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Coronakrise in Frankreich:Quarantäne ist nicht gleich Quarantäne

DESERTED STREETS OF PARIS - MONTMARTRE - THE SACRE-COEUR SQUARE IS DESERTED. A MAN LOOKS AT THE VIEW LES RUES DESERTES D

Ein Mann blickt von Montmartre über Paris.

(Foto: Hans Lucas/imago images)
  • Die Schritte zur Eindämmung des Coronavirus verschärfen in Paris den Gegensatz zwischen Arm und Reich.
  • Viele Reiche sind in ihre komfortablen Zweitwohnsitze gezogen. Die Armen hängen in beengten Verhältnissen in den Banlieues fest.
  • Sie verstoßen häufiger gegen die Ausgangsbeschränkungen - und sehen sich deshalb mit Vorurteilen konfrontiert.
  • Auch in anderer Hinsicht sind sie besonders benachteiligt durch die Krise.

Nach zwei Wochen Ausgangssperre sind in ganz Paris die Straßen gleichmäßig leer. Und die Wohnungen sehr ungleichmäßig voll. Wie sehr die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus den extremen Gegensatz zwischen Arm und Reich in Frankreichs Hauptstadt und ihren Vorstädten noch verstärkt haben, lässt sich gut an zwei Meldungen ablesen: Kurz ehe das Reiseverbot in Kraft trat, verließen 1,2 Millionen Menschen den Großraum Paris - 17 Prozent der Einwohner der Metropolregion.

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Die Daten über die Stadtflucht stammen vom Mobilfunkanbieter Orange, der zugleich ausgewertet hat, wo sich die Handynutzer nun ballen. Unter anderem auf der Île de Ré, einer teuren Ferieninsel, deren Bewohnerzahl in der Ausgangssperre laut Orange um 30 Prozent gewachsen ist.

Zugleich meldete die Polizei, dass in keiner Region Frankreichs so viele Verstöße gegen die Einschränkung der Bewegungsfreiheit festgestellt wurden wie in Seine-Saint-Denis, in der nordöstlichen Banlieue von Paris. Die wenigsten Franzosen haben Seine-Saint-Denis schon selbst besucht, die meisten kennen es als Chiffre für Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität.

Über Wochen eingesperrt in der Wohnung? Der Gedanke klang für die Menschen in den besseren Vierteln so schwer erträglich wie für die in den Wohntürmen von Seine-Saint-Denis. Während erstere in ihre Zweitwohnsitze zogen, spielten letztere Fußball. "Disziplinlos", titelte der Parisien. Und jeder Fußballspieler zahlte 135 Euro Strafe.

Mimoun K. ist der erste Franzose, der nicht nur Strafe zahlen, sondern Sozialstunden leisten muss, weil er zu oft die Ausgangssperre brach. Am Dienstag wurde der 22-Jährige zu 105 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil die Polizei ihn in den ersten zwei Wochen der Ausgangssperre fünfmal ohne gültigen Passierschein aufgriff.

Seine Verteidigung? "Nach einer Woche zu siebt in einer Zweizimmerwohnung wollte ich mal Luft schnappen", sagte K. dem Richter. Er sei aus der Wohnung, die er sich mit Geschwistern und Eltern teilt, ins Auto umgezogen. K. lebt am nordöstlichen Rand von Paris, dort, wo die Stadt in verarmte Vororte übergeht.

Für manche ist es schwerer, die Auflagen umzusetzen

Mimoun K.s Fall ist ein extremes Beispiel. Die große Mehrheit der Franzosen hält sich an die Ausgangssperre und unterstützt sie, 93 Prozent der Befragten haben in einer YouGov-Umfrage angeben, dass sie die aktuelle Regelung für "notwendig" halten.

Doch auch wenn Einigkeit über die Richtigkeit der Maßnahmen herrscht, sind sie je nach ökonomischer Lage für den Einzelnen unterschiedlich leicht umzusetzen. Wo die Löhne am niedrigsten sind und die Wohnungen am engsten, ist auch die Zahl derer besonders hoch, die ihre Arbeit nicht einfach ins Home-Office verlegen können.

Zum medizinischen Notstandt gesellt sich der rassistische Blick

Am 26. März starb die 52-jährige Kassiererin Aïcha Issadounène im Krankenhaus. Drei Jahrzehnte hatte sie in einem der großen Supermärkte in Seine-Saint-Denis gearbeitet, in der Woche vor ihrem Tod wurde festgestellt, dass sie an Covid-19 erkrankt war. Der Markt, in dem Issadounène an der Kasse saß, war berühmt geworden, weil sich die Käufer dort am ersten Tag der Ausgangssperre so dicht drängten, dass spektakuläre Bilder im Fernsehen gezeigt wurden.

Der Wochenmarkt, wo man in Seine-Saint-Denis das günstigste Obst und Gemüse bekam, ist geschlossen, bleiben nur die Supermärkte. Es ist unklar, wo Issadounène sich ansteckte, bei der Arbeit oder auf dem Weg. Sicher ist nur, dass ihre Kollegen, die weiterarbeiten, immer noch keine Atemmasken haben.

Die Menschen leben nicht nur eng, sie haben auch weniger medizinische Versorgung

Das Krankenhaus von Bondy, einem der sozialen Brennpunkte von Seine-Saint-Denis, war das erste der Metropolregion, das keine neuen Corona-Patienten mehr aufnehmen konnte. Die medizinische Versorgung in den Vororten passt zum Rest der spärlichen Infrastruktur: Es gibt weniger Ärzte, die Kliniken sind schlechter ausgestattet.

Romain Dufau, Notaufnahme-Chef in Bondy, erklärte in Le Monde, warum sich das Virus dort schneller ausbreitet, wo den Menschen besonders schlecht geholfen werden kann. "Es ist nicht selten, dass hier Familien zu sechst auf 45 Quadratmetern leben, aus dieser Lage wollen die Jüngeren ausbrechen und gehen raus." Hinzu kämen viele schwarz Beschäftigte, die keine finanzielle Absicherung haben, wenn sie wegen der Pandemie zu Hause bleiben. "Diese Menschen haben keine Wahl und fahren weiter zur Arbeit", so Dufau. Zudem "schaffen es die Lieferdienste nicht in die Vorstädte", jeder muss selber vor die Tür.

Das Interview war ein Hilferuf. Der konservative Politiker Aurélien Véron, der für die Liste der Republikanerin Rachida Dati im Pariser Wahlkampf in den exklusiven Innenstadtarrondissements kandidiert hatte, teilte den Le Monde-Beitrag auf Twitter. Und schrieb dazu: "Die Jungen haben sich nicht an die Ausgangssperre gehalten, ihre älteren Familienmitglieder zahlen den Preis dafür." Es schwang mit, was seit Tagen in sozialen Netzen gehetzt wurde - die Migrantenkinder in den Vororten verbreiten das Virus.

Frankreichs Chefpolemiker, Éric Zemmour, hatte am zweiten Tag der Ausgangssperre zu bester Sendezeit auf CNews Einwandererviertel aufgezählt, in denen "vor allen Dingen Afrikaner die Ausgangssperre kaum respektieren". Ohne unterbrochen zu werden, führte Zemmour aus, dass besagte "Afrikaner" trotz des Virus "Grillfeste" veranstalten würden, weil "sie sagen, das ist eine Krankheit der Weißen, vor der uns Allah schützt".

Zum medizinischen Notstand in den Vorstädten gesellt sich der rassistische Blick derer, die auf der Suche nach einem Sündenbock immer bei denen landen, die nicht Jean, Jules oder Claire heißen.

© SZ vom 02.04.2020/gal
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