Gauck-Kür:Merkel ist die Verliererin

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Hat Angela Merkel der FDP mit der Wahl des Bundespräsidenten einen Erfolg geschenkt, um den Liberalen das Überleben zu ermöglichen? Nein, die Kanzlerin hatte ihren Laden am Wochenende ganz einfach nicht mehr im Griff - und die Liberalen haben das für alle sichtbar gemacht. Die Kür von Joachim Gauck hat die Kanzlerin beschädigt.

Nico Fried

Angela Merkel hat nachgegeben. Die Kanzlerin gewährt ihrem Volk den Bundespräsidenten, den es mehrheitlich haben will. Letztlich kann es Merkel egal sein, wer die Gesetze ihrer Regierung unterschreibt, ganze Vormittage lang ausländische Botschafter akkreditiert oder am Ende vielleicht wirklich mal nach Ouagadougou reist, nachdem es Horst Köhler und Christian Wulff nie geschafft haben. Das Amt des Bundespräsidenten erklärt sich vielen Bürgern längst nicht mehr aus sich heraus. Selbst die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat jüngst festgestellt, man müsse schon "dumm" sein, um Staatsoberhaupt werden zu wollen, wo doch der Regierungschef in Deutschland viel mächtiger sei.

Man könnte nun sogar - besonders raffiniert - Merkels Niederlage nachträglich zur Strategie verbrämen, weil die Kanzlerin sich von SPD, Grünen und FDP einen Präsidenten ins Amt hieven lässt, den sie alleine nie durchgesetzt hätte: ostdeutsch, protestantisch, Merkel II, aber nicht CDU pur. Es wäre eine schöne Legende für die Kanzlerin, die ja angeblich immer vom Ende her denkt. Aber eben nur eine Legende.

Und jetzt mal im Ernst: Merkel kann mit einem Bundespräsidenten Gauck gut leben, das ja. Aber sie hatte ihre Gründe, warum sie ihn nicht wollte: 2010 nicht und auch jetzt nicht wirklich. Das waren bei weitem nicht nur gute Gründe, einige davon aber nachvollziehbar. Merkels wirkliches Problem ist gleichwohl nicht der Präsident, sondern vor allem das Präludium zu seiner Berufung.

Die Umstände, unter denen Gauck gekürt wurde, sind für die Kanzlerin nicht werbewirksam. Die große Gemeinsamkeit der Demokraten minus die Linke kam erst zustande, nachdem es in der Koalition gekracht hatte. Union und FDP waren in drei Sitzungen und über viele Stunden hinweg in einer Personalfrage nicht klargekommen. Wo, bitte, kommt da der Anspruch her, das Land noch zu regieren?

Merkel und Gauck - das ist sehr wohl die Geschichte einer persönlichen Wertschätzung. Bei Gaucks 70. Geburtstag 2010 hielt Merkel die Rede, viel wichtiger aber: Sie blieb mehrere Stunden mit ihrem Mann auf dem Geburtstagsfest. Sie fühlt sich wohl in Gaucks Gesellschaft. Wenige Wochen später trat Köhler zurück. Merkel machte Wulff zu seinem Nachfolger. Sie dachte in engen, in viel zu engen politischen Kategorien. Aber sie nahm Gauck auch übel, dass er genau das überhaupt nicht tat, dass er nicht politisch dachte, dass er sich von SPD und Grünen gegen sie und ihre Koalition instrumentalisieren ließ.

Merkel und Gauck - das ist auch der Beweis dafür, dass man ostdeutsch und protestantisch sein kann und trotzdem völlig unterschiedlich. Die Politikerin Merkel ist eine Fummlerin, analytisch, detailversessen, akribisch. Gauck ist eher der Staatsphilosoph, jedenfalls hat er sich zuletzt am liebsten so gegeben. So etwas kann sich gut ergänzen. Aber es kann sich auch beschädigen, wenn das Überpolitische ins Unpolitische abgleitet, wenn der große Bogen die kleinteilige Mühsal konterkariert, ja degradiert. Gauck war ein Behördenchef, aber nie Politiker. Er hat die politische Ebene gemieden und auch die Parteien - freut sich aber jetzt, dass ihn dieselben Parteien zum Staatsoberhaupt machen.

Merkel und Gauck - das erinnert auch an Merkel und Obama. Je größer der Rummel, desto skeptischer die Kanzlerin. Jemanden zu glorifizieren, ist ihr so fremd, wie jemanden zu verteufeln. Deshalb begegnete sie Barack Obama lange mit Skepsis, der in Deutschland schon verehrt wurde, ehe er überhaupt gewählt worden war. Deshalb kam sie umgekehrt aber auch mit einem Präsidenten George W. Bush zurecht, obwohl der in Deutschland geradezu verhasst war. Und so war ihr stets auch der überschwängliche Enthusiasmus für Gauck gerade aus einem westdeutschen Bürgertum suspekt, das sonst wenig Interesse an der DDR zeigte. Merkel misstraut Vorurteilen, auch wenn sie den Beurteilten zieren.

Merkel und Rösler - das ist das eigentliche Problem. In all den nun auch schon zweieinhalb Jahren der schwarz-gelben Koalition gab es nur einen Moment, in dem sich die FDP demonstrativ gegen die Kanzlerin stellte: Das war, als der Wirtschaftsminister Rainer Brüderle Opel Staatsgeld verweigerte. Damals aber stand die FDP noch nicht auf der untersten Kellerstufe der Umfragewerte. Und Brüderle ist ein Profi, der weiß, wie er vom Eis kommt, wenn er eine Kuh draufgeschoben hat. Rösler hingegen ist ein unerfahrener Vorsitzender im Überlebenskampf. Er handelt unter dem heimlichen Parteichef Wolfgang Kubicki, von dessen Wahlergebnis im Mai in Schleswig-Holstein auch Röslers Zukunft abhängt.

Auch hier ließe sich wieder eine Legende stricken: Merkel schenkt der FDP einen Erfolg, um ihr Überleben zu ermöglichen - eine politische Mund-zu-Mund-Beatmung. In Wahrheit ist Merkel eindeutig die Verliererin. Nicht, weil Gauck Präsident wird. Sondern weil sie nicht mehr geschickt, nicht mehr kreativ, nicht mehr vorausschauend genug war, um dem Konflikt auszuweichen. Am Wochenende hatte Merkel für alle sichtbar ihren Laden nicht mehr im Griff. Das ist der Schaden, den sie genommen hat. Das ist der Preis, den sie für diesen Präsidenten zahlen muss.

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