnen kommen in dieser reichen, aber teuren Stadt nicht mehr allein über die Runden. Leider haben alte Menschen aber eine große Scheu, uns um Hilfe zu bitten.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Warum ist das so?

Ich verstehe das gut. Diese Menschen haben jahrzehntelang gearbeitet und dann reicht das Geld plötzlich nicht mehr und sie sind auf andere angewiesen. Viele kommen erst, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist und sie nichts mehr zu essen im Haus haben, so sehr schämen sie sich.

Reicht es in diesen Fällen, Lebensmittelpakete zu verteilen?

Natürlich geht es nicht nur ums Essen, sondern auch um ein paar gute Worte. Armut macht einsam. Ich höre von unseren Gästen immer wieder, dass sie nicht mehr unter Menschen gehen. Sie leben regelrecht auf, wenn sie einmal die Woche zu uns kommen. Wir versuchen, uns besonders liebevoll um alte Menschen zu kümmern: Wir haben einen Fahrdienst, der sie mit den Lebensmitteln nach Hause fährt, wenn sie krank sind. Oft machen wir sie auch darauf aufmerksam, dass sie beim Sozialamt eine Grundsicherung beantragen können.

Aber sind Tafeln die richtige Lösung? Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK hat gerade mal wieder kritisiert, es sei ein Armutszeugnis für Deutschland, dass es die Tafel überhaupt geben muss.

Das Ziel muss natürlich sein, dass es keine Tafeln mehr braucht. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, sondern die der Politik. Wir helfen Menschen zu überleben. Uns ist es wichtig zu wissen, dass die Menschen, die zu uns kommen, auch wirklich bedürftig sind. Jeder braucht einen Berechtigungsschein.

Nun kommen aber immer mehr Menschen. Nimmt die Armut derart stark zu?

Als wir vor 24 Jahre angefangen haben, haben wir 400 Menschen versorgt. Inzwischen sind es 50 Mal so viele. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir Vertrauen gewonnen haben und bekannter geworden sind. Aber die Menschen verarmen auch immer mehr. Ich beobachte etwa, dass sich viele kinderreiche Familien schwer tun. Die Mieten in München sind unbezahlbar. Es geht nicht nur ums Essen, sondern auch um gesellschaftliche Teilhabe. Ich höre oft: "Ich würde so gerne mal mit meiner Freundin ins Kino gehen oder einen Kaffee trinken. Aber es reicht einfach nicht."

Gerade an Weihnachten ist das sicher nicht einfach.

Viele denken, Geschenke wären an Heiligabend selbstverständlich. Aber das stimmt nicht. Wir haben in diesem Jahr wieder Tausende Päckchen ausgeteilt. Es macht viele unserer Gäste so glücklich, wenn sie an Weihnachten dann auch ein Geschenk überreichen können, und wenn es nur ein Stollen ist. Zum Glück haben wir viele Helfer und Spender, die uns vor Weihnachten unglaubliche schöne Sachen vorbei gebracht haben.

Wer jetzt noch helfen will: Was kann man tun?

Für Weihnachtsgeschenke ist es jetzt zu spät, aber wir freuen uns natürlich immer über Hilfe. Bei uns arbeiten 650 Ehrenamtliche und wir sind ständig auf der Suche nach neuen Helfern. Finanzielle Unterstützung ist natürlich toll, aber auch Sachspenden sind erlaubt. Textilien nehmen wir nicht an, wir konzentrieren uns auf Lebensmittel. Wer etwas Besonderes vorbeibringen will, kann unsere Gäste damit erfreuen. Kaffee zum Beispiel ist etwas, das viele sich nur selten leisten können.

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