Nahostkonflikt Eskalation entlang des Gazastreifens

  • Mehr als 180 Raketen sind aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert worden.
  • Als Reaktion darauf bombardierten israelische Streitkräfte rund 150 Ziele in dem Gebiet. Palästinensischen Behörden zufolge wurden bei dem Angriff drei Menschen getötet, darunter eine schwangere Frau.
  • Die "Vereinigung für den bewaffneten Widerstand" verkündete am Donnerstag eine Waffenruhe. Im Süden Israels ertöhnte am Nachmittag dennoch wieder Raketenalarm.
  • Zuletzt schienen die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern auf einem guten Weg zu sein. Die neue Welle der Gewalt ist überraschend.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Für die Bewohner auf der israelischen Seite entlang des Gazastreifens war es keine ruhige Nacht. Dutzende Male ertönte der Raketenalarm, zuletzt um sechs Uhr früh Ortszeit wurden die Bewohner mehrere Orte aufgefordert, Bunkeranlagen aufzusuchen. Bis zum Mittag wurden mehr als 180 Raketen in Richtung Israel abgefeuert. Der Großteil davon landete auf offenem Feld, 30 davon wurden vom Raketenabwehrsystem Iron Dome ("Eisenkuppel") abgefangen. Mehrere Geschosse trafen Häuser in Sderot und Hof Ashkelon, mindestens 17 Israelis wurden verletzt, eine Person schwer.

Als Reaktion griff die israelische Armee insgesamt 150 Ziele in der Küstenenklave an. Am Donnerstagfrüh flog die Luftwaffe die dritte Angriffswelle. Sie konzentrierte sich vor allem auf Abschussstationen und Tunnel. Laut palästinensischen Behörden wurden drei Menschen im Gazastreifen getötet. Darunter soll der 30-Jährige Ali Ghandour sein, Sohn eines Kommandanten der Kassam-Brigaden Abu Ghandour, der beim Beschuss einer mobilen Raketenabschussrampe umgekommen sein soll. Die beiden anderen getöteten Palästinenser sollen eine schwangere Frau und ihr 16 Monate altes Kind sein.

Armee auf Evakuierung vorbereitet

Die israelische Armee konzentrierte sich nach eigenen Angaben darauf, militärische Trainingszentren und Lager von Waffen zu treffen. Wie Armeesprecher Jonathan Conricus im Gespräch mit Journalisten erklärte, stehe die Armee bereit, die Bewohner aus den Orten rund um den Gazastreifen zu evakuieren. "Wir sind darauf vorbereitet. Dieser Prozess ist noch nicht eingeleitet und wir sind auch nicht begierig darauf, das zu tun." Es ist das erste Mal seit dem 30. März, dem Beginn der Auseinandersetzungen entlang des Gazastreifens, dass solche Überlegungen angestellt werden. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Toten auf rund 160. Die gegenwärtige Konfrontation sei "definitiv nicht vorbei", sagte der Armeesprecher. Die Bevölkerung in der Region wurde aufgefordert, sich in der Nähe von Schutzräumen aufzuhalten.

Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman trafen in der Nacht im Hauptquartier der Armee in Tel Aviv zu einer Lagebesprechung ein. Das Sicherheitskabinett wurde für Donnerstag Nachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen. Während Lieberman für eine Militäroperation ist, plädierte Netanjahu bisher für ein Abwarten.

Die Armee entschied, die Luftabwehr im Süden Israels massiv zu verstärken und bereitet sich auch auf ein Szenario vor, dass Orte weiter im Landesinneren unter Beschuss kommen könnten. Bereits am Vortag wurden Straßen entlang des Gazastreifens auf israelischer Seite geschlossen aus Angst vor einem Beschuss durch Scharfschützen.

"Vereinigung für den bewaffneten Widerstand" verkündet Waffenstillstand

Am Donnerstag Mittag erklärte die "Vereinigung für den bewaffneten Widerstand" einen Waffenstillstand. "Diese Eskalation ist aufgrund von internationaler und regionaler Vermittlung vorbei", hieß es in einer Stellungnahme. Ob die Gewalt beendet sei, liege nun an Israel. Zu der Gruppe gehören unter anderem die radikalislamische Hamas und der Islamische Dschihad, die zweitgrößte Gruppe im Gazastreifen. Nach dem zuvor verkündeten Waffenstillstand landete am späten Donnerstag Nachmittag eine Grad-Rakete auf offenem Feld in der Nähe der Stadt Beersheba, die 43 Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt. Es war das erste Mal seit dem Gazakrieg 2014, dass eine Rakete so weit entfernt von der Küstenenklave auf israelischem Gebiet einschlug.

Das israelische Militär beschoss am Donnerstag ein Hauptquartier der Sicherheitskräfte der Hamas im Gazastreifen. Nach israelischen Medienberichten wurden dabei mehrere Menschen verletzt. Die Luftwaffe habe vorher mehrere Warnraketen auf das Gebäude abgefeuert. Palästinensern zufolge befanden sich ein Kulturzentrum und Büros in dem fünfstöckigen Haus.

Eine von einem israelischen Flugzeug abgefeuerte Rakete schlägt in ein Gebäude ein. Die Lage zwischen militanten Palästinensern im Gazastreifen und Israel bleibt angespannt.

(Foto: dpa)

Für den Abend war in Beersheba, einer Stadt mit 200.000 Einwohnern, ein Fußballspiel der Europa League zwischen Hapoel Beersheba und Apoel Nicosia angesetzt. Andere Veranstaltungen entlang des Gazastreifens wurden abgesagt.

Als Erklärung für den überraschenden Raketenhagel wird die Tötung von zwei Kämpfern der Kassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas, vermutet. Die beiden waren am Dienstag durch israelische Angriffe getötet worden. Ägypten und die UNO hatten sich in den vergangenen Stunden aktiv um eine Waffenruhe bemüht.

Der UN-Nahostbeauftragter Nikolay Mladenov hatte in der Nacht auf Twitter geschrieben: "Ich bin sehr alarmiert durch die jüngste Eskalation, vor allem durch die Vielzahl an Raketen auf die im Süden Israels liegenden Orte. Seit Monaten habe ich davor gewarnt, dass durch die humanitäre, politische und sicherheitsmäßige Krise in Gaza ein verheerender Konflikt riskiert wird." Er warnte: "Wenn die gegenwärtige Eskalation nicht sofort beendet wird, dann kann sich die Lage rasch verschlimmern mit katastrophalen Konsequenzen für alle Menschen."

Ägypten und UN bemühen sich seit Wochen um eine dauerhafte Verhandlungslösung inklusive eines auf fünf Jahren angelegten Plans zum Wiederbau des Gazastreifens. Eigentlich schien es, als ob die Gespräche zwischen der im Gazastreifen regierenden Hamas, der von Präsident Mahmud Abbas geführten Autonomiebehörde und Israel auf gutem Weg seien. Es gab in den vergangenen Tagen Beratungen sowohl mit der Hamas-Führung als auch mit dem israelischen Sicherheitskabinett. Ein Hamas-Führer wurde am Mittwoch damit zitiert, dass für Ende August ein Abkommen geschlossen werden könnte. Diese jüngste Welle an Raketenbeschuss kam daher überraschend.

"Diese Drachen sind keine Spielzeuge, das sind Waffen"

Mit einfachsten Mitteln bringt die Hamas Feuerbomben über die Grenze nach Israel. Die hochgerüstete israelische Armee findet keine Antwort auf diesen Psychokrieg. Von Alexandra Föderl-Schmid mehr...