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Gabriel als SPD-Chef wiedergewählt:Wind unter den Flügeln der Sozialdemokratie

Er ist hier der Boss: Sigmar Gabriel gibt auf dem Parteitag der SPD den Jumbojet der Sozialdemokratie. Der Parteivorsitzende macht Druck, er dröhnt, er reißt die Delegierten zu langem Beifall hin. Gabriel versöhnt die Partei mit der Agenda 2010 und schickt sie gleichzeitig nach links. Sie dankt es ihm mit hoher Zustimmung. Seine Generalsekretärin Andrea Nahles kommt wesentlich schlechter weg.

Seine Stimme überschlägt sich fast, als er das Wort "Stolz", herausbrüllt aus seinem massigen Körper. Wie Donnerhall durchzieht es die Halle. Es dröhnt in den Ohren der Delegierten. Noch Sekunden später klingt es nach, als hätte ein Jet gerade die Schallmauer durchbrochen. Ein Jumbojet, vielleicht.

Leader of the Social Democratic Party (SPD) Sigmar Gabriel gestures after his speech at a SPD party convention in Berlin

Sigmar Gabriel auf dem SPD-Parteitag in Berlin: Der Vorsitzende wurde mit 91,6 Prozent Zustimmung im Amt bestätigt.

(Foto: REUTERS)

Stolz. Es ist das vielleicht wichtigste Wort in der Rede von Sigmar Gabriel. Das Wort, in dem sich alles verbindet, was Gabriel der Partei wiedergeben wollte, als er 2009 den Parteivorsitz übernahm.

Damals war niemand stolz auf diese Partei. Unsexy, langweilig, alt. Das waren die Größenordnungen, in denen die Partei vermessen wurde. Von den Medien, vom politischen Gegner - vor allem aber von den eigenen Leuten. Nach 23 Prozent der Stimmen bei der Bundestagwahl waren die Genossen deprimiert, manche haben resigniert.

Das erste Ziel erreicht

Gabriel nicht. Er hatte Ideen für die Partei. Ideen, die er schon viel früher formuliert hatte. In Büchern und Aufsätzen und manchen Reden. Neue Strukturen für die Partei hatte er im Sinn. Mit denen wollte er mehr Wind unter die Flügel der Sozialdemokratie bringen.

Auf diesem Parteitag hat er dieses erste Ziel erreicht. Die Parteireform ist durch. Die Partei wird künftig auf Präsidium und Parteirat verzichten. Weg von der Funktionärs-, hin zur Mitgliederpartei. Darum wird es mehr Parteitage geben. Die Mitglieder sollen bestimmen, wo es hingeht. Sie sollen nicht wieder überfahren werden mit so etwas wie der Agenda 2010.

Gabriel distanziert sich nicht von der Agenda, die vor nicht allzu langer Zeit beinahe die Partei zerrissen hätte. Er dankt ausdrücklich Gerhard Schröder, Olaf Scholz und Peer Steinbrück für ihre Reformpolitik. Wolfgang Clement unterschlägt er dabei, der ist unterwegs irgendwie verlorengegangen.

Schulterschluss mit den Gewerkschaften

Er sagt aber auch, die Partei habe Fehler gemacht, etwa mit der Leiharbeit. "Nie wieder darf eine sozialdemokratische Partei den Wert der Arbeit in Frage stellen", ruft er in den Saal. Und: "Nie wieder dürfen wir uns in dieser Frage so weit von den deutschen Gewerkschaften entfernen!" Auf Gabriels Stirn machen sich Zornesfalten breit. Das wirkt ehrlich - und spätestens da hat er die Partei vollständig hinter sich.

Das Haudrauf auf Merkel, Seehofer und die FDP, diese, wie er sagt, "Turbolader für Politikverdrossenheit", hätte er sich da eigentlich sparen können - wenn es an diesem Montag nicht auch um seine Wiederwahl gegangen wäre.

Er weiß, was wirkt - und zitiert Merkel, die etwas von "marktkonformer Demokratie" geredet haben soll.

"Nicht ist entlarvender als dieser Satz", beginnt Gabriel. Dann schaltet er seinen eigenen Turbolader ein, hebt die Stimme, legt ein paar Dutzend Dezibel drauf und bellt Silbe für Silbe: "Wir - wollen - keine - markt - konforme - Demo - kratie! Wir wollen eine Demokr..." Der Rest geht im Jubel unter.

"Wer Visionen hat, soll zu uns kommen!"

Es ist eine Rede der Standortbestimmung. Die SPD sei die Partei des wahren Liberalismus, der in der SPD eine "neue Heimat" habe. Die Zeit der Mitte ist vorbei. Wo die SPD heute steht? "Mitte-links, liebe Genossinnen und Genossen! Mitte-links!"

Social Democrats Hold Annual Federal Party Congress

Parteichef Gabriel, Generalsekretärin Andrea Nahles: Dicke Freunde werden sie wohl nicht mehr.

(Foto: Getty Images)

Wer behauptet, die SPD vollziehe hier einen Linksruck, dem kann nur eines gesagt werden: Er hat völlig recht.

Gabriel schafft dafür auch Abstand zu Gerhard Schröder und dem sozialdemokratischen Übervater Helmut Schmidt. Schröder hatte in einer Sonntagszeitung Steuererhöhungen als falsch abgekanzelt. Gabriel: "Sonntagsreden - und übrigens auch Sonntagsinterviews - helfen uns nicht." Dafür gibt es Extra-Applaus.

Einen Hauch schlechter

Von Schmidt wiederum stammt das Zitat, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Gabriel hält dagegen, dass er damit nicht einverstanden sei. "Wer Visionen hat, soll zu uns kommen!" Wieder viel Beifall. Manchen Genossen dürfte da nach der gestrigen Schmidt-Show doch noch eingefallen sein, dass Schmidt in früheren Jahren mal zu den Sterblichen gehört hat.

Gabriel ist nicht erst mit dieser Rede die Nummer eins in der Partei. Unangefochten. Daran ändert auch nichts, dass sein Wahlergebnis einen Hauch unter dem von 2009 liegt. Nach seiner Rede wird er wiedergewählt; mit 447 Jastimmen oder 91,6 Prozent. In Dresden waren es noch 94,2 Prozent.

Verwunderlich ist daran eigentlich nur, dass er wieder mehr als 90 Prozent bekommen hat. Gabriel ist "anstrengend für die Partei". Das hat er den Delegierten auch genau so versprochen, bevor er in Dresden zum ersten Mal gewählt wurde. Ein Versprechen, das er in jeder Hinsicht gehalten hat.

Wobei, anstrengend war er vor allem für Andreas Nahles, seine Generalsekretärin.

Nahles kämpft ums Überleben

Nach seiner Rede, mitten im minutenlangen Beifall, zitiert Gabriel seine Generalin mit dem Zeigefinger zu sich. Das machen sonst nur Eltern mit ihren unartigen Kindern. Und vielleicht ist diese Wirkung nicht ganz unbeabsichtigt. Dicke Freunde werden der SPD-Chef und seine Generalsekretärin in diesem Leben nicht mehr.

Vor zwei Jahren in Dresden, nach dieser verheerenden Wahlniederlage, als nach einem ziemlichen Hickhack sich Gabriel und Nahles einig waren, die Partei zu übernehmen, da schien es noch, als würde Nahles die Rolle der Ko-Vorsitzenden übernehmen wollen. Manche unkten gar, ihr sei egal, wer unter ihr Parteichef sei. Schon damals hat ihr Wahlergebnis sie eines Besseren belehrt.

Später hält Nahles eine Rede, der anzumerken ist: Hier geht es um ihr politisches Überleben, ihren Einfluss auf die Partei. Jeder Satz so laut, so schrill wie ein Weckerklingeln. Es hilft nichts. Am Ende stehen 73,2 Prozent hinter Nahles. Das ist mehr als 2009, aber immer noch nur ein "ehrliches Ergebnis", wie es nach solchen Wahlausgängen so schön heißt. Und der endgültige Beweis, wer in der SPD der Chef ist.

© sueddeutsche.de/mcs/lala
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