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Coronavirus:In Frankreich rebellieren die Gefangenen

Coronavirus - Frankreich

Im Gefängnis von Uzerche kletterten gut 40 Inhaftierte auf das Dach eines Gebäudeflügels und verbrannten dort Matratzen.

(Foto: Pascal Lachenaud/dpa)
  • In Frankreich kam es in zahlreichen Gefängnissen zu kleineren Aufständen und in zwei Fällen sogar zu Meutereien.
  • Durch das Wegfallen der Besuche steigt die psychische Belastung für Inhaftierte und so auch für Wächter.
  • Zudem sind die Haftanstalten ohnehin massiv überbelegt.

Eigentlich ist der Sonntag in Frankreichs Gefängnissen der Besuchstag für diejenigen, die lange Haftstrafen abzusitzen haben. Doch dieser Sonntag führte in zahlreichen Gefängnissen zu kleineren Aufständen und in zwei Fällen sogar zu Meutereien. Es war der erste unter den neuen Corona-Bedingungen - wo die Ausgangssperre eben auch für Familien gilt, die Vater, Sohn oder Schwester in der Haftanstalt besuchen wollen.

Die größte Gewerkschaft der Gefängniswärter, SNP-FO, berichtete am Sonntagabend, dass sich in Meaux, Nantes, Carcassonne, Moulins, Limoges, Rennes, Saint-Malo, Nizza und Fleury-Mérogis jeweils Dutzende Häftlinge geweigert hätten, in ihre Zellen zurückzukehren. Die Wärter mussten jeweils polizeiliche Unterstützung anfordern. In Maubeuge und Longuenesse kam es zu Meutereien der Insassen, Wachpersonal wurde mit Gegenständen beworfen, Mobiliar zerstört.

Am stärksten war das Gefängnis in Uzerche im Département Corrèze betroffen. Lokale Medien berichteten, dass gut 40 Inhaftierte auf das Dach eines Gebäudeflügels kletterten und dort Matratzen verbrannten. Die Meuterei begann am Nachmittag, und es dauerte bis spät in die Nacht, ehe Polizei und Wachpersonal wieder die Kontrolle erlangten. Der Gewerkschaft UFAP-Unsa-Justice zufolge wurden dabei mehr als 200 Zellen so stark verwüstet, dass sie nicht mehr benutzt werden können, Gefangene mussten verlegt werden. Über Stunden hatten sich mehr als 100 Männer frei in einem Nebentrakt des Gefängnisses bewegt. In Uzerche waren nicht nur die Besuche gestrichen worden, sondern auch alle Freizeitaktivitäten. Sport- und Kulturprogramm fallen aus.

Um den Verzicht auf Besuche zu erleichtern, hatte Frankreichs Justizministerin Nicole Belloubet angekündigt, dass jeder Inhaftierte ein monatliches Telefonguthaben von 40 Euro bekommt.

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Das Coronavirus trifft Frankreichs Gefängnisse aber auf verschiedenen Ebenen. Zum einen steigt durch das Wegfallen der Besuche die psychische Belastung für Inhaftierte und so auch für Wächter. Zum anderen sind die Haftanstalten ohnehin massiv überbelegt. Das erschwert es, Maßnahmen durchzuführen, die eine Verbreitung des Coronavirus verhindern sollen. "Social Distancing"? Schwierig in Zellen, die für eine Person ausgelegt sind, in der aber bis zu drei Menschen untergebracht sind.

Matratzen auf dem Boden, um die Kapazität zu erhöhen

Das Problem der überfüllten Gefängnisse war schon lange vor der Corona-Krise bekannt. Im Januar 2018 waren Hunderte Gefängniswärter in einen wochenlangen Streik getreten, um auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Mehr als 80 französische Gefängnisse haben deutlich mehr Häftlinge aufgenommen, als Betten zur Verfügung stehen. Inhaftierte und Wärter berichten davon, dass Matratzen einfach auf den Boden gelegt werden, um die Kapazität der Gefängnisse zu erhöhen. Die Enge in den Haftanstalten führt zu einem deutlich erhöhten Aggressionslevel.

Die Haftanstalt von Longuenesse, wo am Sonntag eine der drei Meutereien ausbrach, hat offiziell 193 Plätze, doch tatsächlich sind dort mehr als 300 Männer inhaftiert. Die Häftlinge protestieren dagegen. 32 von ihnen, aus verschiedenen Gefängnissen, haben gemeinsam Klage erhoben, um auf unmenschliche Haftbedingungen aufmerksam zu machen. Im Januar dieses Jahres gab ihnen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte recht und sprach eine Rüge für Frankreich aus.

In Nicht-Corona-Zeiten kommt das Land auf bis zu 200 neu angetretene Haftstrafen pro Tag. Justizministerin Belloubet verwies vergangene Woche darauf, dass aktuell nur 30 Menschen pro Tag in ein Gefängnis eingewiesen würden. Nun werde geprüft, ob Häftlinge, die wegen leichter Delikte kurze Strafen absitzen, vorzeitig entlassen werden können.

Am 16. März war in Frankreich ein Häftling am Coronavirus gestorben. Der Mann war ein 74-jähriger Diabetiker - und in einer Einzelzelle untergebracht.

© SZ/ick
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