Süddeutsche Zeitung

Gastbeitrag:Es sind nicht nur weiße Männer, die hinter Trump stehen

Wer sind die Wähler, die die Weltsicht des US-Präsidenten teilen, und was treibt sie? Fest steht, die Wählerschaft ist differenzierter als bisher angekommen.

Wie soll sich Europa auf das verlässlich unberechenbare Phänomen Trump einstellen? Ein Jahr nach dem Antritt des 45. Präsidenten der USA halten sich auf beiden Seiten des Atlantiks Erschöpfung, Faszination und Grausen die Waage. Aber eine gewisse Erleichterung ist auch nicht zu verkennen: Alles nur halb so schlimm, lautet eine nicht nur in Washington, sondern auch in vielen europäischen Hauptstädten verbreitete Meinung.

Als Beweis werden vor allem Dinge angeführt, die im vergangenen Jahr nicht passiert sind: Es gibt die Nato noch, das Iran-Abkommen ist nicht gekündigt, und es gibt bisher keinen Handelskrieg mit der EU, oder einen Schießkrieg mit Nordkorea. Und, bitteschön: Der Präsident hat doch die Truppen an der Nato-Ostgrenze aufgestockt und (spät und erkennbar widerwillig) die gegenseitige Verteidigungsklausel im Artikel 5 des Nato-Vertrags anerkannt.

Im Weißen Haus, im State Department und im Pentagon geben sich viele Spitzenbeamte und ihre Mitarbeiter tagein, tagaus redliche Mühe, die Alliierten zu beruhigen. In den Gerichten, den Medien und der Öffentlichkeit wird täglich Kritik geübt und Widerstand geprobt. Gouverneure und Bürgermeister landesweit experimentieren jetzt erst recht mit Klimaschutz und erneuerbaren Energien - auch mit Rat von Europäern. Und der Präsident gründelt nach wie vor in einem historischen Zustimmungstief von 41 Prozent.

Das ist alles richtig, und irgendwie auch angenehm sedierend. Das Problem ist bloß, dass dies eine höchst selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit ist. Denn wahr ist gleichzeitig: Dieser Präsident ist der erste, der die jahrzehntelang von den USA garantierte liberale Weltordnung grundsätzlich infrage stellt, als "schlechten Deal", bei dem Amerika selbst von seinen Freunden übers Ohr gehauen wird.

Folgerichtig sprechen die neuen Strategiedokumente seiner Regierung von einer Welt, die statt auf Kooperation zum Nutzen aller auf dem Wettbewerb der Mächte gründet - bei dem es notwendig nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt. Trump spekuliert öffentlich über den Einsatz von Atomwaffen und die Machbarkeit von Kriegen. Von der Nato hält er nicht viel, von der EU noch weniger, auch Deutschland bleibt ihm wohl suspekt. Der glühende Kern seiner "America first"-Doktrin aber ist der Zorn gegen die Globalisierung. Als wäre die weltweite Verflechtung und Mobilität von Menschen, Gütern, Daten und Ideen statt einer wirtschaftlichen Tatsache mit Licht- und Schattenseiten nichts weiter als eine perverse Ideologie, die es zu bekämpfen gelte.

Aber wo kommen eigentlich die immerhin 41 Prozent her, die diese Weltsicht teilen, oder zumindest tolerieren? Und muss man nicht die Möglichkeit in Betracht ziehen, es könnten noch viel mehr sein, wenn der Präsident etwas, nun ja, konventioneller aufträte?

Trump polarisiert die amerikanische Gesellschaft

Unilateralismus, Protektionismus und Skepsis gegenüber "auswärtigen Verwicklungen" (George Washington) sind Traditionen, die so alt sind wie die Republik selbst. In der Doppelhelix der amerikanischen Außenpolitik stellen sie seit jeher die Gegenspirale zu multilateralem Engagement, Freihandel und Interventionismus dar. Und Trumps unmittelbare Vorgänger im Präsidentenamt, George W. Bush und vor allem Barack Obama, hatten bereits versucht, Amerikas Präsenz in Europa herunterzufahren. Aber dieser Präsident und seine Wähler sind mehr als bloße Episode, oder die jüngste Drehung der Spirale, der alsbald die Gegen-Drehung folgt.

Der Trumpismus ist vielmehr ein massiver Bruch, wenn auch einer, der sich schon lange angekündigt hatte. In ihm artikuliert sich eine Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, die kein Amtsenthebungsverfahren und keine Wahl mit einem Streich beheben könnte. Dramatisch belegt wird das von einer Studie des Pew Research Center, der zufolge der Abstand zwischen den Lagern von Republikanern und Demokraten bei politischen Schlüsselfragen (etwa Einstellungen zum Staat, zu Hautfarbe oder Einwanderung) sich in einem knappen Vierteljahrhundert auf durchschnittlich 36 Prozentpunkte verdoppelt hat. Insgesamt sind die Wähler der Republikaner deutlich nach rechts und die der Demokraten nach links gerückt.

Die Kluft zwischen reich und arm, gebildet und ungebildet, weiß und nichtweiß wird tiefer

Die Wählerschaft Donald Trumps ist überdies - trotz eines Überhangs von weißen männlichen Nichtakademikern in ländlichen Gebieten oder Kleinstädten - differenzierter als vielfach vermutet. Frauen, Hispanics, und Schwarze (alles Gruppen, die Hillary Clinton felsenfest auf ihrer Seite verbucht hatte) haben ebenfalls in nennenswerten Mengen für Trump gestimmt. Eine Untersuchung des Washingtoner Democracy Fund im Juni 2017 hat sehr unterschiedliche Prägungen und Motive bei seinen Anhängern festgestellt, von klassischen Konservativen über Ultra-Handelsliberale bis hin zu Identitären. Absolut einig waren sie sich indes in vier Punkten: der Abneigung gegen Clinton, muslimische Immigranten und illegale Einwanderer - und in einer sehr negativen Sicht auf die eigene finanzielle Zukunft.

Was Donald Trump verstanden hat, ist dies: Große Teile von Amerika haben sich trotz des relativ schnellen wirtschaftlichen Aufschwungs nie von der Wirtschaftskrise von 2008 erholt. Der technische Wandel weg von den verarbeitenden Industrien und hin zur Wissensökonomie verschärfte die Lage nur, die Kluft zwischen Reichen und Armen, Gebildeten und Ungebildeten, Weißen und Nichtweißen riss noch weiter auf. Die Selbstmordrate stieg, die Opiatabhängigkeit weitete sich zur nationalen Krise aus. Kein Wunder, dass Hillarys beiläufige Verunglimpfung der Trump-Anhänger den Elitenhass zum Überkochen brachte.

Die Mischung aus Ohnmacht, Angst und Zorn, von der Trump profitiert, wird durch strukturelle Eigenarten der amerikanischen Politik verstärkt. Auf Bundesebene führt die Polarisierung immer öfter zum Politikinfarkt. In den Staaten und Gemeinden werden hochsensible Entscheidungen wie etwa der Zuschnitt von Wahlkreisen (gerrymandering) oft per Volksabstimmung getroffen, was Spezialinteressen unverhältnismäßigen Einfluss verschafft. So werden öffentliche Güter wie die demokratische Teilhabe balkanisiert - und der Staat als Wächter über die Grundrechte und den Gesellschaftsvertrag desavouiert.

Die amerikanische Demokratie hat sich über mehr als 200 Jahre als äußerst resistent erwiesen. Aber das Nullsummenspiel, das Trump zum ordnenden Prinzip der Welt erklären will, wird für immer mehr Amerikaner zum Leitmotiv ihres eigenen Lebens. Das ist der wahre Nährboden des Trumpismus. Es ist auch eine Lehre für Europa.

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Quelle:
SZ vom 16.02.2018
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