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Gastbeitrag:Trump polarisiert die amerikanische Gesellschaft

Unilateralismus, Protektionismus und Skepsis gegenüber "auswärtigen Verwicklungen" (George Washington) sind Traditionen, die so alt sind wie die Republik selbst. In der Doppelhelix der amerikanischen Außenpolitik stellen sie seit jeher die Gegenspirale zu multilateralem Engagement, Freihandel und Interventionismus dar. Und Trumps unmittelbare Vorgänger im Präsidentenamt, George W. Bush und vor allem Barack Obama, hatten bereits versucht, Amerikas Präsenz in Europa herunterzufahren. Aber dieser Präsident und seine Wähler sind mehr als bloße Episode, oder die jüngste Drehung der Spirale, der alsbald die Gegen-Drehung folgt.

Der Trumpismus ist vielmehr ein massiver Bruch, wenn auch einer, der sich schon lange angekündigt hatte. In ihm artikuliert sich eine Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, die kein Amtsenthebungsverfahren und keine Wahl mit einem Streich beheben könnte. Dramatisch belegt wird das von einer Studie des Pew Research Center, der zufolge der Abstand zwischen den Lagern von Republikanern und Demokraten bei politischen Schlüsselfragen (etwa Einstellungen zum Staat, zu Hautfarbe oder Einwanderung) sich in einem knappen Vierteljahrhundert auf durchschnittlich 36 Prozentpunkte verdoppelt hat. Insgesamt sind die Wähler der Republikaner deutlich nach rechts und die der Demokraten nach links gerückt.

Die Kluft zwischen reich und arm, gebildet und ungebildet, weiß und nichtweiß wird tiefer

Constanze Stelzenmüller

Constanze Stelzenmüller ist Robert Bosch Senior Fellow bei der Brookings Institution in Washington, DC.

(Foto: IPG)

Die Wählerschaft Donald Trumps ist überdies - trotz eines Überhangs von weißen männlichen Nichtakademikern in ländlichen Gebieten oder Kleinstädten - differenzierter als vielfach vermutet. Frauen, Hispanics, und Schwarze (alles Gruppen, die Hillary Clinton felsenfest auf ihrer Seite verbucht hatte) haben ebenfalls in nennenswerten Mengen für Trump gestimmt. Eine Untersuchung des Washingtoner Democracy Fund im Juni 2017 hat sehr unterschiedliche Prägungen und Motive bei seinen Anhängern festgestellt, von klassischen Konservativen über Ultra-Handelsliberale bis hin zu Identitären. Absolut einig waren sie sich indes in vier Punkten: der Abneigung gegen Clinton, muslimische Immigranten und illegale Einwanderer - und in einer sehr negativen Sicht auf die eigene finanzielle Zukunft.

Was Donald Trump verstanden hat, ist dies: Große Teile von Amerika haben sich trotz des relativ schnellen wirtschaftlichen Aufschwungs nie von der Wirtschaftskrise von 2008 erholt. Der technische Wandel weg von den verarbeitenden Industrien und hin zur Wissensökonomie verschärfte die Lage nur, die Kluft zwischen Reichen und Armen, Gebildeten und Ungebildeten, Weißen und Nichtweißen riss noch weiter auf. Die Selbstmordrate stieg, die Opiatabhängigkeit weitete sich zur nationalen Krise aus. Kein Wunder, dass Hillarys beiläufige Verunglimpfung der Trump-Anhänger den Elitenhass zum Überkochen brachte.

Die Mischung aus Ohnmacht, Angst und Zorn, von der Trump profitiert, wird durch strukturelle Eigenarten der amerikanischen Politik verstärkt. Auf Bundesebene führt die Polarisierung immer öfter zum Politikinfarkt. In den Staaten und Gemeinden werden hochsensible Entscheidungen wie etwa der Zuschnitt von Wahlkreisen (gerrymandering) oft per Volksabstimmung getroffen, was Spezialinteressen unverhältnismäßigen Einfluss verschafft. So werden öffentliche Güter wie die demokratische Teilhabe balkanisiert - und der Staat als Wächter über die Grundrechte und den Gesellschaftsvertrag desavouiert.

Die amerikanische Demokratie hat sich über mehr als 200 Jahre als äußerst resistent erwiesen. Aber das Nullsummenspiel, das Trump zum ordnenden Prinzip der Welt erklären will, wird für immer mehr Amerikaner zum Leitmotiv ihres eigenen Lebens. Das ist der wahre Nährboden des Trumpismus. Es ist auch eine Lehre für Europa.

Donald Trump Ein Jahr Präsident - die Bilanz in Daten

Donald Trump

Ein Jahr Präsident - die Bilanz in Daten

Mehr als 2000 Lügen, eine boomende US-Wirtschaft, Dutzende Besuche auf Golfplätzen und viele Tweets am Vormittag. Ein Rückblick auf Trumps erstes Jahr im Weißen Haus.   Von Matthias Kolb und Moritz Zajonz (Grafiken)