Islamistischer Terrorismus Al-Qaida ist nicht totzukriegen

Der al-Qaida-Gründer Bin Laden gilt als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.

(Foto: Mazhar Ali Khan/dpa)

Behnam T. Said hat die Geschichte al-Qaidas neu geschrieben. Und die ist noch nicht vorbei. Die Organisation Osama bin Ladens hat den Anspruch, den "Islamischen Staat" zu überleben.

Rezension von Simon Wolfgang Fuchs

Der Lack des Bösen ist ab. Al-Qaida als Meisterin des Terrors löst in der westlichen Öffentlichkeit längst nicht mehr die grenzenlose Angst aus, welche die Organisation noch Anfang der 2000er-Jahre für sich in Anspruch nehmen konnte. Damals machte die Gruppe nicht allein durch die Anschläge vom 11. September in den Vereinigten Staaten von sich reden. Al-Qaidas Bomben erschütterten gleichzeitig mehrere Madrider Vorstadtzüge im März 2004. Londons U-Bahn wurde im Juli 2005 angegriffen.

Gefühlt scheint all dies schon eine Ewigkeit zurückzuliegen. Osama bin Laden selbst wurde bereits 2011 in seinem Versteck in Abbottabad in Pakistan von amerikanischen Spezialkräften getötet. Auf der Bühne der geschickt inszenierten Brutalität ist zudem ein Rivale aufgetreten, der in Sachen Medienstrategie, Effizienz und schierer Skrupellosigkeit al-Qaida längst in den Schatten gestellt hat.

Behnam T. Said verwebt alte Forschungsergebnisse neu

Über die vergangenen Jahre hinweg hat der sogenannte "Islamische Staat" die Welt in seinem unablässigen Bann gehalten. Bedarf es also dann heute eines Buchs, das noch einmal die bereits gut dokumentierte Geschichte al-Qaidas aufrollt? Das darlegt, wie in den 1980er-Jahren alles seinen Anfang nahm im Kontext des antisowjetischen Dschihads in Afghanistan? Das einer Organisation nachspürt, die in der Versenkung verschwunden zu sein scheint und nur noch gelegentlich durch Audioaufnahmen von sich hören lässt?

Ein Tag im Mai 2011: Die Zeitungen verkünden die Ermordung des Terrorführers in Pakistan. Die Hoffnung auf ein Ende al-Qaidas blieb unerfüllt.

(Foto: Rehan Khan/dpa)

Alle diese Fragen lassen sich klar positiv beantworten. Denn der Islamwissenschaftler Behnam T. Said versteht es in seinem neuen Buch zur Geschichte al-Qaidas meisterhaft, bestehende Forschungsarbeiten neu zu verweben. Gerade im Abstand wird deutlich, dass al-Qaida in ihrem langen Bestehen schon mehrere Perioden der existenziellen Krise zu stemmen vermochte. Aufgrund dieser Resilienz ist auch weiterhin mit der Organisation zu rechnen.

Bevor alles so richtig begann, schien Osama bin Laden nämlich schon einmal ganz am Ende angelangt zu sein. Seit 1984 war der Sohn eines erfolgreichen saudischen Bauunternehmers in Pakistan aktiv gewesen, als Beschaffer von Geld sowie als "risikofreudiger Logistiker des Krieges mit Kontakten zu afghanischen Warlords und saudischen Geheimdienstlern und Diplomaten". Seinen auf einigen militärischen Achtungserfolgen gegründeten Ruf wollte bin Laden nach dem Rückzug der Sowjets aus Afghanistan 1989 weiter festigen. Doch die von ihm maßgeblich vorangetrieben Offensive auf die Stadt Dschalalabad, noch gehalten von Afghanistans kommunistischer Regierung, scheiterte kläglich. Bin Ladens Ansehen schwand, Anhänger verließen ihn. Zu diesem Zeitpunkt umfasste al-Qaida nur noch ein paar Dutzend Männer.

Ein Kreislauf von "Erfolg" und "Scheitern"

Bin Laden rappelte sich jedoch wieder auf und verlegte seine Aktivitäten in den Sudan. Dort fungierte er vordergründig als erfolgreicher Großgrundbesitzer und Firmengründer, zugleich befehligte er jedoch allmählich wieder florierende Ausbildungslager in Afghanistan. Da er mit seinen weltweiten Terrorfinanzierungsaktivitäten mehr und mehr ins Fadenkreuz der USA geriet, musste er 1996 den Sudan verlassen. Er wurde schließlich von den frisch in Afghanistan an die Macht gelangten Taliban aufgenommen, nicht ohne freilich einmal mehr fast alles zu verlieren. Bin Laden selbst bezifferte die Summe der Vermögenswerte, die er im Sudan zurücklassen musste, auf nahezu 165 Millionen Dollar.

Doch gerade in dieser schweren Zeit entwickelte sich al-Qaida vollends zu der schlagkräftigen und ideologisch gefestigten Organisation, als die sie später weltweit Schrecken verbreitete. Der Kreislauf von "Erfolg" und "Scheitern" setzte sich nach dem 11. September fort - al-Qaida büßte im anschließenden "Krieg gegen den Terror" nahezu die gesamte terroristische Infrastruktur ein, viele ihrer Mitglieder wurden getötet oder gefangen genommen. Erst die westliche Militärintervention im Irak 2003 gab der Organisation wieder Auftrieb. Auch die katastrophalen Folgen des Arabischen Frühlings samt des dadurch entstehenden Chaos im Nahen Osten war Wasser auf al-Qaidas Mühlen. Diese Chance konnte die Gruppe sich auch ohne bin Ladens Charisma nutzbar machen, hatte sich doch dessen Nachfolger Ayman al-Zawahiri als kompetente Führungspersönlichkeit erwiesen.