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Frauen im Nahostkonflikt:"Es gibt nicht mehr Jobs, es gibt keine anderen Männer"

Nesma Ali ist 30 Jahre alt. Auch sie muss heute bei Sonnenuntergang im Elternhaus sein. Am Vortag traf sie erst um 22 Uhr ein, da gab es Streit. "Mein Vater schlägt mich wenigstens nicht. In unserer Kultur ist ein guter Mann, wer Frauen und Kinder schlägt. Schlag sie! Schlag sie! Man muss immer aufpassen, was die Nachbarn sagen. Es geht um den guten Ruf." Was die Leute über sie reden, weiß Nesma Ali: "Ich bin eine Schande. Ich bin geschieden und daher ein Problem für meine Familie. Aber wenigstens hat sie mich wieder aufgenommen." Auch in ihrem Teilzeitjob als Universitätsassistentin für Medienkunde, für den sie drei, manchmal vier Monate später bezahlt wird, lasse man sie ihr "Stigma" spüren. "Man ruft mir schlechte Wörter nach. Eine Scheidung ist wie ein Verbrechen. Aber nur für die Frau."

Für Dalal Mohammed kommt eine Heirat als Ausweg nicht in Frage, darüber nachgedacht hat sie aber. "Das Risiko ist, dass der Mann noch konservativer sein kann als mein Vater oder mein Bruder. Es ist nicht üblich, sich zu verlieben und dass dann der Mann fragt, ob er mich heiraten kann." Dalal Mohammed ist die Zweitjüngste und die einzige unter fünf Schwestern, die noch ledig ist. Mit ihren Freundinnen diskutiert sie, ob es leichter sei, einen guten Mann oder einen guten Job zu bekommen. "Viele wollen heiraten, um den Einschränkungen in der Familie zu entkommen. Aber es kann schlimmer werden. Ich möchte lieber einen Job, denn das würde mir eine Perspektive geben." Aber die Chancen sind gering: Nur 19,3 Prozent der Frauen in den palästinensischen Gebieten haben einen Job - einer der niedrigsten Werte weltweit. Die Arbeitslosenquote im Gazastreifen liegt bei den unter 24-Jährigen offiziell bei 61,4 Prozent.

Derzeit verhandeln die Hamas und die Fatah wieder über die Übergabe der Regierungsgeschäfte und mit Israel über einen langfristigen Waffenstillstand - unter Vermittlung von Ägypten und der Vereinten Nationen. Ob sie Hoffnung habe, dass sich etwas ändern würde? "Nein, ich habe keine Hoffnung mehr." Auch Nesma Ali meint, es gebe höchstens Veränderungen in der Politik. "Aber das erreicht uns unten nicht. Wir merken es nicht auf der Straße. Es gibt nicht mehr Jobs, es gibt keine anderen Männer. All das ändert sich nicht von heute auf morgen."

Wenn die Blockade des Gazastreifens aufgehoben werden würde und sie sich frei bewegen könnten, wohin würde ihre erste Reise gehen? "Alle träumen davon, raus zu gehen. Es gibt keine Träume in Gaza", sagt Nesma Ali. "Aber ich würde nicht rausgehen, weil meine Mutter und mein Vater alt sind. Später vielleicht einmal." Dalal Mohammed zuckt mit den Schultern: "Auch wenn die Grenzen offen wären, dann würde mir meine Familie nicht erlauben zu reisen. Ich stelle mir zwar vor, wie es ist, an der Côte d'Azur zu sein. Aber eigentlich habe ich gar keine Träume mehr, auch das habe ich schon aufgegeben."

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