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Friedensnobelpreis:"Es ist ein Irrglaube, dass ein Mensch allein die Welt repariert"

Fihn, Executive Director of ICAN, her husband Will Fihm Ramsay and Daniel Hogsta, coordinator, celebrate after ICAN won the Nobel Peace Prize 2017, in Geneva

Die Schwedin Beatrice Fihn, 37, ist Juristin und seit dem 1. Juli 2014 die Direktorin der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican).

(Foto: REUTERS)

Beatrice Fihn von der Anti-Atomwaffen-Initiative Ican nahm 2017 den Friedensnobelpreis entgegen. Wie er sich auf ihre Arbeit auswirkt - und warum sie findet, dass ihn nicht nur eine Person bekommen sollte.

Am Freitag wird bekanntgegeben, wer den Friedensnobelpreis 2019 erhält. Er ist mit neun Millionen Schwedischen Kronen dotiert - etwa 830 000 Euro - und der einzige Nobelpreis, der gelegentlich nicht an Individuen geht, sondern an Organisationen, die sich maßgeblich für den Frieden einsetzen.

Im Jahr 2017 hat die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) den Friedensnobelpreis erhalten. Ican kämpft seit 2007 gegen den Widerstand der Atommächte und vieler anderer Länder dafür, Atomwaffen per internationalem Vertrag zu verbieten. Die Initiative mobilisiert Atomwaffengegner in aller Welt und schaffte vor zwei Jahren das kaum für möglich Gehaltene: Im Juli 2017 wurde in New York der Internationale Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen unterzeichnet - er untersagt Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung. Dieser UN-Vertrag tritt aber erst in Kraft, wenn ihn 50 Länder ratifiziert haben.

Friedensnobelpreis 2019

Von Thunberg bis Trump

Entgegengenommen hat den Nobelpreis vor zwei Jahren Beatrice Fihn, die Direktorin von Ican.

SZ: Der Preis für Ican wurde allgemein als "Botschaft an die Atommächte" verstanden. Ist die Botschaft angekommen?

Beatrice Fihn: Ich würde sagen, angekommen ist die Botschaft bei den Adressaten - aber gefallen hat sie ihnen nicht. Die Atommächte haben versucht, andere Regierungen unter Druck zu setzen, damit die nicht den von uns entworfenen internationalen Vertrag unterschreiben und uns nicht unterstützen.

Die USA, Großbritannien und Frankreich haben ihre Botschafter nicht zu Ihrer Preisverleihung in Oslo geschickt. Seither ist der INF-Vertrag ausgelaufen, die USA haben den Atomdeal mit Iran einseitig gekündigt. Hat der Preis für Ihre Sache nichts gebracht?

Natürlich hat die Preisvergabe an Ican nicht die Politik verändert. Trump und Putin sagen ja nicht wegen des Nobelpreises: Okay, dann verabschieden wir uns jetzt von Atomwaffen. Aber der Preis hat unsere Ausgangsposition verbessert, Einfluss auf die Politik zu nehmen. 79 Länder unterstützen jetzt unseren Vertrag. Der Friedensnobelpreis ist wie ein Gütesiegel - und hat uns einige Aufmerksamkeit beschert.

Was hat sich durch die Auszeichnung für Sie noch verändert?

Plötzlich sind viel mehr Augen auf uns gerichtet. An uns werden hohe Erwartungen gesetzt, der Nobelpreis bringt einige Verantwortung mit sich. Nach der Auszeichnung 2017 wurde ich sofort nach einem Tweet gefragt, in dem ich einen Witz über Trump gemacht hatte. Wir müssen also ein bisschen mehr aufpassen, was wir sagen. Außerdem hatten wir uns vorher selbst immer als die Underdogs gesehen: eine kleine Kampagne, die es sich erlauben kann, scharfe Kritik zu üben. Jetzt haben wir plötzlich selbst Macht.

Man darf sich aber auch nicht zu sehr ablenken lassen. Ich meine, wir wollen keine Berühmtheiten sein, die nur durch die Welt reisen, um über ihren Nobelpreis zu reden. Wir versuchen, weiterzumachen mit der Arbeit, für die wir ausgezeichnet worden sind.

Vor diesem Problem steht nicht jeder Preisträger, manche werden ja eher für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Andererseits sind auch schon Preise in Erwartung guter Taten vergeben worden, etwa 2009 an den damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Finden Sie, der Friedensnobelpreis sollte eher im Vorhinein vergeben werden oder eher im Nachhinein?

Hm, gute Frage, ich würde sagen: beides. Für uns war es genau der richtige Moment, den Preis zu erhalten. Wir hatten gerade etwas erreicht: Nur wenige Monate zuvor waren die Verhandlungen für unseren Vertrag abgeschlossen. Bloß waren kaum Regierungen bereit, ihn zu unterschreiben. Als Nobelpreisträger wurden wir bekannter und konnten besser für den Vertrag werben. Ich glaube, das ist ein guter Nutzen für den Preis. Inzwischen haben den Vertrag ja 32 Staaten ratifiziert, unterstützt wird er von 79. Wir hoffen, im kommenden Jahr auf die nötigen 50 Staaten zu kommen.

2017 gingen Sie noch davon aus, dieses Quorum bis Ende 2018 zu erreichen. War dann der Effekt des Preises doch nicht so groß?

Wir haben einfach unterschätzt, wie langsam die Bürokratie in den einzelnen Ländern arbeitet. Deswegen dauert die Ratifizierung länger als gedacht. Aber wir lassen uns dadurch nicht entmutigen. Unsere Arbeit wird nie vollendet sein.

Ich glaube, so muss man auch Frieden im Allgemeinen betrachten: Frieden ist nie fertig. Selbst wenn Friedensverhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden und beide Seiten unterschrieben haben, gibt es noch viel zu tun: Die Einigung muss umgesetzt werden, Frieden muss erhalten werden und über die Zeit gestärkt werden. Genauso ist es in der Sicherheitspolitik. Das ist Langzeit-Arbeit. Und es ist eine Arbeit, die von Kooperation und Koalitionen geprägt ist. Es ist ein Irrglaube, dass ein Mensch allein die Welt repariert.

Sollte das Nobelkomitee also besser Initiativen auszeichnen, wie im Fall von Ican, statt einzelne Menschen?

Ich finde es gut, wenn sie Organisationen auswählen. Das macht Menschen darauf aufmerksam, dass sie sich zusammenschließen können, statt sich zu ärgern und sich zurückzuziehen. Wir leben ja in einer extrem individualistischen Gesellschaft, in der wir berühmte Einzelpersonen feiern. In Wahrheit entsteht Frieden durch einen Kommunikationsprozess, an dem abseits der Öffentlichkeit viele, viele Menschen mitarbeiten, oft aus der Zivilgesellschaft. Keiner kann das allein.

Das heißt aber nicht, dass nur noch NGOs ausgezeichnet werden sollen. Auch einzelne, besonders inspirierende Menschen spielen ja eine Rolle.

Wer würde dieses Jahr ausgezeichnet, wenn es nach Ihnen ginge?

Es gibt eine Menge Menschen und Initiativen, die ihn verdienen. Da ist die Klimabewegung, die ein wichtiges Thema vertritt und gerade Unterstützung brauchen könnte. Da sind die, die den Frieden zwischen Äthiopien und Eritrea ausgehandelt haben. Konfliktlösung, Entwicklung, Sicherheit - es gibt viele wichtige Probleme zu lösen.

Ich würde mich freuen, wenn der Preis an jemanden aus der Zivilgesellschaft geht. Ich finde es gut, wenn der Nobelpreis auf zwei Personen aufgeteilt würde: eine, die Aufmerksamkeit schafft, und eine, die Lösungswege anführt. Und am besten natürlich Frauen.

Bislang haben den Friedensnobelpreis 26 Organisationen, 89 Männer und 17 Frauen erhalten. Sie wollen also, dass sich das ändert?

Natürlich solltest du keinen Nobelpreis bekommen, bloß weil du eine Frau bist. Es soll ihn erhalten, wer am besten ist. Aber Frauen sind eben unterrepräsentiert beim Nobelpreis, wie sie unsere Gesellschaft auch sonst ausschließt und zu wenig beachtet. Dabei machen viele Frauen in der Zivilgesellschaft die Organisation an der Basis, das Netzwerken, die langfristige Arbeit. Oft blicken wir nur auf die Staatenlenker, meistens Männer, die Verträge unterzeichnen. Diese Verträge wären ohne die Zivilgesellschaft nicht zustande gekommen, in der Frauen oft Hauptrollen spielen. Auch deswegen meine ich, dass mehr Aktivisten ausgezeichnet werden sollten.

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