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Geheimbericht:Wie Bin Laden unbemerkt in Pakistan leben konnte

Osama bin Laden Pakistan Abbottabad

Osama bin Laden in einer undatierten Aufnahme in seinem Versteck in Abbottabad: Der Terrorist hatte in Pakistan offenbar freies Geleit

(Foto: REUTERS)

Es ist eine Ohrfeige für die eigenen Leute: "Totale Inkompetenz" der pakistanischen Sicherheitsbehörden habe dazu geführt, dass Al-Qaida-Chef Osama bin Laden beinahe ein Jahrzehnt lang in Pakistan unbehelligt blieb. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht, den die Regierung in Islamabad unter Verschluss halten wollte.

Von Michael König, Berlin

Mit dem Gesamtwerk zum Thema ließe sich mühelos eine kleine Bibliothek füllen, jetzt ist sie um ein Dokument reicher. Die Frage "Wie konnte Osama bin Laden knapp zehn Jahre unentdeckt in Pakistan leben?" beantwortet nach diversen echten und selbsternannten Experten und Buchautoren nun auch eine Kommission im Auftrag des pakistanischen Justizministeriums. Mit einer Ohrfeige für die eigenen Landsleute - und deutlichen Worten in Richtung der USA.

Der 336-seitige Bericht, veröffentlicht vom katarischen TV-Sender al-Dschasira, stellt ein "kollektives Versagen" der pakistanischen Sicherheitsbehörden fest. "Sträfliche Nachlässigkeit" habe dazu geführt, dass Al-Qaida-Chef Bin Laden unbehelligt in der pakistanischen Stadt Abbottabad leben konnte, ehe US-Spezialkräfte ihn am 2. Mai 2011 töteten. Eine Verschwörung amtlicher Stellen zum Schutz Bin Ladens sei nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. "Das Ausmaß der Inkompetenz war erstaunlich, wenn nicht unglaublich, um es vorsichtig auszudrücken", schreiben die Gutachter.

Pakistan sperrt Internetzugriff

Die Öffentlichkeit sollte davon offenkundig nichts erfahren. Obwohl der Bericht schon seit sechs Monaten fertig ist, sei er von der Regierung geheim gehalten worden, berichtet der Sender al-Dschasira, der das Dokument auf seiner Website zugänglich machte (hier als PDF). Es handelt sich um ein ungeschwärztes Dokument, dem lediglich wenige Seiten fehlen. Kurz nach der Veröffentlichung habe Pakistan den Zugriff auf die Internetpräsenz des Senders gesperrt, schrieb al-Dschasira.

Kein Wunder: Der Bericht liest sich wie eine Bankrotterklärung des pakistanischen Staates, und eine gründlich recherchierte noch dazu. Seine Ergebnisse stützen sich auf mehr als 200 Interviews, geführt von den vier Mitgliedern der "Abbottabad-Kommission", angeführt von einem Richter am Obersten Gerichtshof des Landes. Er wurde von einem General, einem Polizeioffizier und einem Diplomaten unterstützt. Sie werteten nicht nur lokale Medien aus, sondern hörten auch Regierungsangehörige und Militärs an. Zudem wurden auch die Witwen des getöteten Terroristen befragt.

Über Umwege nach Abbottabad

Den Zeugen zufolge kam Bin Laden Mitte 2002 nach Pakistan, nachdem er einem US-Angriff auf die afghanische Felsenfestung Tora Bora knapp entgangen war. Er sei über Umwege zunächst ins Swat-Tal gezogen, wo er sich mehrfach mit Khalid Scheich Mohammed getroffen habe, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf New York und Washington. 2003 habe Bin Laden ein Haus in Haripur im Norden des Landes gemietet, ehe er 2005 in die eigens für ihn gebaute Hochsicherheits-Villa in Abbottabad gezogen sei.

Zudem wird berichtet, dass Bin Laden bei einem Besuch auf dem Basar in eine Polizeikontrolle verwickelt gewesen sei, doch der Beamte habe ihn nicht erkannt. Der Terrorist habe seinen Bart abrasiert und einen "Cowboy-Hut" getragen, um in Pakistan nicht aufzufallen, heißt es. Auch das große, gesicherte Anwesen in Abbottabad sei niemandem aufgefallen. Eine der Frauen Bin Ladens habe nach Iran reisen dürfen, unbehelligt von Grenzbeamten.

"Gangstermethoden" der USA

Der pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) kommt in dem Gutachten besonders schlecht weg. Er arbeite weitgehend unkontrolliert von zivilen Stellen und habe bei der Jagd des Terroristen "total versagt", heißt es. 2005 sei die aktive Verfolgung seitens des ISI eingestellt worden - also just in dem Jahr, als Bin Laden sein Anwesen in Abbottabad bezog.

Harsche Kritik richtet sich aber auch gegen die USA, die sich an der Aufklärung nicht beteiligten. Mit "Gangstermethoden" seien die Amerikaner in Pakistan vorgegangen. Die Tötung Bin Ladens sei ein "kriegerischer Akt" gewesen. "Die amerikanische Arroganz kennt keine Grenzen", sagte Ahmad Shuja Pasha, bis 2012 Chef des Nachrichtendiensts ISI, den Gutachtern. Er räumte allerdings auch ein, Pakistan sei dabei, ein "failing state" zu werden, ein gescheiterter Staat.

Weder die pakistanische noch die amerikanische Regierung wollten den Bericht kommentieren. Ein anonymer US-Beamter sagte jedoch der New York Times, das Dokument biete dem pakistanischen Volk "eine Bilanzierung dessen, was zu Bin Ladens Ende geführt hat".

© Süddeutsche.de/mati/gba
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