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Islamistischer Terrorismus:Al-Qaida will länger bestehen als der "Islamische Staat"

Behnam Said zeigt auf, dass die Entscheidung der Al-Qaida-Oberen, regionale Flexibilität zuzulassen, dazu beitrug, die Organisation am Leben und damit relevant zu halten. Lokale Ableger hielten zum Großteil weiterhin loyal zu al-Zawahiri. Es war ihnen aber nun gestattet, auch unter anderen Namen aufzutreten.

Al-Qaida als "Marke" war in Verruf geraten und bildete oft eine Hypothek. Jenseits des bloßen bewaffneten Kampfes ging es den regionalen Gruppen zunehmend darum, als legitimer Teil der Gesellschaft zu erscheinen. Während al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel beispielsweise seit 2009 vor allem durch ausgeklügelte Sprengstoffanschläge aufgefallen war, gab sich die Organisation nach der Eroberung von nahezu 600 Kilometern Küstenlinie in Jemen im Jahre 2015 als staatstragend mit einem Fokus auf verlässlicher Infrastruktur und Rechtsprechung.

Cover Polbuch

Behnam T. Said: Geschichte al-Qaidas. Bin Laden, der 11. September und die tausend Fronten des Terrors heute. Verlag C.H. Beck München 2018. 239 Seiten, 14,95 Euro. E-Book: 11,99 Euro.

Lokale Al-Qaida-Ausprägungen sind weiterhin ein ernst zu nehmender Faktor in Tunesien, Algerien und in Afghanistan. Der Afghanistanableger macht durch enge Kooperation mit den Taliban von sich reden. Diese Zusammenarbeit zeigte sich beispielsweise im Oktober 2015, als afghanische und amerikanische Soldaten auf das bisher größte bekannte, sich über ganze 77 Quadratkilometer erstreckende Al-Qaida-Lager stießen.

Der Leser muss Vorkenntnisse mitbringen

Die Strukturen des "Islamischen Staates" kollabierten erstaunlich schnell im Laufe des vergangenen Jahres. Der Autor weist demgegenüber darauf hin, dass al-Qaida für sich in Anspruch nimmt, den weitaus längeren Atem zu haben. Jahrzehnte des vorsichtigen und konspirativen Verhaltens scheinen sich auszuzahlen. Zwar hat al-Qaida bisher nicht ihre langfristigen Ziele erreicht, nämlich, die USA aus der muslimischen Welt zu vertreiben, Israel auszuradieren und autoritäre Herrscher im Nahen Osten zu stürzen. Allerdings ist es der Organisation gelungen, die Vereinigten Staaten in einen ungemein teuren Krieg gegen den Terror hineinzuziehen, der nun schon fast zwei Jahrzehnte währt. Al-Qaida hat sich dabei als extrem anpassungsfähiger Gegner erwiesen, der aus Bürgerkriegen und rechtsfreien Räumen unmittelbares Kapital zu schlagen vermag - alles Gründe genug, die Organisation laut Said noch lange nicht abzuschreiben.

Auf den Aspekt der Langlebigkeit al-Qaidas kommt der Autor mehrmals zu sprechen und legt diesen rundum überzeugend und verständlich dar. Andere Aspekte der komplexen Geschichte werden indes leider eher nur angerissen, was der im Vorwort erwähnten, "kompakten" Darstellung der Ereignisse geschuldet ist. Der Leser muss gewisse Grundlagen zweifelsohne mitbringen, um sich aus den Abgrenzungen von Muslimbrüdern, Wahhabiten, oder dschihadistisch-salafistischen Gruppen einen Reim zu machen. Erklärt wird dabei wenig, überhaupt erfährt die Ideologie al-Qaidas nur geringe Beachtung. Auch verfällt Said an einigen Stellen der Versuchung, kurze psychologische Porträts wichtiger Al-Qaida-Führer zu zeichnen.

Großes Gespür für aktuelle Entwicklungen

So sei Osama bin Ladens Fantasie von der übermächtigen Vaterfigur "beflügelt" worden, was ihn nach dessen frühem Tod anfällig für Radikalisierung gemacht habe. Auch sei eine gewisse Risikofreudigkeit bei dem Al-Qaida-Führer schon früh angelegt gewesen - schließlich habe er sich an schnellen Autofahrten in der Wüste erfreut. Chalid Scheich Mohammed, der Hauptplaner der Anschläge vom 11. September, weise in seiner Biografie die "typischen Brüche" anderer Radikalisierter wie Migrationserfahrung, familiäre Schwierigkeiten und einen abwesenden Vater auf. All das habe ihn empfänglich gemacht für eine Ideologie, "die sich in Verbindung mit seiner Aggressivität, seiner rebellischen Ader und seiner Geltungssucht wie ein Gift entfalten sollten". Solche Erfahrungen mögen prägend sein - können sie aber das Phänomen al-Qaida wirklich erklären?

Glücklicherweise versteht auch der Autor diese Porträts nur als Mosaiksteine in der Annäherung an eine eben größtenteils im Verborgenen operierende Gruppe. Behnam Said ist ein runder Wurf gelungen, eine gut lesbare, packende Darstellung al-Qaidas voller nachwirkender Beobachtungen, aktueller Bezüge und mit dem Gespür für große Entwicklungslinien.

Simon Wolfgang Fuchs ist Akademischer Rat am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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