Gaza:Angst vor Hunger, Sorge um die Schulen

A Palestinian boy holds cooking pots during a protest against aid cuts, outside United Nations' offices in Gaza City

Leere Töpfe: ein palästinensischer Junge bei Protesten gegen die Politik von US-Präsident Trump in der vergangenen Woche in Gaza-Stadt.

(Foto: Mohammed Salem/Reuters)
  • Nachdem die USA Hilfsgelder in Millionenhöhe eingefroren haben, regiert im Gazastreifen die Angst.
  • Hunderttausende Menschen sind abhängig von den Lieferungen durch die UNRWA.
  • In den vergangenen Wochen kam es bereits zu Plünderungen.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Gaza

"Wenn wir das nicht mehr bekommen, dann müssen wir Hunger leiden." Abeer Sobeih hält ihre grünen Coupons genauso fest umklammert wie ihre abgewetzte Handtasche. Jeder der grünen Zettel bedeutet ein Lebensmittel, ein Mittel zum Überleben. Von dem, was die 35-jährige Palästinenserin an diesem Tag vom Verteilzentrum des UN-Hilfswerks UNRWA im Flüchtlingslager Dschabalia im nördlichen Gazastreifen nach Hause bringt, müssen sieben Familienmitglieder drei Monate leben oder zumindest möglichst lange davon zehren. Jedes Quartal gibt es eine abgemessene Ration: pro Person 15 Kilogramm Mehl, zwei Kilogramm Reis, einen Liter Öl, ein halbes Kilogramm Zucker, ein halbes Kilogramm Linsen, ein Kilogramm Kichererben und eine Packung Milch.

Sobeih steht etwas verloren in der gewaltigen Halle. Um sie herum türmen sich riesige Säcke. Fünf Frauen haben in einer Ecke auf einem Tisch eine Waage vor sich, messen die Mengen genau ab und füllen kleinere Portionen in durchsichtige Plastiktüten. In einer anderen Halle schaffen junge, kräftige Männer Mehlsäcke herbei, ihre Kleidung, Schuhe und Haare sind mit weißem Staub bedeckt. Noch sind die Lager gut gefüllt. Aber als bekannt wurde, dass die USA ihre Mittel streichen, kam es in mehreren Lagern zu Plünderungen. Dass die UNRWA Probleme hat, die Lieferungen für das zweite Quartal sicherzustellen, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Auch an diesem Tag drängen sich Hunderte Menschen vor den beiden kleinen vergitterten Fenstern, reichen ihre Registrierkarten herein und bekommen dann nach mehrstündigem Warten die Coupons ausgehändigt. Zwei Mitarbeiter versuchen, den Andrang zu bewältigen. "Gut fünfhundert Menschen kommen jeden Tag, insgesamt versorgen wir gut hunderttausend", berichtet Merinda Barakat, die Leiterin des Verteilzentrums. Wer an welchem Tag seine Drei-Monats-Ration abholen darf, ist genau festgelegt. Für Notfälle gibt es Matratzen, Plastikplanen, Gaskocher und Babysachen, die in einem Nebengebäude gelagert werden. Über die insgesamt zwölf Verteilzentren im Gazastreifen werden eine Million Menschen versorgt.

Auf einem Eselskarren bringt Sobeih ihre Lebensmittel nach Hause. Das ist gleich um die Ecke in einem der zerfallenen Häuser in Dschabalia, wo sich auf 1,4 Quadratkilometern etwa 120 000 Menschen drängen. Es ist das größte der acht Flüchtlingslager im Gazastreifen, das 1948 gegründet wurde und sich zu einer Art Slum vom benachbarten Gaza-Stadt entwickelt hat. Die meisten Bewohner kamen aus Orten im südlichen Palästina. In Dschabalia brach 1987 die erste Intifada aus.

Was wäre, wenn diese Nahrungsmittelhilfe der UNRWA ganz ausbliebe? Sobeih zögert kurz: "Das wäre schrecklich. Wir hängen total davon ab." Weder sie noch ihr Mann haben eine Arbeit - die Arbeitslosenquote liegt im Gazastreifen bei offiziell 41 Prozent. Bevor die Israelis den Gazastreifen nach der Machtübernahme durch die radikalislamistische Hamas abriegelten, konnten zumindest 21 000 Palästinenser jeden Tag zur Arbeit pendeln.

Die Schüler wollen über Facebook Aufmerksamkeit schaffen

Die ältesten zwei Kinder der 35-Jährigen gehen in die dritte und siebte Klasse in einer der 24 UNRWA-Schulen in Dschabalia. 275 unterhält die UNRWA, 271 000 junge Menschen - 70 Prozent aller Kinder im Gazastreifen - werden dort unterrichtet. Weil es an Gebäuden und Lehrern fehlt, wird in zwei Drittel der Schulen im Zwei-Schicht-System unterrichtet, in manchen sogar in drei Schichten. 1095 Schülerinnen besuchen die A-Mädchenschule. Während der für die UNRWA verantwortliche Direktor Matthias Schmale mit Direktoren von Schulen im nördlichen Gazastreifen über die aktuelle Lage diskutiert, tagt einige Zimmer weiter das Schülerparlament mit 121 Mitgliedern. "Wir wollen Kinder auf der ganzen Welt aufmerksam machen, dass wir weiter zur Schule gehen wollen und sie uns unterstützen sollen", sagt die 13-jährige Mah Al Nabi. Und wie soll das geschehen? "Über Facebook."

Im Computerraum sitzen zehn Mädchen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren mit ihrer Lehrerin. Wie fast alle Schülerinnen haben auch sie ein weißes Kopftuch auf. Sie setzen erste Meldungen ab. Seit Kurzem können die Geräte wieder benutzt werden, denn bis vor drei Wochen gab es nur zwei bis drei Stunden pro Tag Strom, weil die palästinensische Autonomiebehörde die im Gazastreifen regierende Hamas damit bestrafen wollte, dass die Stromrechnungen nicht bezahlt wurden.

Die Versorgung mit Generatoren war in den vergangenen Monaten auch eines der Hauptprobleme von Ghada Al Jadba. Die Ärztin, die nicht mit einem weißen Kittel, sondern einem schwarzen Mantel bekleidet ist, leitet die 22 Gesundheitszentren im Gazastreifen. Dort kümmert sich jeder Arzt um 82 Patienten - pro Tag. So können in diesem Zentrum in Dschabalia, einem der größten im Gazastreifen, 2000 bis 2500 Patienten täglich behandelt werden, berichtet der Leiter Qater Hubil.

Der Ärztin schwant Böses: "Ein Kollaps droht. Wir werden um Jahre zurückgeworfen."

In den Gängen sind fast nur Frauen zu sehen, circa die Hälfte mit dem Niqab verschleiert. In einem der karg eingerichteten Behandlungszimmer liegt ein Baby auf dem einzigen Gerät, das wie eine Küchenwaage aussieht. Es ist Jaud, vier Monate alt. Der Junge ist erkennbar dünn, die Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass weisen ihn aber als gesund aus.

Dass Mütter mit ihren Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen gehen,darauf ist die Ärztin Al Jadba stolz. Was ist, wenn es zu finanziellen Kürzungen kommt? "Wir sind gewohnt, mit Herausforderungen umzugehen. Aber diesmal ist es anders, schlimmer. Eine Katastrophe, ein Kollaps droht. Und wir werden wieder um Jahre zurückgeworfen."

© SZ vom 29.01.2018/bix
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