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Friedensnobelpreis 2020:Sie kümmern sich, auch wenn die Welt sich abwendet

WFP, World Food Programme, Jemen

Ein Helfer des World Food Programmes in Abyan, Jemen.

(Foto: Mohammed Sami/WFP)

Die Vergabe des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist eine Erinnerung an die Krisen der Welt. Und soll ein Zeichen gegen die Nationalisten sein.  

Von Thomas Hummel

Dass der Friedensnobelpreis einmal an eine Fluggesellschaft gehen könnte, damit konnte in dessen 119-jähriger Geschichte niemand rechnen. Doch 2020 erweist sich weiterhin als kurioses Jahr.

Als Tomson Phiri, Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, um kurz nach 11 Uhr an diesem Freitag erfuhr, dass seine Organisation gerade diesen renommierten Preis erhalten hatte, sprach er zuerst von Stolz und Pflichterfüllung. Um dann zu verdeutlichen, was letzteres in diesem Pandemie-Jahr bedeutete: "Wir waren zu einem bestimmten Zeitpunkt die größte Fluggesellschaft der Welt". Das WFP habe Flugzeuge gechartert, nachdem kommerzielle Flüge, die sonst viel Material für die Organisation beförderten, nicht mehr geflogen waren.

Diese Episode aus den Anfangswochen der Corona-Pandemie veranschaulicht den Anspruch des WFP, die Menschen auch dort noch zu erreichen, wohin es eigentlich keine Wege mehr gibt. Dorthin, wo es weh tut. Wenn sich die Welt abwendet - das Welternährungsprogramm schaut noch hin. Laut eigenen Angaben ist die Unterorganisation der Vereinten Nationen "die führende humanitäre Organisation im Kampf gegen den weltweiten Hunger und erreichte 2019 97 Millionen Menschen in 88 Ländern."

Preisvergabe durch Corona noch drängender

Berit Reiss-Andersen, die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, erklärte, das WFP hätte den Friedensnobelpreis in jedem Jahr verdient gehabt. Durch die Herausforderungen der Corona-Pandemie seien die Gründe für die Vergabe aber noch drängender geworden. Denn durch die Pandemie seien Millionen Menschen zusätzlich von Hunger und Armut bedroht. Einige Ureinwohner etwa hätten sich selbst isoliert, um sich vor dem Virus zu schützen, und seien nun auf Nahrungsmittel-Lieferungen von außen angewiesen, sagte Reiss-Andersen. Und bis ein Impfstoff gegen Corona gefunden sei, sei "Ernährung die beste Impfung gegen Chaos".

Reiss-Andersen verknüpfte die Entscheidung für diese weltweite Organisation mit dem Appell an die Staatengemeinschaft, dass eine multilaterale Zusammenarbeit auf höchster Ebene absolut notwendig sei, um die Probleme der Welt lösen zu können. "Der Multilateralismus hat aber gerade einen schweren Stand", sagte Reiss-Andersen, es gebe Tendenzen, nur noch auf sich und seine Nation zu achten.

Das war ein unmissverständlicher Seitenhieb des Nobelkomitees etwa auf US-Präsident Donald Trump, der in seiner bisherigen Amtszeit einige internationale Abkommen aufkündigte und eine "America first"-Politik betreibt. So erleben die Vereinten Nationen aktuell eine ihrer größten Krisen, weil vor allem die Veto-Mächte USA, China und Russland aber auch andere kaum mehr zur Zusammenarbeit bereit sind.

Reiss-Andersen wies darauf hin, dass Organisationen wie das Welternährungsprogramm fast ausschließlich auf Zuwendungen der UN-Mitgliedsstaaten und private Spenden angewiesen seien. Der Friedensnobelpreis ist aktuell mit etwa 950 000 Euro dotiert, für den WFP ist der Betrag allerdings nur eine kleine Hilfe. Im vergangenen Jahr akquirierte die Organisation mit acht Milliarden US-Dollar die bislang höchste Summe in ihrer Geschichte. "Auf der ganzen Welt sind jeden Tag über 17 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für WFP im Einsatz. Mehr als 90 Prozent von ihnen arbeiten in den Ländern, in denen WFP Hilfe leistet", steht auf der Internetseite der Organisation.

Das Geld geht aus

Dennoch richtete das WFP im Juni dieses Jahres einen Hilferuf an die Welt, weil ihm das Geld auszugehen drohe. Denn im Zuge der Pandemie transportierte es auch medizinisches Fachpersonal, Atemschutzmasken und Handschuhe in 132 Länder. Die Aufmerksamkeit durch den Friedensnobelpreis dürfte dem Aufruf neuen Nachdruck verleihen.

Dabei hält das WFP der Welt ja ständig den Spiegel vor, wenn irgendwo Krisen ausbrechen. In dieser Corona-Pandemie mehr denn je. Im August warnte es vor einer humanitären Katastrophe in Simbabwe. Die Zahl der Hungernden könnte dort bis Jahresende auf 8,6 Millionen steigen, das wären rund 60 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das WFP bat um 250 Millionen US-Dollar Soforthilfe. Währenddessen musste im Südsudan das Schulspeisungsprogramm zeitweise beendet werden, weil wegen der Pandemie die Schulen geschlossen waren. Millionen von Schülerinnen und Schülern mussten so auf die einzige, nahrhafte Mahlzeit am Tag verzichten.

Auch im Jemen, in der Demokratische Republik Kongo, in Burkina Faso oder in Syrien und Nordkorea ist das WFP im Einsatz. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller fordert die Bundesregierung und die Europäische Union immer wieder auf, dem Welternährungsprogramm weiterhin finanziell zu helfen, weil sonst Kriege und Unruhen drohten und Europa dann mit großen Flüchtlingszahlen umgehen müsse. Zuletzt erklärte Müller, dass das WFP im Jemen die täglichen Hilfsrationen für 13 Millionen Kriegsflüchtlinge kürzen musste.

Allerdings gibt es auch Kritik an der Arbeit des WFP, denn die Nothilfe kann dazu führen, dass sich Menschen auf diese verlassen - und so die Ursachen der Probleme nicht angegangen werden. Dann kann es zum Beispiel schwierig werden, funktionierende Märkte aufzubauen.

Laut Reiss-Andersen hofft das Nobelkomitee mit seiner Preisvergabe, dass der Hunger in der Welt grundsätzlich wieder mehr Aufmerksamkeit erhalte. Die entwickelten Länder des Westens würden keinen Hunger mehr kennen, doch die Weltgemeinschaft habe eine Verantwortung, auch dort hinzusehen, wo es mehr Probleme gebe. "Und das ist auch eine Frage der Finanzen", sagte sie.

Kurz nach dem Auftritt von Reiss-Andersen in Oslo meldete sich David Beasley, Direktor des WFP, aus dem Niger: "Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich keine Worte habe. Ich bin einfach so schockiert und überrascht."

© SZ/mcs
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