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Friedensnobelpreis:"Umstrittene Nobelpreise sind oft die wichtigsten"

Ex-Nobelpreiskomitee-Sekretär Geir Lundestad schrieb ein Buch über die Arbeit des Komitees - und musste dann gehen.

(Foto: AP)

Geir Lundestad war von 1990 bis 2015 Sekretär des Nobelpreiskomitees, das heute in Oslo den nächsten Friedensnobelpreisträger bekannt gibt. Was er verbessern würde - und welchen Preis seiner Amtszeit er für den wichtigsten hält.

Geir Lundestad, 73, war von 1990 bis 2015 Direktor des norwegischen Nobel-Institutes und Sekretär beim Nobelpreiskomitee. Als Sekretär hatte er zwar kein Stimmrecht, nahm in dieser Zeit aber immer an den Sitzungen teil, in denen das fünfköpfige Gremium die Preisträger festlegt. In seine Amtzeit fielen unter anderem die Preisverleihungen an Yassir Arafat, Schimon Peres und Jitzchak Rabin (1994), Barack Obama (2009), die EU (2012) und Liu Xiaobo (2010). 2015 veröffentlichte er ein Buch über seine Arbeit und äußerte dabei auch Kritik am Komitee. In der Folge musste er seinen Posten räumen.

SZ: Herr Lundestad, Alfred Nobel wollte, dass der Friedensnobelpreis an denjenigen geht, der im vergangenen Jahr "die beste oder meiste Arbeit" für Völkerverständigung, Abrüstung oder Friedenskongresse geleistet hat. Wer könnte das 2018 sein?

Geir Lundestad: Ich weiß es wirklich nicht. 2015 war es offensichtlich, da ging der Preis an das Quartett aus Tunesien. Das war das Land, in dem es sehr bedeutende Veränderungen gegeben hatte. 2016 war ein Preis für Kolumbien sogar noch offensichtlicher, trotz einiger Komplikationen im Friedensprozess. Letztes Jahr, der Preis für die Abrüstungsinitiative Ican, das war einer von vielen Preisen im Laufe der Jahre für nukleare Abrüstung. Solche Preise gibt es immer wieder. Aber dieses Jahr? Ich habe keinen klaren Favoriten.

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Viele der Preise, die in Ihrer Zeit vergeben wurden, waren umstritten, etwa der Preis für Obama oder die EU. Bereuen Sie manche Entscheidung?

Nein, ich bereue keinen der Preise. Viele waren umstritten - das stimmt - und manche glauben, umstrittene Preise sind falsch. Ich sehe das ganz anders: Wenn Sie die Geschichte ansehen, dann waren umstrittene Preise oft sehr wichtig.

Welche zum Beispiel?

Der Wichtigste war sicher der Preis für den deutschen Journalisten Carl von Ossietzky 1935, der auf die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufmerksam gemacht hatte. Der war hochumstritten, die nationalsozialistische Regierung übte massiven Druck auf Norwegen aus. Zwei Komitee-Mitglieder traten zurück, der König kam nicht zur Preisverleihung. Hitler war wütend.

Und aus meinen Jahren würde ich den Preis 2010 für den Schriftsteller und inhaftierten Dissidenten Liu Xiabo nennen. Der war auch sehr umstritten und beeinflusste die Beziehungen zwischen Norwegen und China negativ. Aber es war ein wichtiger Preis, weil das Komitee damals für wichtige Prinzipien eingetreten ist, in einer Zeit, als China immer mächtiger wurde und immer weniger Leute wagten, sich für Menschenrechte und Demokratie einzusetzen. Der Preis hat das getan und ich finde, genau das sollte er tun. Eine Kontroverse ist also prinzipiell nichts Falsches, sie kann sogar zum Erfolg eines Preises beitragen.

Der Preis für Barack Obama, war der erfolgreich?

Obama hat den Preis natürlich sehr früh in seiner Amtszeit bekommen. Aber in diesem Fall handelte es sich um eine Person, die für all die grundlegenden Prinzipien des Nobelpreises eintrat: Unterstützung für internationale Organisationen, internationalen Dialog, Abrüstung, Menschenrechte, Demokratie, Umweltschutz. Das Komitee meinte, es sei wichtig, den Präsidenten zu unterstützen. Aber der Preis war sehr umstritten, insbesondere in den USA.

Aber war er erfolgreich?

Obama war sehr zufrieden mit dem Preis, seine beiden großen Vorbilder Nelson Mandela und Martin Luther King hatten den Nobelpreis auch bekommen. Obama hielt außerdem die beste Nobelpreisvorlesung, die ich je gehört habe. Am Ende war der Preis vielleicht nicht so erfolgreich, wie das Komitee gehofft hatte. Aber es war auch keine Fehlentscheidung.

Wenn die fünf Komitee-Mitglieder und der Sekretär sich in Oslo treffen, um den Preisträger zu küren, wie läuft das ab. Wird gestritten?

Es verläuft meist überraschend ruhig. Die arbeiten ja das ganze Jahr an diesem Prozess, der gegenseitige Respekt ist hoch. Heftige Debatten sind ungewöhnlich. Aber sie kommen natürlich vor. Wenn man mit einem Preisträger absolut nicht einverstanden ist, dann muss man das Komitee verlassen. Das ist bislang dreimal vorgekommen: Beim Preis für von Ossietzky, 1973 als Henry Kissinger ausgezeichnet wurde und 1994 beim Preis für Yassir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin.

Das Komitee wird vom norwegischen Parlament gewählt. In den letzten Jahren wurde immer wieder über eine Reform nachgedacht. Was könnte besser werden?

Seit 1948 spiegelt das Komitee die Mehrheitsverhältnisse im Parlament wieder. Damit überlässt man den im Parlament vertretenen Parteien die Auswahl der Komitee-Mitglieder. Das halte ich für falsch. Der Proporz führt dazu, dass Leute ausgewählt werden, die in den jeweiligen Parteien Karriere gemacht haben. Sie sollten aber lieber die besten und klügsten Köpfe auswählen und dabei unabhängiger sein von Parteizugehörigkeit. Ich sehe aber keine Chance für so eine Reform, denn die Leute, die in dem Prozess beteiligt sind, finden, dass eigentlich alles ganz gut läuft. In den vergangenen Jahren gab es aber den Trend, bei der Auswahl der Komitee-Mitglieder den Parteihintergrund nicht mehr so stark zu betonen wie früher.

Es gibt auch die Idee, das Komitee für Mitglieder aus dem Ausland zu öffnen.

Das lehne ich ab. Es gibt sicher viele kluge Menschen aus dem Ausland, die etwas beitragen könnten. Aber: Wie sollen die ausgewählt werden? Denken Sie an den Kalten Krieg. Hätte man da einen aus dem Osten, einen aus dem Westen, einen aus einem neutralen Staat nehmen müssen? Das hätte nicht funktioniert. Oder nehmen Sie den verstorbenen UN-Generalsekretär Kofi Annan, mit dem ich gut bekannt war. Er hätte als Komitee-Mitglied dienen können. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass diese bekannten Leute alle eine internationale Agenda haben. Kofi Annan hätte niemals einen Preis unterstützt, der sehr kritisch gegenüber einem der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates ist, zu denen auch China gehört. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass er den Preis für Liu Xiabo unterstützt hätte.

Also doch lieber ein norwegisches Komitee.

Norwegen hat dem Preis als Standort gute Dienste geleistet. Das Nobelkomitee hat seit 1901 eine gute Bilanz vorzuweisen. Keine perfekte, denn niemand ist perfekt - es wird zum Beispiel für immer ein großes Versäumnis bleiben, dass Gandhi keinen Preis erhielt. Aber ich finde, insgesamt hat das Komitee einen überraschend guten Job gemacht.

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