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Frankreich:Sie nennen es Arbeit

Abendessen in privater Runde: Das Palais Vivienne gehört dem Kunstsammler Pierre-Jean Chalençon. Wer immer bei ihm zu Gast war, hätte um 19 Uhr zu Hause sein müssen.

(Foto: Thomas Coex/AFP)

In Paris sind die Restaurants geschlossen. Wer Zugang zu den besten Kreisen hat, kann sich dennoch teuer bekochen lassen.

Von Nadia Pantel, Paris

Wer luxuriöse Restaurantbesuche als Arbeit definieren kann, ist fein raus. Diese Lektion konnte man in dieser Woche in Frankreich lernen. Seit dem ersten Aprilwochenende empört sich das Land über exklusive Gourmet-Klubs, in denen für geladene Gäste teure Menüs serviert werden, während für den Rest der Bevölkerung die Restaurants seit einem halben Jahr geschlossen sind. Inzwischen hat der Skandal um die Geheim-Restaurants auch den ersten Politiker eingeholt. Das Investigativ-Portal Mediapart enthüllte, dass Brice Hortefeux Ende März gemeinsam mit dem bekannten Polit-Kommentator Alain Duhamel essen ging.

Hortefeux, Mitglied der konservativen Républicains, Abgeordneter im Europaparlament und früher Innenminister unter Nicolas Sarkozy, streitet das Treffen mit Duhamel nicht ab, ist sich jedoch keiner Schuld bewusst. Es habe sich um ein "Arbeitsessen" gehandelt, so Hortefeux gegenüber der AFP, und "man hat mir garantiert, dass alles legal ist". Wer genau diese Garantie gegeben haben soll, erörtert Hortefeux nicht. Er führt zu seiner Verteidigung an, dass das Essen "in einer Privatwohnung" stattgefunden habe, er und Duhamel und ein weiterer Gast hätten sich "mit weniger als sechs Personen" in einem abgetrennten Raum aufgehalten, es sei also "gegen keine Regel verstoßen" worden, so Hortefeux.

Doch tatsächlich sind die Restaurants völlig unabhängig davon geschlossen, ob sie nun drei, sechs oder 15 Gäste empfangen. Und auch unabhängig davon, ob Gäste ihre gemeinsamen Mittagessen "Arbeit" nennen oder nicht.

Himmlische Masthühnchen mit Entenstopfleber

Bei der Privatwohnung, die Hortefeux besuchte, handelt es sich um den "Leroy's Businessclub", der von dem Jetset-Koch Christophe Leroy betrieben wird. Der französische Restaurantkritiker Gilles Pudlowski hatte bereits im November über das Essen im "Leroy's Businessclub" geschrieben und von dem "himmlischen" Masthühnchen geschwärmt, das mit Entenstopfleber und Trüffeln serviert wurde. Auch Pudlowski will nichts Illegales an seinem Restaurant-Besuch finden, da sie nur "sehr wenige Gäste in einem großen Zimmer gewesen seien" und es ihm eher wie ein "Testessen" vorgekommen sein. Ein Arbeitsessen in seiner Funktion als Gastronomie-Experte also. "Das war ja keine Rave-Party", erklärte Pudlowski der Libération.

Für den Koch Leroy ist die Affäre um Hortefeux der kleinere Skandal. Die Staatsanwaltschaft befragte ihn am Freitag zu Abendgesellschaften, die er in einem Pariser Stadtpalast gemeinsam mit dem Kunstsammler Pierre-Jean Chalençon veranstaltet hat. Trotz landesweiter nächtlicher Ausgangssperre um 19 Uhr. Trotz geschlossener Restaurants. Gegen Leroy und Chalençon wird ermittelt, seit eine Fernsehdokumentation über die Abende berichtete, die allerdings auch zuvor schon gut sichtbar in den sozialen Netzwerken beworben wurden. Die Anwälte von Leroy und Chalençon führen an, dass die Abende nicht verboten gewesen seien, da es sich um private Einladungen in dem privaten Stadtpalast "Palais Vivienne" gehandelt habe, das Chalençon gehört.

Chalençon hatte massiv zur Explosion des Skandals beigetragen, indem er behauptete, auch Minister hätten an seinen Abenden teilgenommen. Eine Aussage, die Chalençon inzwischen als "riesigen Aprilscherz" verstanden wissen möchte. Ganz so scherzhaft klang es allerdings nicht, als die Ministerin Marlène Schiappa vergangene Woche versicherte, der Regierungssprecher habe Einladungen in geheime Restaurants erhalten, diese jedoch "entschieden abgesagt". Warum der Regierungssprecher dann nicht im nächsten Schritt die illegale Gastronomie anzeigte, erklärte Schiappa nicht.

Frankreich befindet sich seit Ostern im Lockdown, um die Verbreitung des Coronavirus zu bremsen. Die Krankenhäuser in der Region um Paris sind seit Wochen so überlastet, dass Schwerkranke in benachbarte Regionen transportiert werden müssen.

© SZ/vgr
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