Süddeutsche Zeitung

Frauen im Nahostkonflikt:"Es gibt keine Träume in Gaza"

  • Seit elf Jahren herrscht die islamistische Hamas im Gazastreifen.
  • Die Menschen in dem übervölkerten Küstengebiet dürfen nicht reisen, nicht einmal ins Westjordanland.
  • Frauen leiden besonders, viele von ihnen leben in Unfreiheit.

Dalal Mohammed blinzelt in die Sonne. "Wenn ich aufs Meer schaue, dann kann ich mir vorstellen, dass ich an der Côte d'Azur wäre", sagt die 23-Jährige. "Aber ich darf nur geradeaus schauen." Sie hat den türkisfarbenen Plastikstuhl so gestellt, dass sie nur das Meer im Blick hat. Aber das Wasser ist nicht blau, sondern braun, und es stinkt wegen der ungeklärten Abwässer, die hineinfließen.

Das ist Gaza, nicht Nizza. Seit die radikalislamistische Hamas vor elf Jahren an die Macht gekommen ist, hat es drei Kriege mit Israel gegeben, zuletzt 2014. Die von der EU und den USA als Terror-Organisation eingestufte Hamas hat sich als unfähig erwiesen, die Regierungsgeschäfte zu führen. Mitschuld an der ökonomischen Misere ist auch die Blockade durch Israel und Ägypten, der Gazastreifen ist durch einen drei Meter hohen Zaun hermetisch abgeriegelt. Die Menschen dürfen nicht reisen - nicht mal ins Westjordanland, denn dazwischen liegen 90 Straßenkilometer über israelisches Territorium. Raus dürfen Palästinenser nur mit einer Erlaubnis der israelischen Behörden. Die Bearbeitung eines Antrags kann Monate dauern, manchmal auch Jahre. Und man muss triftige Gründe haben, etwa eine medizinische Behandlung oder die Einladung zu einem Studium im Ausland. Mit rund zwei Millionen Menschen ist der 365 Quadratkilometer kleine Küstenstreifen überfüllt. Viele haben das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben.

Durch die Abschottung hat sich der Einfluss der islamistischen Hamas erst so richtig entfalten können, und die Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahrzehnt massiv verändert. Sie ist konservativer geworden, stärker religiös geprägt und radikaler.

Ein Strandcafé als Zufluchtsort

Darunter leiden vor allem die Frauen. Das durch einen Strohzaun abgetrennte Café al-Baqa mit seinem bunten Mobiliar im Sand ist das einzige Lokal am Strand und wirkt wie eine Oase, die nicht ins triste Bild von Gaza-Stadt passt. Das Strandcafé ist ein Zufluchtsort für Frauen wie Dalal Mohammed, die in einem abgetrennten Bereich sitzen. Hier können sie kleine Freiheiten genießen, die ihnen anderswo, zum Teil auch zuhause, verwehrt werden. Zum Beispiel Schischa rauchen: "Zu Beginn des Hamas-Regimes haben sie Frauen gesteinigt, wenn sie in der Öffentlichkeit geraucht haben. Ich hatte Angst davor, dass mir das auch passiert. Dann habe ich das nur noch zu Hause gemacht", erzählt Nesma Ali, die an einer Wasserpfeife zieht.

Als die Hamas vergangenen Oktober angekündigte, die Regierungsgeschäfte im Gazastreifen an die palästinensische Autonomiebehörde zu übergeben, waren die religiösen Eiferer nicht mehr so streng mit der Durchsetzung ihrer Vorstellungen. Aber das hat sich wieder geändert, nachdem die Hamas sich weigerte die Sicherheitskontrolle abzugeben. Seitdem achtet sie wieder auf das Alkoholverbot. "Manchmal kommen Hamas-Leute vorbei und verbieten uns zu rauchen. Aber normalerweise wird es hier toleriert." Nesma Ali trägt dagegen eine schwarze Hose, einen braunen Pullover und keine Kopfbedeckung. "Dafür zahle ich einen hohen Preis. Ich werde angepöbelt auf der Straße. Sie nennen mich alles Mögliche. Das kommt nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen."

Im südlichen Teil des Küstenstreifens tragen fast alle Frauen Gesichtsschleier, den Niqab. In den Straßen von Gaza-Stadt sind rund die Hälfte der Frauen mit Gesichtsschleier zu sehen, niemand geht auf die Straße ohne Kopftuch. Selbst zwölfjährige Mädchen tragen ein weißes Kopftuch in der Schule. Auch Dalal Mohammed trägt eins, eigentlich zwei. Ein enges schwarzes und darüber ein loses blaues, das farblich zu ihren Jeans passt. Überhaupt eine Hose zu tragen, das muss sich Dalal Mohammed jedes Mal hart erkämpfen. Denn der Vater bestimmt, was die 23-Jährige anzieht. Ginge es nach ihrem Bruder, dürfte sie ohne Gesichtsschleier nicht ins Freie gehen. Seiner Ansicht nach dürfte sie nie ohne männliche Begleitung außer Haus - wie seine Ehefrau, die Niqab tragen muss.

Für Dalal Mohammed ist das Strandcafé ein Zufluchtsort, ein paar Stunden weg von zu Hause. Sie kann nur alle zwei Wochen hierher kommen, manchmal auch nur einmal im Monat. "Wenn mir eine gute Ausrede einfällt, eine Lüge. Denn ich darf nicht jeden Tag raus, ich benötige von meinem Vater eine Erlaubnis." Dabei hat sie ein Studium der Informationstechnologie hier in Gaza-Stadt absolviert. Schon vor Sonnenuntergang muss sie zu Hause sein, das ist im Winter um 16 Uhr. "Ich kann nicht einfach sagen, ich gehe hierher, um Freundinnen zu treffen. Ich muss lügen und sagen, ich gehe zu einem Bewerbungsgespräch oder habe noch einmal einen Termin an der Uni." Die Mutter weiß meistens Bescheid und deckt sie. Aber ihrem Vater dürfte sie nie die Wahrheit sagen.

"Es gibt nicht mehr Jobs, es gibt keine anderen Männer"

Nesma Ali ist 30 Jahre alt. Auch sie muss heute bei Sonnenuntergang im Elternhaus sein. Am Vortag traf sie erst um 22 Uhr ein, da gab es Streit. "Mein Vater schlägt mich wenigstens nicht. In unserer Kultur ist ein guter Mann, wer Frauen und Kinder schlägt. Schlag sie! Schlag sie! Man muss immer aufpassen, was die Nachbarn sagen. Es geht um den guten Ruf." Was die Leute über sie reden, weiß Nesma Ali: "Ich bin eine Schande. Ich bin geschieden und daher ein Problem für meine Familie. Aber wenigstens hat sie mich wieder aufgenommen." Auch in ihrem Teilzeitjob als Universitätsassistentin für Medienkunde, für den sie drei, manchmal vier Monate später bezahlt wird, lasse man sie ihr "Stigma" spüren. "Man ruft mir schlechte Wörter nach. Eine Scheidung ist wie ein Verbrechen. Aber nur für die Frau."

Für Dalal Mohammed kommt eine Heirat als Ausweg nicht in Frage, darüber nachgedacht hat sie aber. "Das Risiko ist, dass der Mann noch konservativer sein kann als mein Vater oder mein Bruder. Es ist nicht üblich, sich zu verlieben und dass dann der Mann fragt, ob er mich heiraten kann." Dalal Mohammed ist die Zweitjüngste und die einzige unter fünf Schwestern, die noch ledig ist. Mit ihren Freundinnen diskutiert sie, ob es leichter sei, einen guten Mann oder einen guten Job zu bekommen. "Viele wollen heiraten, um den Einschränkungen in der Familie zu entkommen. Aber es kann schlimmer werden. Ich möchte lieber einen Job, denn das würde mir eine Perspektive geben." Aber die Chancen sind gering: Nur 19,3 Prozent der Frauen in den palästinensischen Gebieten haben einen Job - einer der niedrigsten Werte weltweit. Die Arbeitslosenquote im Gazastreifen liegt bei den unter 24-Jährigen offiziell bei 61,4 Prozent.

Derzeit verhandeln die Hamas und die Fatah wieder über die Übergabe der Regierungsgeschäfte und mit Israel über einen langfristigen Waffenstillstand - unter Vermittlung von Ägypten und der Vereinten Nationen. Ob sie Hoffnung habe, dass sich etwas ändern würde? "Nein, ich habe keine Hoffnung mehr." Auch Nesma Ali meint, es gebe höchstens Veränderungen in der Politik. "Aber das erreicht uns unten nicht. Wir merken es nicht auf der Straße. Es gibt nicht mehr Jobs, es gibt keine anderen Männer. All das ändert sich nicht von heute auf morgen."

Wenn die Blockade des Gazastreifens aufgehoben werden würde und sie sich frei bewegen könnten, wohin würde ihre erste Reise gehen? "Alle träumen davon, raus zu gehen. Es gibt keine Träume in Gaza", sagt Nesma Ali. "Aber ich würde nicht rausgehen, weil meine Mutter und mein Vater alt sind. Später vielleicht einmal." Dalal Mohammed zuckt mit den Schultern: "Auch wenn die Grenzen offen wären, dann würde mir meine Familie nicht erlauben zu reisen. Ich stelle mir zwar vor, wie es ist, an der Côte d'Azur zu sein. Aber eigentlich habe ich gar keine Träume mehr, auch das habe ich schon aufgegeben."

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Quelle:
SZ vom 17.08.2018/mane
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